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„Wenn ich als Person aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die normative Struktur, die in mir wohnt.“ (Gilt nicht nur für Rassismus, sondern auch für religiöse Prägungen, Selbst- und Weltbilder, …)

1. Nov. 2026
Ines-Paul Baumann

Römerbrief 7,14-25

Als ich diesen Text vor ein paar Tagen mal wieder las, passierte etwas. Zwei Jahrzehnte hatte ich nichts damit anfangen können. Als ich mich noch als schlechter Mensch gefühlt hatte, ging es noch. Seitdem ich mich nicht mehr als durchweg schlechten Menschen sehe, ging es nicht mehr.

Aber plötzlich las ich diesen Text mit neuer Brille. Statt des individualisierten „Ich-bin-so-ein-schlechter-Mensch“ sah ich den Text mit einem anderen Hintergrund. Konkret war es bei mir das Thema Rassismus, aber es gibt jede Menge anderer Prägungen, zu denen dieser Text was Spannendes zu sagen hat: Prägungen aus der Kindheit, aus religiösen Kontexten, verinnerlichte Selbst- und Menschenbilder, Stereotypen in Bezug auf Geschlechter … die Liste ist lang.

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.
15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.
16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist.
17 So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch[1], nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.
19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
21 So finde ich nun das Gesetz: Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an.
22 Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.
23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?
25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Verstand dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

Römer 7,14-25 (Lutherbibel 2017)

Also von vorne. Der Clou in dem ganzen Text ist, dass Paulus die ganze Zeit von zwei unterschiedlichen „Gesetzen“ spricht. Mit „Gesetz“ meint Paulus offensichtlich NICHT AUTOMATISCH die Gebote der Tora im Alten Testament der hebräischen Bibel (10 Gebote etc.). Das klingt jetzt erst mal recht abstrakt, wird aber superwichtig:

(V. 23:) „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.“
(V. 25) „So diene ich nun mit dem Verstand dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.“

Was sind diese beiden „Gesetze“, von denen Paulus hier spricht?

Zum einen bezieht sich Paulus auf ein Gesetz, das sich seinem Verstand erschließt. Dies nennt er auch das „Gesetz Gottes“.
Sein Wissen (V. 14), sein Wille (V. 15), sein Selbst (V. 17), sein „inwendiger Mensch“ (V. 22) stimmen den Inhalten dieses „Gesetz Gottes“ zu. (Von wegen, „der Mensch ist durch und durch ein Sünder“!)

Zum anderen sieht Paulus ein Gesetz, das er im wahrsten Sinne des Wortes „verinnerlicht“ hat, es steckt ihm in den Gliedern, „im Fleisch“. Dies nennt er das „Gesetz der Sünde“.
(Achtung: Das Problem ist NICHT, dass sein Körper aus Fleisch und Blut besteht. Das Problem ist, was dieser Körper beim Aufwachsen in der materiellen Welt aufgenommen hat. Das ist ein großer Unterschied!)

Die Theologin Brigitte Kahl beobachtet bei Paulus, dass das Gesetz G*ttes in Widerspruch tritt zum Gesetz der Umwelt, in der Paulus und seine Weggefährt*innen zu seiner Zeit leben – damals also das Gesetz des Römischen Reiches. Hier geht es um viel mehr als nur um einen Gesetzestext – es geht um eine soziale Ordnung, ja noch mehr: Es geht um ein ganzes Weltbild, um eine Ordnung, die universell gültig zu sein scheint.

Kahl beschreibt dies als die Weltordnung des „Imperiums“, und diese Weltordnung ist eingeteilt in Binaritäten: „männlich und weiblich, römisch/zivilisiert und barbarisch, frei und versklavt, Eroberer und Eroberte, Sieger und Verlierer. (…) Das Weltgesetz rechtfertigt die Herrschaft der Sieger. (…) Und der Kaiser verkörpert dieses Weltgesetz (…). Und ich glaube, dass genau das das ‚Gesetz‘ ist, was Paulus im Galaterbrief attackiert – nämlich das binäre Herrschaftsgesetz.“

Das Problem laut Kahl ist nun, dass auch die Tora (hier: Gottes „Gesetz“ im Alten Testament) vor diesem Hintergrund gelesen und verstanden wird, also in das binäre, herrschaftliche, imperiale Weltbild „eingespeist“ wird.
Und demgegenüber „meint Paulus: Nein, das ist nicht die Tora! Er will die Tora da wieder rausholen und frei setzen von dieser Herrschaft.“
„Und das ist auch der Leib Christi! Ich würde mal sagen, der Leib Christi ist eine Art Antikörper, der den imperialen Herrschaftskörper umbildet und umformt.“

Nun sind Paulus und seine Weggefährt*innen wie gesagt in der imperialen Herrschaftslogik aufgewachsen. Sie haben das binäre Herrschaftsgesetz verinnerlicht, es hat sich in ihrem irdischen „fleischlichen“ Leib eingeschrieben.

Der Clou für Paulus ist jetzt aber: Dieser „fleischliche“ Mensch als Teil der Welt ist eben NICHT einfach deswegen so, weil „die Welt (ihre Ordnung) ist, wie sie ist, weil sie Gottes Willen widerspiegelt, und deswegen auch so bleiben soll“. Sondern Paulus glaubt, dass Gott selbst dem etwas entgegensetzt – nämlich das Gesetz der Tora, das er aus dem Herrschaftsgesetz befreien will.

