[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

„Zorn, Wut, Ärger, Frustration, solche Gefühle durften doch im wahren, wohltuenden, heiligen Glaubensleben nicht vorkommen.“

Predigt MCC Köln
Ines-Paul Baumann

Gen 32,23-33

„srrrrrr“! Lenas Smartphone meldete den Eingang einer Email. Lena überlegte kurz, ob sie nachschauen sollte. Sie kam gerade von ihrer Therapeutin und war noch etwas durcheinander. Als sie sah, dass die Mail von Mario war, hellte sich ihre Laune auf. Mario war gerade im Urlaub in Italien und hatte einen Verteiler eingerichtet, über den er seinen Freunden jeden Tag ein Foto schickte. Sein „Foto des Tages“. Marios unbekümmerter Blick auf die Welt hatte Lena schon oft aus ihren schwermütigen Gedanken gerissen. Sie öffnete die Mail.

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„Guckt mal, was ich gefunden habe!“; jubiliert Mario. „Mitten im katholischen Italien! Eine Statue von zwei Schwulen!“
Lena war verdutzt. War das jetzt wieder so ein Scherz von Mario oder hatte der wirklich keine Ahnung? Hach, bei Mario war beides möglich!
„Mensch Mario“, tippte sie los, „das ist keines schwules Paar. Das sind Jakob und Gott, die eine ganze Nacht lang miteinander ringen. Altes Testament!“
Lena sah sich die Statue nochmal an. Naja, auf den ersten Blick war das wirklich nicht so klar zu erkennen. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, klang Marios Beschreibung irgendwie plausibler.

„srrrrrr!“ Eine Mail von Melanie. Da war wohl nicht nur Lena aufgefallen, dass Mario irrte. Lena öffnete die Mail.
„Hehe“, schrieb Melanie zu ihrer Verwunderung, „tolles Bild!“ Na, das passte ja zu Melanie. Stieg sofort auf Marios Schiene ein. „Von den beiden gibt’s eine ganze Serie! Schaut mal, hier sind die beiden beim Tanzen!“ Lena öffnete den Anhang:

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Sie musste Melanie Recht geben. Das sah wirklich mehr nach Tanzen aus als nach einem Ringkampf.

„srrrrrrrrrrrrrr!“ Na, da war aber was los heute! Jetzt auch noch Fabian. Fabian mit seinem Sportler-Tick. „He ihr Tucken“, schreib Fabian,“ das ist doch kein Ringkampf! Schau euch mal das Bild anbei an!

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DAS ist ein Ringkampf! Männerkörper, Muskeln, Sehnen, – grrr, da wird mir gleich ganz anders! Die ganze Nacht haben die miteinander gerungen? Lecker!!“

Jetzt reichte es Lena. Mussten die immer in allem irgendwas mit Sex sehen? Hatten die gar keinen Respekt mehr vor der Bibel und der Kirche?

„Mensch Leute“, tippte Lena, „jetzt reißt euch mal zusammen Es geht nicht immer nur um Sex! Reicht es nicht, wenn ihr euch solche Bilder auf euren Fetischseiten auf Gay Romeo anschaut?!“ Lena schüttelte den Kopf und stapfte Richtung Bahn.

*srrrrrrrrrrrrrrrr!“ Fabian nochmal. „Och Lenachen, reg dich nicht auf. Das war kein Fetisch-Bild. Das Bild ist ein echtes Gemälde und zeigt auch genau das Ringen von Jakob aus dem Alten Testament. Ich schwöre bei meinen Sportsocken, echt und ehrlich und ungelogen!“

Lena musste schmunzeln, aber eher aus Versehen, denn das Bild mochte sie trotzdem nicht. Für ihr Gefühl war das alles viel zu – „irdisch“. Sie rief die Suchmaschine auf und gab ein: „Jakob und Gott ringen miteinander“.
Da, das Bild hier links in der zweiten Reihe könnte die passende Antwort auf diese unflätigen Jungs sein.Sie holte sich das Bild näher heran:

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Naja, vielleicht war das jetzt doch etwas zu harmlos. Von dem Ringen war hier ja nicht wirklich noch was übrig geblieben. Trotzdem fühlte sie sich mit diesem Bild auf Anhieb wohler.
Hier war wenigstens noch ein bisschen Distanz gewahrt zwischen Gott und Mensch. Und dass Gott dem Jakob hier nur dezent die Hand auf die Schulter legte, gefiel ihr auch besser.
Gott war doch keiner, der sich prügelt!

Kommentarlos postete Lena das Bild auf den Verteiler und lief die Treppen zum Gleis hinauf.

