Impuls MCC Köln, Ines-Paul Baumann
4. Mai 2025
Hesekiel 34,1-6.7-11.15+16
Was in der heutigen Lesung am meisten meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, waren nicht die Bemerkungen zum Umgang mit den „Schwachen“, sondern die zum Umgang mit den „Starken“.
Selbstverständlich ist diese Unterscheidung nie so eindeutig wie es hier erscheinen mag. Es gibt nicht einfach „DIE Schwachen“ und „DIE Starken“. Erstens hängt es sehr vom Kontext ab, was überhaupt gerade als „schwach“ oder „stark“ gelten mag. Zweitens haben wir alle sowohl Anteile in uns, die als „stark“ eingeordnet werden können, als auch Anteile, die als „schwach“ gelten mögen. Drittens verändern wir uns; in beide Richtungen finden Entwicklungen statt. Viertens sind allein schon die Begrifflichkeiten (und die damit verbundenen Wertungen) fraglich. Und trotzdem gibt es in jeder Gesellschaft Strukturen, die dazu beitragen, dass Zuordnungen wie „schwach“ oder „stark“ sehr wirkmächtig sein können.
Der heutige 4. Mai ist der „Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“. Genau in einer Woche (am 11. Mai) lädt das Sommerblut-Festival ein zum „MAD PRIDE“:
„Die MAD PRIDE ist eine Demonstration. Eine Demonstration von Menschen mit Behinderungen und seelischen Erkranungen. Die Demonstration ist grenzen·los und stolz, verrückt, bunt und selbst·bewusst. Gemeinsam erobern wir die Straßen von Köln. Gegen Diskriminierung und Ausgrenzung jeglicher Art.“
Wäre das nicht ein passendes Predigtthema? Insbesondere nach unserer letzten Gemeindeversammlung, auf der wir darüber gesprochen haben, wie wir den Umgang mit Neurodiversitäten in unserer Gemeinde verbessern können?
Die für heute vorgeschlagenen Textlesungen schienen perfekt dazu zu passen. Das Johannesevangelium erläutert seine Vorstellungen von Jesus als einem Hirten. Diese Vorstellung ist zum einen angelehnt an römisch-griechische Kontexte der damaligen Zeit. Sie hat aber auch einen Ursprung in den Texten (und insbesondere in den Verheißungen) der jüdischen Tradition. Um zu verstehen, was das Johannesevangelium mit dem Bild von Jesus als Hirten zum Ausdruck bringen will, kann es also helfen, einen Blick in diese früheren Texte zu werfen. Genau das tut eine andere für heute vorgeschlagene Lesung – ein Abschnitt aus dem Buch Ezekiel:
1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? 3 Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. 4 Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. 5 Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. 6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder sie sucht.
7 Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort! 8 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, 9 darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort! 10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
(…)
15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten [andere Überlieferung: »vertilgen«]; ich will sie weiden, wie es recht ist.Ez 34, 1-6.7-11.15+16 (Lutherbibel)
Zuerst wird deutlich, was Gott (Hesekiels Meinung nach) NICHT will und deswegen anklagt: Es gibt ein hierarchisches Gefälle in der Gesellschaft, und diejenigen, die das Wohl aller im Auge haben sollten, haben nur ihr eigenes Wohl im Auge. Das führt dazu,
– dass den Schwachen, Kranken, Verwundeten, Verirrten und Verlorenen nicht zuteil wird, was sie brauchen,
– dass gegen andere, die als stark gelten, mit Gewalt vorgegangen wird,
– und dass es manche gibt, nach denen überhaupt nicht mehr gefragt wird.
Die Gemeinschaft ist zerstreut und wird aufgefressen von Interessen Einzelner, die sich der Gemeinschaft nicht zugehörig und nicht verpflichtet fühlen.
In dieser Situation stellt sich der Gott Hesekiels nicht nur an die Seite der Schwachen. Diesem Gott liegt eine Gemeinschaft am Herzen, in der ALLE ihren Platz bekommen und ALLE ihren Platz einnehmen können. Wenn zu diesen „ALLEN“ Starke nicht gehören, prangert er das ebenso an wie den Ausschluss der Schwachen.
Ihm liegt eine Gemeinschaft im Herzen, in der alle ihren Platz bekommen und alle ihren Platz einnehmen können. Wenn zu diesen „allen“ auch Starke nicht gehören, prangert er das ebenso an wie den Ausschluss der Schwachen.
Wenn der Gott Hesekiels das Hirtenamt dann also selbst in die Hand nimmt, ist es nur folgerichtig, dass er auf allen drei Ebenen Ziele hat, die dem Angeprangerten entgegenstehen:
– den Schwachen, Kranken, Verwundeten, Verirrten und Verlorenen soll zuteil werden, was sie brauchen,
– auch diejenigen, die als stark gelten, sollen behütet und recht geweidet werden,
– und diejenigen, die gar nicht mehr beachtet werden, sollen wieder Teil der Gemeinschaft werden.
Alles davon ist im Jesus der Evangelien präsent – aber nicht immer in den Gemeinden, die sich auf den Jesus der Evangelien berufen.
Manche fallen auf der einen Seite vom Pferd, z.B. indem sie gesellschaftlichen Ausschlüssen folgen wie Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit (und damit je nach Weltbild „Schwache“, „Kranke“ oder „Verirrte“ ausschließen).
Andere fallen auf der anderen Seite vom Pferd, z.B. indem sie sich mit Menschen schwer tun, die in ihren Augen als „stark“ gelten (manchmal reicht es dafür schon, einem Beruf mit festem Einkommen nachzugehen).
