Impuls MCC Köln, 28. Dezember 2025
Rev. Elder Cecilia Eggleston
Johannesevangelium 1,1-14
Wie ist es, eine Person wirklich zu sehen? Sie zu kennen, sie zu verstehen und sie genau so zu lieben, wie sie ist?
Ich glaube, Weihnachten ist eine der Zeiten, in denen wir herausfinden können, wer uns wirklich so sieht, wie wir sind.
Die meisten von uns haben Menschen in ihrem Leben, die nicht besonders gut darin sind, Geschenke zu kaufen. Wir bekommen vielleicht Geschenke, die gut gemeint sind, aber einfach in jeder Hinsicht daneben sind. Ich erinnere mich daran, wie ich als jugendliche forsche Dyke-Lesbe von wohlmeinenden, etwas entfernten Verwandten eine elegante Abendtasche mit Pailletten geschenkt bekam und mich einfach nur schämte. Und dankbar und höflich sein musste.
Ist es nicht fantastisch, wenn wir ein Geschenk machen oder bekommen, das genau richtig ist? Wenn wir sehen können, dass die Freude im Gesicht der beschenkten Person echt ist und nicht nur aus Höflichkeit kommt. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir so akzeptiert und geschätzt werden, wie wir sind, und uns aufrichtig für ein so durchdachtes Geschenk bedanken können. Wir werden vollständig wahrgenommen.
Die Geburt Jesu war der Moment, in dem Gott vollständig wahrgenommen wurde.
Als in der hebräischen Schrift Mose auf den brennenden Busch traf, der nicht von den Flammen verzehrt wurde, sprach Gott zu Mose, und Mose erschrak. Er bedeckte sein Gesicht, damit er Gott nicht sehen konnte.
Als sich der Prophet Elia in einer Höhle versteckte, wurde ihm gesagt: „Geh hinaus und stell dich auf den Berg vor Gott, denn Gott wird vorübergehen.“ Ein starker Wind wehte, dann kam es zu einem Erdbeben, dann gab es ein Feuer, und Elia blieb in der Höhle. Dann hörte er ein leises Flüstern, bedeckte sein Gesicht mit seinem Mantel und ging hinaus, um mit Gott zu sprechen.
In der Beziehung zwischen dem Göttlichen und der Menschheit hätte Gott weiterhin durch Prophet*innen und Lehrer*innen zu uns sprechen können, die Momente heiliger Kommunikation erlebten. Gott hätte weiterhin ein_e Gott „da draußen irgendwo“ bleiben können, nur wenigen zugänglich.
Stattdessen entschied Gott, sich durch Jesus zu offenbaren und sich uns vollständig bekannt zu machen. Der Theologe und Autor Rev. Dr. Patrick S. Cheng nennt diese göttliche Offenbarung „Gottes Bekenntnis zu radikaler Liebe“ (“God’s coming out as radical love”).
Die Grenze zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen wurde durchbrochen, und in Jesus sehen wir Gott von Angesicht zu Angesicht.
Sich zu offenbaren (“coming out”) ist ein Prozess, bei dem wir einen Teil von uns preisgeben, der bisher vertraulich, geschützt und verborgen war. Es ist etwas, das viele von uns im Laufe ihres Lebens immer wieder tun oder auch nicht tun, je nachdem, wo wir uns gerade befinden. Auch diejenigen, die uns lieben, können diesen Prozess der Offenbarung (“that coming out process”) durchlaufen. „Meine Tochter ist bisexuell, mein Onkel ist schwul, mein bester Freund ist trans.“
Wenn wir uns offenbaren (“come out”), verschwindet die Grenze zwischen der öffentlichen und der privaten Person. Wir teilen mehr von dem, was wir sind.
Am Anfang war das Wort bei Gott, und das Wort war Gott. Gott war „irgendwo da draußen“. Gott war eine Stimme in einer Wolke auf einem Berg oder ein leises Flüstern oder in Träumen, wenn die Augen im Schlaf geschlossen waren.
Gott war sehr nicht-öffentlich und kommunizierte nur durch einige Auserwählte, wobei die religiösen Autoritäten der damaligen Zeit die Torwächter (“gatekeepers”) waren.
Aber dann wurde das Wort Fleisch, Gott wurde Mensch, Emmanuel – Gott mit uns. „Gott offenbart sich als radikale Liebe.“ Alle, die Jesus begegneten, sahen das Antlitz Gottes. Sie mussten ihre Gesichter nicht aus Angst, Respekt oder Scham verhüllen.
Sie erlebten Gott als radikale Liebe – lebendig, liebend, heilend und lehrend am Rande der Gesellschaft, mit den Armen, mit Frauen, den Ausgestoßenen, denen, die weder mächtig noch reich waren. Jesus wurde nicht in eine königliche Familie oder eine politische Dynastie hineingeboren. Er hatte keinen Wahlkampfmanager und keine einflussreichen Freunde. Er stand abseits der religiösen Autoritäten seiner Zeit und bot eine ganz andere Art, Gott zu erfahren.
Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium enthält heute eine weitere erstaunliche Aussage:
Allen aber, die das Wort annahmen, denen, die an den Namen des Wortes glaubten, wurde die Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden – 13 die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches oder aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
Wir empfangen Jesus, Gott mit uns, durch die Heilige Schrift, durch den Gottesdienst, durch Begegnungen mit anderen, durch unsere persönlichen spirituellen Momente. Wir sind Kinder Gottes, geboren aus Gott, geschaffen von Gott.
Wenn Menschen uns erleben und wir aus radikaler Liebe heraus leben und handeln, erleben sie Gott auch durch uns. Gott ist nicht „irgendwo da draußen“. Gott ist in jedem*r von uns und strömt in die Welt hinaus.
Und so wie das Coming-out ein fortlaufender Prozess ist, den wir bewusst und unbewusst vollziehen, so ist es auch mit unserem Coming-out als Kinder Gottes, als Kanäle der radikalen Liebe Gottes.
In manchen Situationen ist es einfacher, sich als LGBTQIA+ zu outen, als sich zu outen als Christ, als spiritueller Mensch oder als jemand, der an etwas Größeres als sich selbst glaubt.
Wir vergessen vielleicht, was wir getan oder gesagt haben, während wir unseren Glauben leben, aber es wird andere beeinflussen, vielleicht sogar ein Leben lang. Viele von uns können sich an einen solchen Moment in ihrem eigenen Leben erinnern, als eine Person freundlich zu uns war, uns zur Seite stand, als wir nach Gerechtigkeit riefen, uns Unterkunft, eine Mahlzeit, einen Job oder eine Umarmung gab, als wir es wirklich brauchten, uns mit dem Namen ansprach, den wir uns ausgesucht hatten, oder sich einfach nur an uns erinnerte. Ein Moment radikaler Liebe, eine kleine Offenbarung des Göttlichen, die wir erlebt haben und weitergeben können.
Manchmal predigte Jesus vor Hunderten oder Tausenden von Menschen. Einige schlossen sich ihm an. Andere hörten nur eine Weile zu, aber hörten etwas, das sie veränderte, und gingen mit einer neuen Perspektive weiter ihrem Leben nach.
Jedes Mal, wenn bei einer Pride-Parade oder einer Demo für Gerechtigkeit ein MCC-Banner gezeigt wird, jedes Mal, wenn wir sichtbar sind, bieten wir einen Blick auf das Antlitz Gottes, wir treten als Teilhabende an Gottes radikaler Liebe hervor. Wir können die Auswirkungen unserer Präsenz nicht kontrollieren oder kennen, aber wir werden Leben verändert haben.
Manchmal führte Jesus ein privates Gespräch mit einer einzelnen Person:
- die samaritanische Frau, die zum Brunnen kam, um Wasser zu schöpfen, und danach verkündete, dass sie den Messias getroffen hatte.
- die kanaanäische Frau, die Heilung für ihre Tochter suchte und einen sehr müden und, meiner Meinung nach, ziemlich mürrischen Jesus herausforderte, auf ihre Bitte um Hilfe zu hören.
- der Pharisäer Nikodemus, der nachts zu Jesus kam und aufrichtig um Verständnis bemüht war.
Bei diesen Begegnungen hörte Jesus zu, zeigte Mitgefühl, bot Weisheit und Heilung an.
Manchmal teilen wir unseren Dienst, unseren Ausdruck der radikalen Liebe Gottes, unsere Offenbarung des göttlichen Wirkens in uns, mit einem einzelnen Menschen, in ganz privatem Rahmen.
Manchmal an den unwahrscheinlichsten Orten und unter den unwahrscheinlichsten Umständen.
Manchmal auch, wenn wir müde und schlecht gelaunt sind und einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen.
Wann und wo auch immer es geschieht, in diesem Moment sind wir für diesen Menschen das Antlitz Gottes.
Wir sind göttliche Offenbarung.
An diesem Weihnachtsfest, an dem wir die Geburt Jesu, des Lichts der Welt, des Christuskindes, feiern, feiern wir auch Gottes Offenbarung als radikale Liebe. Wir beten eine*n Gott an, nin über uns und in uns ist. Wir feiern, dass wir Kinder Gottes sind.
Möge jede*r von euch an diesem Weihnachtsfest Gottes radikale Liebe für sich erfahren.
Gott segne Euch!
Rev. Elder Cecilia Eggleston
https://youtu.be/8hi-vCQU5lc?si=_MyxEU5_vN60RZSt
(Übersetzung: DeepL mit Überarbeitung von Ines-Paul Baumann)
