[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Wie könnte eine unseren Bedürfnissen und unserer Subkultur angemessene Körpersegnung aussehen?

Predigt MCC Köln
Manfred Koschnick

Mk 7,31-37: Die Heilung eines Taubstummen

 

Liebe Gemeinde!

Es tut mir leid, dass ich nicht frei ohne Text predigen kann. Bitte entschuldigt.

Ich möchte Euch mit Hilfe dieser Predigt zeigen, dass bei Jesus religiöses, seelisches und körperliches Geschehen manchmal eng ineinander greifen. Lässt man einen der drei Aspekte weg, wird man dem Menschen und vielleicht auch dem Anliegen Christi nicht immer ganz gerecht.
Und diese Erkenntnis müsste dann Folgen für die Gemeindearbeit haben. Auch unser MCC-Verständnis erweitern und unser planbares Konzept von zeitgemäßer Seelsorge in Subkulturen.

Sehr kurz und knackig schreibt Markus, sowie nur mal eben kurz notiert, also quasi: Jesus kam, sah und heilte.

Warum lohnt es sich, solche kleinen Texte ins Evangelium aufzunehmen oder sie als Anlass für eine Predigt zu nehmen? Besteht vielleicht die Hoffnung dass dann auch die Predigt kurz wird? :-)) Kaum^^

Jetzt befrage ich einmal NICHT die Theologen. Ich befrage unsere eigenen religiösen Erfahrungen.
Wie viele Erlebnisse hattet Ihr mit Jesus bzw. mit Gott in Eurem Leben, (in den Gottesdiensten, beim Gebet, bei der Arbeit, u.s.w.)? Sicher im Laufe der Jahre eine ganze Menge….. Oder etwa nicht ? Nun versucht einmal, diese Erlebnisse zu zählen!… Dafür müsstet Ihr Euch alle merken können :-)) bzw. diese erinnern können. Schafft Ihr das? Rhetorische Frage! Natürlich nicht!
Ich glaube, der Urgemeinde ging es genau so wie Dir und mir.
Markus musste sich Notizen machen, von dem, was die ersten Christen ihm erzählt hatten. Er hatte die Geschichte dann chronologisch eingeordnet. Mit der Einordnung hatte er einen Hinweis auf seine Interpretation dieser kurzen Heilungsgeschichte geliefert.
Wie anders sähe Eure und meine christliche Erinnerung aus, wenn wir alle Gottesbegegnungen in einem Tagebuch notiert hättet, ( Z. B. diesen einen ergreifenden Sonnenuntergang am Strand vor 12 Jahren, das jubelnde Dankgebet für die Rettung aus schwerer Not vor dreieinhalb Jahren und vielleicht sogar den Zorn, als sich selbst Gott gegen uns verschworen zu haben schien von letzter Woche, usw. ) ?! Gute Idee?
Ihr hättet einen Fundus, auf den Ihr in Zeiten des Zweifels oder der Verzagtheit zurück greifen könntet. Welch ein Segen!
Das Markusevangelium ist so ein Segen.
Andere Evangelisten haben darauf aufgebaut.

Was kann der Text uns sagen?
Der wissenschaftliche Befund ist zunächst enttäuschend. Wir meinen ja oft, alles Wirken Jesu sei eine einmalige Ausnahmeerscheinung gewesen. Wir meinen ja, solche Wunder habe nur er gewirkt. Darum seien sie aufgeschrieben worden. Schön wär’s…… , wäre ja fast schon ein Gottesbeweis.
Es handelt sich in Markus 7, Verse 31-37 leider um den damals ganz allgemein typisch antiken Standard einer antiken Heilungsgeschichte. Wunder- und Heilungsberichte waren zu Jesu Zeit in allen Ländern des Mittelmeeres sehr weit verbreitet …und daher nichts besonderes. Auch Jungfrauengeburten waren nichts besonderes. Auch die Gottessohnschaft manch großer Gestalten galt als selbstverständlich. Aber es gibt über diese antike Heilungs- – Standard – Erzählung hinaus bei Markus noch etwas Theologie treibendes. Wenn man will, kann man etwas über das Verhältnis von Heiden und Christen in der Urgemeinde heraushören und wohl auch eine gewisse Treue zum alten Bund der Judenchristen mit Gott. Habe ich gelesen.

Das Markusevangelium taugt als Reiseführer nicht all zu viel. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Jesus die Reiseroute genommen hat, von der Markus berichtet. Das, was geografisch weit entfernt liegt, gehört jedoch thematisch eng zusammen. So hat Markus durch die Einbindung in diese Stelle seines Evangeliums einen Hinweis auf eine der Deutungsmöglichkeiten gegeben. Es geht ihm nämlich um die Mission der Heiden, die der Wahrheit und frohen Botschaft gegenüber taub und angeblich arrogant waren. Diese waren der neuen Lehre gegenüber vermutlich eher skeptisch eingestellt. …So wie wir heute gegenüber dem Islamismus. Ich meine ausdrücklich den islamischen Fundamentalismus, wie beispielsweise den der Taliban dem die alten Buddhafiguren, ein Weltkulturerbe zum opfer fielen. Die Heiden befürchteten wohl, dass ihre freizügige Kunst und Lebensart, griechische Philosophie und fortschrittliche Wissenschaft für Jahrhunderte von den Christen verbannt werden würde. Die Heiden behielten im Nachhinein recht. Erst der Islam brachte um 1000 nach Christus wieder etwas medizinisches Wissen, Mathematik, Kunst und Architektur zu den Christen.