Also:
Auf der einen Seite haben wir das imperiale Herrschaftsgesetz. Es ist binär, und Unterschiede werden überführt in Machtverhältnisse (oben/unten, …). Es steckt Paulus in den Knochen („fleischlich“).
Auf der anderen Seite haben wir das Gesetz Gottes, wie es in der Tora enthalten ist. Aber solange die Tora der Herrschaftslogik entsprechend gelesen wird, ist das darin nicht erkennbar. Erst die Befreiung aus der Herrschaftslogik setzt das Gesetz Gottes frei („geistlich“).

Ich komme auf mein Eingangsbeispiel zurück: Für mich erschließt sich das am Rassismus. Ich bin ein „von Weißsein betroffener“ Mensch (T. Bollwinkel) und möchte nicht rassistisch sein. Ich möchte keine*e Rassist*in sein! Und doch: Mit all dem, was mich geprägt hat, was ich verinnerlicht habe, komme ich aus rassistischen Strukturen in meinem Denken und Handeln nicht einfach dadurch raus, dass ich das „nicht will“.

Bezogen auf den Text, zusammengefasst in Vers 17 („“So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“):

– „ich selbst“: „Rassismus ist schlecht, ich bin doch kein Rassist, ich WILL nicht rassistisch sein!“
– „die Sünde, die in mir wohnt“: Ich bin dermaßen von rassismusgetränkten Mustern geprägt, dass ich da gar nicht so einfach rauskomme.

Angesichts dieser Dynamik lese ich den Text heute so:

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz von Gottes Vielfalt geistlich ist; ich aber bin fleischlich, geprägt durch die Strukturen einer normativen Gesellschaft voller Rassismus, Patriarchat, Sexismus, Ableismus, Klassismus, Altersdiskriminierung, Zweigeschlechtlichkeit, Cisgeschlechtlichkeit und bestimmter Vorstellungen über sexuelle, romantische und freundschaftliche Beziehungsformen.
15 Mit dieser Prägung merke ich manchmal gar nicht, was ich tue. Ich handle nicht immer so, wie ich handeln will; sondern manchmal tue ich doch wieder genau das, was ich eigentlich vermeiden will.
16 An diesem Widerspruch (also dass mein Handeln anderen Prnzipien folgt als ich selber will), merke ich, dass Gottes Wille ein Gegenentwurf ist, und zwar ein heilbringender.
17 Spätestens jetzt wird mir also klar: Ich handle nicht immer gemäß meiner Vorstellungen, sondern manchmal gemäß der Prägungen, die tief in mir verankert sind.
18 Mir ist klar, dass diese Prägungen nicht nur Gutes in mir verankert haben – und mir ist auch klar, wie schwer es ist, mich davon zu befreien: Das Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht immer.
19 Und so erlebe ich immer wieder: Das Gute, das ich selbst eigentlich will, das tue ich nicht; sondern was ich nicht will (und als „böse“ bezeichnen möchte), mich aber so tief geprägt hat, das tue ich.
20 Wenn ich als Person aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die normative Struktur, die in mir wohnt.
21 Genau das öffnet mir die Augen für den Wandel, den G*tt anbietet: Auch mir mit meinem guten Wollen sind offenbar viele Grenzen gesetzt durch meine strukturellen normativen Prägungen.
22 Denn eigentlich habe ich doch Freude an Gottes Öffnung dieser Prägungen, gemäß meiner inwendigen Werte und Bestrebungen!
23 Ich sehe aber immer wieder dieses andere Gesetz in mir verankert, das dem Gesetz in meinem Verstand widerstreitet und mich einspinnt ins Gesetz der Prägungen, die sich in mir verfestigt haben.
24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesen vererbten Prinzipen todbringender Mächte?
25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, der so anders ist als diese Prinzipen und Normen! So diene ich nun immerhin von meinem Verstehen und Willen her schon dem Gesetz der Vielfalt Gottes, aber mit meiner verinnerlichten Prägung halt doch noch oft dem Gesetz der normativ so wirksamen Sünde.

In welchen Bereichen spürst du, dass du nicht immer so handelst, wie es deinen Vorstellungen und Werten entspricht?

G*ttes Versprechen ist: Unsere Prägungen legen uns nicht endgültig fest. Auch wenn sie in unserer Welt noch so „selbstverständlich“ und „normal“ und „unerschütterlich“ erscheinen mögen: Sie sind es nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Und bis dahin gilt: Wir sind eben nicht bloß „der Sünde unterworfen“ ODER „befreit und geheilt“. Wir werden immer wieder Widersprüche erleben in dem, wir wir handeln und denken, was wir wollen und was wir tun. G*tt verurteilt uns dafür nicht.

Im Gegenteil: Genau an diesen Schnittstellen sind wir vielleicht ganz nah an der Kante zum Reich Reiches Gottes. Wenn du das nächste Mal strugglest und haderst, wenn du das nächste Mal merkst: „Mist, das hätte ich anders und besser hinkriegen können“, dann ist Gott vielleicht genau DA mittendrin.

Jesus ist das beste Beispiel dafür, dass wir im Menschsein dem „Imperium“ nicht immer entgegentreten können, ohne dass es was kostet. Aber die Auferstehung ist das Bekenntnis Gottes dazu, mit dem Entgegentreten nicht aufzuhören, sondern es immer wieder und wieder und wieder zu versuchen.

Brigitte Kahl; Interview aus Jacobs/Thomaier/Rieger (Hg), Queering Theology, S. 79–84)
https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften/gender-studies/60021/queering-theology

 

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