6. Sept. 2026
Ines-Paul Baumann
1. Mose 28,10-19
Dieses Mal hat sich nicht verstellt. Hat nicht so getan, als wäre er ein anderer.
Viele sagen, den Segen davor hätte er sich „erschlichen“. Und gehen dafür ziemlich hart mit ihm ins Gericht. Bezeichnen ihn als Betrüger. Der von Glück sagen könne, dass er sich überhaupt vor Gottes Angesicht zeigen darf.
Ich würde mit Jakob nicht so hart sein. Ja, beim Erstgeburtsrecht und bei dem Segen, der seinem älteren (dem erstgeborenen) Bruder Esau gelten sollte, hat er getrickst. In der damaligen Zeit hätte beides hätte Esau zugestanden. Die Privilegien damals waren auf Esaus Seite. Um den erblindenden Vater zu überlisten, musste Jakob insbesondere nachahmen, was ihm Esau an „Männlichkeit“ voraushatte: Dessen Körperbehaarung. Dessen Körpergeruch.
Es hat geklappt.
Sich zu verstellen, kann wichtig sein. Für manche (über-)lebenswichtig.
Können wir hier Händchen halten oder sollen wir lieber so tun, als wären wir halt zwei Männer, die gerade einfach so zusammen irgendwohin unterwegs sind?
Trage ich meine schönen Frauenkleider und die Langhaarperücke besser nur heimlich allein zuhaus?
Sage ich in meiner romantischen Beziehung wirklich, dass ich Sex eigentlich nicht mag, oder werde ich dann verlassen?
Schaue ich meinem neurotypischen Gegenüber beim Sprechen in die Augen, damit es sich im Umgang mit mir weiterhin sicher fühlt und mich nicht abwertet?
Und wie viele der Pfarrer*innen, die Jakob für den „erschlichenen Segen“ als Betrüger bezeichnen, haben sich nicht selbst schon mal verstellt – weil sie sonst ihren Job verloren hätten, wenn sie den Erwartungen nicht gehorcht hätten, die dafür als Voraussetzung gelten?
Ich finde, es kann (je nach Situation) auch eine Gabe sein, sich zu verstellen.
Um so bemerkenswerter ist, was Jakob dieses Mal erlebt: Er ist nicht nur sicher, sondern gesegnet – und das ganz ohne dass er sich verstellen muss.
Es ist sicher kein Zufall, WANN er das erlebt: Gerade hat er sein Elternhaus hinter sich gelassen. Zum ersten Mal in seinem Leben. Den neuen Job bei seinem Onkel hat er noch nicht angetreten. Alle Erwartungen von familiären, sozialen und beruflichen Kontexten spielen gerade keine Rolle.
Und es ist sicher kein Zufall, WO er das erlebt: In einem Traum. Die Realität ist vielleicht noch zu hart dafür. Für die Realität ist es vielleicht noch zu früh. Aber die Realität, die sich in Zukunft entfalten wird, wird nach diesem Erlebnis eine ganz andere sein.
Und vielleicht ist es auch kein Zufall, WIE er den Ort einschätzt, an dem er das erlebt: Als einen Ort, an dem er Gott nicht erwartet hätte. Vielleicht war es nicht unwichtig, dass er in dieser Nacht nicht eingeschränkt war durch die Gottesbilder, die er aus seinem Elternhaus mitgenommen hatte.
Jakob errichtet an diesem Ort einen Stein. Vielleicht hätte der Stein seinem Inneren gelten sollen. Dort, IN IHM SELBST, bekam er das erste Mal eine Vorstellung von diesem Gott, der mit dem Segen wirklich ihn meint – ohne dass er sich dafür verstellen muss.
Vielleicht ist das aber auch ein schönes Bild für Kirche:
Zum einen als Ort. Steine markieren Orte.
Zum anderen geht es aber um das, was an diesen Orten passiert. Bei Jakob war es der Ort, an dem er Gottes Segen zugesprochen bekam, ohne sich dafür verstellen zu müssen. Ist das nicht eine schöne Beschreibung von Kirche? Hier musst du nicht so tun, als wärst jemand anders, um Gottes Segen zugesprochen zu bekommen!
Als MCC bekommen wir genau das oft ganz schön gut hin, beobachte ich. Als Raum, in dem wir in Gemeinschaft sein können, wer wir sind, Hier müssen wir uns nicht verstellen, um Gottes Segen zugesprochen zu bekommen. Hier können wir Gotteserfahrungen machen, die sich vielleicht von denen unserer Prägung unterscheiden, und trotzdem an sie anknüpfen.
In der MCC teilen wir beide Erfahrungen Jakobs:
Immer noch haben wir zu manchen Privilegien (oder schlichtweg Sicherheiten) in der gesellschaftlichen Realität nur Zugang, wenn wir uns verstellen.
Für unser Gotteserleben gilt aber: Verheißungen sprechen uns tatsächlich ohne Vorbehalt an; sie gelten uns selbst, ohne Wenn und Aber.