Ich höre mit der Theologie jetzt auf. Schuster bleib bei Deinen Leisten! Seinen Glauben öffentlich im Gottesdienst bezeugen, kann und darf m.E. jeder. Die Theologie aber ist ist meines Erachtens das Spezialgebiet der Theologen. Ines, Renate und Daniel mussten mir bei dieser Predigt helfen.
Fazit: Heidnische Wundergeschichten gab es also von vielen Heilern der Antike, nicht nur von jenem einen Endzeitprediger, Jesus von Nazareth. Jesus und das Wunder werden hier einfach eingereiht. Das Wunder ist nicht das Wesentliche der Story!

Mein Spezialgebiet war bis zu meiner eigenen Erkrankung die Psychotherapie. Ich bin zwar von der Ausbildung her evangelischer Diakon. Ich sehe meine Kompetenz aber nach wie vor doch eher im psychologischen als im geistlichen Bereich. Darum wird dies auch der Schwerpunkt meiner Predigt sein.
Dann lasst uns doch gerade mal diese eingereihte stereotype Heiler-Standartgeschichte der Antike anschauen, die Markus immerhin so wertvoll war, dass er sie aufschrieb.

Mir fällt auf, dass Jesus hier bei seinem Patienten keinen Glauben voraussetzt, keine Bitte um Heilung, keine richtige theologische Einsicht und richtige Religion voraussetzt, sondern schlicht handelt. Er spuckt in seine Hand und berührt mit seinem eigenen Speichel die Zunge und ein Ohr des Behinderten.
Ähnliche Berührungen machen eigentlich sonst nur Liebende in einem intimen Moment…
Und dann hat das alles auch noch mit Religion zu tun ? und Jesus schämt sich nicht ?
Hätte ihm auch die Methode der Fernheilung zur Verfügung gestanden? Grundsätzlich wohl. In diesem Fall könnte man das aber auch anders sehen.
Denkt daran, was es vor 2000 Jahren bedeutete, taub zu sein:
– keine technischen Hilfsmittel,
– keine Taubstummensprache,
– Dämonisierung statt Krankheitsverständnis,
– Krankheit als Strafe und Familienschande
– vielleicht Ausschluss aus der Familie,
– völlige existentielle Abhängigkeit von der Barmherzigkeit anderer,
– kein Verstehen der Welt (warum z.B. muss man eigentlich Zähne ziehen?),
– sehr eingeschränkte Berufsfähigkeit und
– kaum Chancen für eine Paarbeziehung …
– Verständnisschwierigkeiten bei abstrakten nur sprachlich definierbaren Begriffen wie Freiheit oder Liebe, keine Bildungsmöglichkeit
– weitgehende Isolation.

Und nun diese spezielle liebevolle Berührung und Nähe zum Mund und Ohr des Kranken….
Bei der Heilung eines Blinden rührte Jesus sogar eine Paste aus Speichel und mineralstoffhaltiger Erde an – welche Symbolik von der heilenden Kraft der uns heilenden Erde, in die wir hineingeboren sind, aus deren Lehm wir angeblich gemacht sind und in die wir nach dem Tod zurück kehren!
Welche andern Stellen kennt Ihr aus dem Neuen Testament, in denen eine körperliche Berührung benannt wird…?
Mir fällt zum Beispiel die Fußwaschung der Jünger ein, die Fußwaschung mit den Tränen und Haaren der Sünderin, oder der Judaskuss. Euch fallen sicher auch noch andere körperliche Begegnungen ein….
Welche Erfahrungen habt Ihr mit Berührung gemacht? …
Einige empfinden vielleicht ihren weiblichen oder männlichen Körper als falsch und lehnen ihn für sich ab…… Andere wurden vielleicht körperlich verletzt…….
Wohin führt das alles bei neuen körperlichen Berührungen?….