„srrrrrrrrrrrrrrrrr!“ Sophie. Endlich eine vernünftige Stimme inmitten dieser durchgedrehten Freundesschar. „Hallo Lena“, schrieb Sophie. „Findest du nicht, dass du das etwas zu sehr verharmlost? Ich finde, dass uns das alles mit Gott und der Kirche und dem Glauben schon manchmal wie ein Ringen vorkommen kann. Sieh dir mal das Bild anbei an, wie findest du das?

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Ich finde, das bringt viel von dem, was wir im Namen Gottes alles erleben müssen, ganz gut zur Geltung. Weisst du noch, als ich vor 5 Jahren angefangen hatte, auch mal als Frau in die Gemeinde zu kommen? Wie meine Familie und mein Hauskreis da reagiert hatten? Als ‚Mann in Frauenkleidern‘ haben sie ich bezeichnet und dass das gegen die Schöpfungsordnung sei.
In meiner Frauengruppe sind zwei Lesben, denen wurde jahrelang erzählt, dass sie sich im Namen Gottes heilen lassen sollen von ihrer Krankheit.
Da ist eine Lehrerin, die hatte zwei Jahrzehnte lang mit ihrem Mann zusammengelebt und darunter gelitten, was für Rechte er sich als Mann ihr gegenüber herausnahm – alles im Namen der Bibel. Und als sie dann selber anfing, in der Bibel nachzulesen und zu prüfen, ob das denn da wirklich drinsteht, da fing sie erst recht an, sich zu fürchten. Was für eine Gewalt da herrscht! Was insbesondere Frauen da alles angetan wird!

Die meisten in unserer Gruppe hatten Phasen, wo sie mit ihrem Glauben ganz schön gerungen haben. Oft wussten wir gar nicht, mit wem wir ringen – oft war das auch nicht wichtig, wir hatten uns da gar keine Gedanken drüber gemacht. DASS wir damit gerungen haben, hat uns genug beschäftigt. Immer das schlechte Gewissen: Was hab ich nur falsch gemacht, Gott ist doch gut und meint es gut, warum fühle ich mich dann gerade so weit weg? Warum habe ich plötzlich so viele Fragen und Zweifel? Alles war dunkel. Für die Christen war ich nicht mehr gläubig genug. Und diejenigen meiner Freunde, die mit Kirche noch nie was anfangen konnten, die haben nicht verstanden, warum ich mich überhaupt noch damit beschäftige. Lass das doch einfach hinter dir, sagten sie immer. Du siehst doch, dass dir das nicht gut tut! Warum hälst du so fest an deinem Gott?

Es hat lange gedauert, bevor ich gemerkt hatte, was da los war.
All mein Ringen mit der Bibel, mit der Kirche, mit der Gewalt, mit der Enge, mit den Erwartungen, mit den Lügen, mit meiner eigenen Geschichte,
all das Ringen darum, dass es damit doch nicht getan sein kann, dass Gott sich doch nicht einfach so entziehen kann, dass es doch irgendwo irgendwann etwas Gutes, Heilendes und Segnendes geben muss
– in all dem war ich gar nicht fern von Gott. Im Gegenteil: Ich war mitten in der wichtigsten Auseinandersetzung mit Gott, die es in meinem Leben bisher gab.
Warte kurz, ich schick dir noch ein Bild.

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Das ist der Moment, als das Ringen übergeht ins Gesegnetsein. Kannst du sehen, wie Jakob hier dabei ist, aus dem Ringen heraus zur Ruhe zu kommen? Wie die rechte Hand des Engels beinahe zärtlich seinen Kopf hält? Wie nah sie sich hier sind, beinahe intim, sich nun eher umarmend als umklammernd?

Auch ich musste mich mit dem Gott, den ich umklammert hielt, und von dem ich ich umklamert fühlte, erst mal lange auseinandersetzen. Mittlerweile fühlt sich mein Bezug zu Gott nicht mehr an wie ein Umklammerung

Wie wichtig war diese Zeit, damit ich mich frei machen konnte – und auch, damit Gott sich frei machen konnte. Wie klein und eng waren meine Begriffe und Bilder von Gott bis dahin gewesen! Es war mir nicht bewusst gewesen, aber ich dachte tatsächlich, mit all meinen Gebeten und meinem Engagement hätte ich quasi einen Deal mit Gott, mich zu segnen. Heute ist mir klar, dass ich mit vielen meiner christlichen und spirituellen Gewohnheiten Gott eigentlich manipulieren wollte – eigentlich wollte ich mir damit letztlich den Segen erzwingen.