Ich glaube, als MCC Köln haben wir hier auch nicht immer beides angemessen gehandhabt. Auch bei uns gab und gibt es Ausschlüsse „Schwacher“. Und ebenso gab und gibt es auch bei uns Ausschlüsse „Starker“.
Bei den Jüngern Jesu (und in den Schriften des Neuen Testaments insgesamt) finden wir ebenfalls beide Tendenzen. Nicht zuletzt dürften beide Seiten dazu beigetragen haben, dass Jesus am Kreuz endete: Den einen war er nicht konsequent genug im Umgang GEGEN die „Starken/Richtigen“, den anderen war er nicht konsequent genug im Umgang GEGEN die „Verirrten/Falschen“.
Insofern finden wir aber auch für beide Seiten an Einseitigkeit einen Ausgleich:
– Für diejenigen, die sich zu einseitig auf die Seite der „Starken/Richtigen“ schlagen:
Das Neue Testament ist voll von Bezügen auf einen Glauben, der den „Schwachen/Falschen“ nicht nur diakonisch diente, sondern ihnen und ihren Erfahrungen, Sichtweisen und Schlussfolgerungen einen wichtigen Stellenwert einräumte. (Mein Lieblingsbeispiel: Die Beschreibung der Gemeinde in Korinth.)
– Für diejenigen, die sich zu einseitig auf die Seite der „Schwachen/Falschen“ schlagen: Das Neue Testament ist voll von Bezügen auf einen Glauben, der Früchte tragen konnte, weil sich „Starke/Richtige“ mit all ihren Gaben und Fähigkeiten in seinen Dienst stellten. (Auch hierfür dient die Gemeinde in Korinth als gutes Beispiel: Ohne Paulus und seine Kontakte, Ressourcen, Expertisen, Beständigkeit, Geltungsbedürfnisse und Überredungskünste wäre sie wohl kaum entstanden!)
Schon Jesus selbst hat beide Seiten im Ausgleich (oder auch in Spannung miteinander…) gehalten:
Ja, Jesus hatte den Ruf, sich mit den Säufern und Fressern einzulassen, mit Sexarbeiter*innen und Marginalisierten Zeit zu verbringen, und hat sich mit Hungernden und Inhaftierten identifiziert. Ja, seine Kontakte zur religiösen und politischen Macht waren geprägt von Auseinandersetzung, Reibereien, Provokationen (auf beiden Seiten), subversiven Aktionen und passivem, gewaltfreien Widerstand. „Das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken“ (Ez 34,15) war eindeutig Teil von Jesu Handeln – sowohl in Bezug auf Menschen als auch in Bezug auf Themen.
Ebenso aber hat Jesus das (menschlich und thematisch) Verlorene, Verirrte, Verwundete und Schwache nicht auf einen Sockel gesetzt und nicht zum „anderen“ Maßstab für Macht gemacht. („Ich bin verletzter als du, also bin ich maßgeblicher als du.“) Intersektionalität ist kein Wettbewerb…!
Ganz im Sinne Hesekiels also hat Jesus zwar „das Verlorene gesucht und das Verwundete verbunden und das Schwache gestärkt“. (Was „verwirrt“ war in Augen der Mehrheit, hat Jesus allerdings beileibe nicht immer „zurückgebracht“ – wie oft schien ihm eher daran gelegen zu sein, Verwirrungen zu erzeugen und zu hinterlassen anstatt „zurechtzubringen“.)
Aber anders als im Umgang mit „Unreinen“ (= Menschen, die nicht den gewohnten Sitten und Erwartungen anderer entsprachen; heutzutage z. B. auch queere Menschen) hat Jesus im Umgang mit „Besessenen“ (= Menschen, die nicht ihrer selbst waren) eine Grenze gezogen: Menschen, die weder bei sich noch bei ihren Mitmenschen waren, hat Jesus nicht in die Nachfolge berufen. Er hat sie geheilt und befreit (wenn sie das wollten!). Aber zu einer besessenen Person hat er nie gesagt: „Bleib so, wie du bist, und tritt in den Kreis meiner Nachfolger*innen ein.“
Aus meiner Sicht passt das alles zu Hesekiels Vision; sowohl als Vorbild für unsere Sicht auf Jesus als auch als Orientierung für unser Gemeindeleben:
Auch hier sollten wir nicht vergessen, „was fett und stark ist, zu behüten“. Jesus hat eben nicht immer nur auf das gesetzt, was um uns und in uns schwach ist. Jesus war es immer daran gelegen, in Menschen auch Hoffnung zu setzen und ihre Stärken zu sehen. Wir müssen nicht „klein und schwach“ sein, damit Gott „groß und stark“ ist. (Wozu überhaupt?) Hast du verinnerlicht, auch das, was bei dir stark ist, als behütenswert zu betrachten?
(Übrigens stellen andere Überlieferungen bei Hes 34,16 einen anderen Satzsinn in den Mittelpunkt. Ihnen zufolge geht es bei Hesekiel nicht darum, das Starke „zu behüten“, sondern „zu vertilgen“. Es einzugrenzen. Es weidetauglich zu machen. Der Leitsatz ist derselbe wie bei den „Verlorenen“ und „Verirrten“: Und mag es Arbeit und Aufwand bedeuten, dass du wieder Teil der Gemeinschaft sein kannst – das ist es wert!)
Was mich selbst oder andere auffrisst, muss also weg. Auch das, was dazu dient, Ausschlüsse zu erzeugen, muss als Maßstab weg. Und das kann sowohl eine einseitige Fixierung (oder einseitige Herablassung) auf „Schwache/s“ betreffen wie eine einseitige Fixierung (oder einseitige Herablassung) auf „Starke/s“.