Erst nach dieser Zeit der Auseinandersetzung konnte ich endlich auch Gott loslassen, konnte ich Gott endlich frei geben.
Endlich kann ich damit umgehen, dass Gott nicht immer so da ist, wie ich das will,
dass ich Gott nicht festhalten kann,
dass Gott nicht immer nach meinen Vorstellungen handelt,
dass Gott mir nicht immer nur nach meinen Bedingungen begegnet.

Spurlos ist das Ganze natürlich nicht an mit vorübergegangen.
Mit friedlichem Meditieren und geschütztem kontemplativen Betrachten hatte das nicht mehr viel zu tun. In der Zeit ist auch was kaputt gegangen in mir. Es hat mich sehr verändert.
Aber endlich bin ich dem Gott begegnet, der mich segnet.
Hier, ich schicke dir noch ein anderes Bild. Gerade in der Zeit während des Ringens mit Gott hat mir das oft geholfen.“

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Lena starrte auf das Bild und schwieg. Sie dachte an die vielen unguten Gefühle, die sie in ihrer Spiritualität immer geleugnet hatte.
Zorn, Wut, Ärger, Frustration, solche Gefühle durften doch im wahren, wohltuenden, geheilten Glaubensleben nicht vorkommen.
Wie oft hatte sie diese Gefühle herunterschluckt, wie oft hatte sie diese Gefühle gegen sich gerichtet, wie oft hatte sie diese Gefühle an anderen ausgelassen
– an allen, nur nicht an Gott.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, ihr spirituelles Erleben damit gar nicht ermöglicht oder bereichert zu haben. Plötzlich hatte sie das Gefühl, mit allem, was sie sich und Gott vorenthalten hatte, Gottes Liebe und Wahrhaftigkeit irgendwie auch verraten zu haben.
Ihr war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie ihr Leben aufgeteilt hatte, wie wenig sie nur zuließ bei sich und von wie vielem sie dadurch getrennt war. Ganz unbewusst hatte sie immer getrennt zwischen den Sachen, die zu ihrem Bild von Glaubensleben passten, und anderen, die nicht dazu passten. Zwischen Liebe und Zorn, zwischen ihren weichen und harten Seiten, zwischen Spiritualität und Sexualität. Irgendwie hatten ihre Freunde einen wunden Punkt getroffen: Mit einem ehrlichen und freundschaftlichen Miteinander mit Gott hatte das nicht viel zu tun.
Lena durchflutete eine kurze heiße Welle. Wenn Gott sich wirklich mit den Menschen – ähem, Lena korrigierte sich: Wenn sich Gott wirklich mit MIR auseiandersetzen wollte… hätte ICH mich denn bisher auf diese Auseinandersetzung eingelassen?
Wenn Gott wirklich VERSÖHNEN wollte – wie sollte das gelingen, wenn ich immer schon vorher alles Unversöhnte beiseite schob?

Angesichts des Ringens von Jakob und Gott war Lena ganz schön desillusioniert. Sie war unsicher. War sie wirklich bereit, sich all dem Unversöhnten zu stellen, auch dem Zorn, dem Schrecken, der Angst, der Enttäuschung? Jakobs Weg zum Segen führte nur dadurch, dass er sich dem Überfall des Schreckens gestellt hatte. Lena beschloss, diese Erzählung als eine Art Reiseproviant anzusehen und sich auf den Weg zu machen. Sie wunderte sich ein bisschen über sich selbst, als sie merkte, wie trotzig und hoffnungsfroh eine Stimme in ihr laut wurde: „Oh ja, Gott, ich lasse dich nicht… du segnest mich denn!!“

„God is engaging with you at this very moment in ways you may least expect. He knows how to counter our thoughts and moves in order to give us a new name and redeem us toward our true identity. He enters into our darkest nights and deepest fears in unexpected ways in order to bring about his revelation and redemption in our lives.How is he maneuvering with you in ways that seem contrary to what you would expect? Stay in the struggle, especially when you feel debilitated in the face of overwhelming odds.“ (http://intheinbetween.com/2011/01/19/119/)

(„Gott lässt sich genau in diesem Moment, in diesen Tagan, auf dich und dein Leben ein in einer Art und Weise, die du vielleicht am allerwenigsten erwarten würdest. Gott weiß, wie sie unsere Gedanken und Aktionen durchkreuzen kann, damit unser wahres Selbst und unsere wahre Bestimmung zum Vorschein kommen. Gott tritt in unsere dunkelsten Nächte und tiefsten Ängste auf ganz unerwartete Weise, um Offenbarung und Erlösung und wahren Segen in unser Leben zu bringen. Wo bewegt Gott gerade etwas in deinem Leben, das dem, was du erwarten würdest, entgegensteht? Bleib dran, stell dich der Auseinandersetzung, insbesondere wenn du dich gerade geschwächt fühlst angesichts der Übermacht.“)

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