Ich will kurz etwas über mich erzählen:
Aufgrund eigener traumatisierender Kindheitserfahrungen hatte ich später einen großen Nachholbedarf an liebevoller und wertschätzender Berührung, hatte mir jedoch einen Schutzmantel angefressen, der gleichzeitig andere von mir fern hielt. Außerdem hatte ich mir angewöhnt, meine Mimik einzufrieren und meine tuntigen Bewegungen zurückzuhalten und zu kontrollieren, damit ich nicht überall und automatisch als schwul erkannt wurde. Den ernsten und gefühllosen Gesichtsausdruck bin ich bis heute leider nicht los geworden. Die anonyme Schwulenszene in Saunen und Parks besteht aus kleinen, viel zu kleinen Refugien. Ich hatte aber auch eine erfüllende tiefe sehr erotische Liebesbeziehung zu einer Frau, in der sich meine ängstlich abgespaltenen Erfahrungen wieder heilsam zusammenfügen durften. Und dann hatte ich körperliche Reaktionen auf die ersten 5 berührenden Predigten, die ich in der MCC hörte. Gründlich verdrängte Gefühle , Wünsche und Erinnerungen an frühere Kraft und frühere Würde brachen hervor. Jedes mal liefen mir die Tränen. Mein ganzer Körper wusch die Trauer aus sich heraus. Einmal musste ich sogar schreien. Dafür verließ ich den Gottesdienstraum in Richtung Schrottplätze, schluchzte laut und schrie meine Angst, Wut und Verzweiflung zum Himmel. Als ich mich beruhigt hatte, hörte ich weiter aufmerksam der Predigt zu.
Das also waren einige meiner Erfahrungen mit Berührung.

Jede und jeder von Euch hat eigene Erfahrungen mit seelischer, spiritueller und körperlicher Berührung und kann und darf sie in der Gemeinde einbringen. Dafür brauchen wir aber einen Schutzraum, wo offene Seelsorge in Kleingruppen ohne Klatsch und Tratsch möglich ist. Gottes Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit kann uns dabei helfen, solchen Raum zu finden oder zu entwickeln. Wir dürfen unsern Horizont weiten, um auch die Subkultur der Homosexuellen mit ihrer großen Fetisch-Szene, die Asexuellen und Transgender und letztlich auch die vielgestaltige Heterosexuellenbewegung in den Blick zu nehmen.
Viele Schwule sagen sich: Wenn ich die Wahl habe zwischen sexueller Lust und Christentum, bin ich lieber eine geile Sau. Darin unterscheiden sie sich kaum von heterosexuellen Männern :-)) Hier könnte die MCC Brücken schlagen und Raum für Gottes Wirken ermöglichen! Also bitte: Nicht lustfeindlich missionieren!

Aber zurück zur biblischen Geschichte.
Ich hoffe Ihr seid durch diese Predigt nicht verschreckt und daher immer noch neugierig.:

Jesus und der Taubstumme in unserer Heilungsgeschichte separierten sich von der Menge.
War das etwas besonderes? Nein!
Antike Heiler taten dies, damit andere Heiler nicht ihre Heilmethoden abguckten. Markus verrät aber diese Methode! Das ist etwas besonderes. Markus geht es nicht darum, Jesu Körperberührung vor andern zu verheimlichen. Das ist etwas besonderes! Er verrät uns sogar das, bei den Heilern üblicherweise geheime Zauberwort, in diesem Fall EFFATA, dass den Heiden fremd war. Es heißt nicht „Liebe Organe, Hokuspokus öffnet Euch“ sondern im Singular einfach ÖFFNE DICH.
Also ist DER ganze Mensch angesprochen, der im Kontakt mit einem andern Menschen Geist, Seele und Körper, (hier seine Ohren) für das Heil öffnen darf.

Wie missverständlich unsere menschliche Kommunikation zeitweise ohne Beteiligung aller Sinne werden kann, wissen wir aus dem Computerchat und von der SMS. Wenn wir dem andern nicht ins Gesicht sehen können und den Klang der Stimme nicht hören, kommt es leicht zu Missverständnissen! Der Taube konnte sich selbst nicht hören. Das verhinderte wiederum eine eigene sichere sprachliche Artikulation, so dass er wie stumm blieb. Er war getrennt von sich, seiner sprachlichen Selbst-Wahrnehmung und der, der andern Menschen. Durch die erfährt der Mensch auch sich selbst.
Der Taubstumme hatte also ein tiefgreifendes Kommunikationsproblem. Er verstand die Welt nicht mehr. Der Taube musste erst (quasi wie alle Heiden) von Gläubigen durch die Menge zu Jesus hin (durch) geführt werden. Wie sollte er auch von Jesus gehört haben und von sich aus den Weg zu ihm gefunden haben. Wir lernen: Er ist wie jeder und jede auf die Hilfe der Gemeinde angewiesen.

Jesus weiß anscheinend, dass solche Menschen ganzheitlich wahrgenommen sein wollen – und müssen. Jesus berührt ihn ganzheitlich vor Gott – seelisch und körperlich. Er berührt ihn gerade dort, wo sich seine Schwierigkeiten und Defizite zeigen. Ist das auch unter uns Christen üblich, die heilende Berührung in der Nähe zu Gott?
Rhetorische Fragen beantworte ich immer selbst: „ Sehr selten !“
Darum könnten wir, die MCC – Gemeinde einmal selbstkritisch darüber nachdenken, ob wir als MCC – Köln diesen seelisch körperlichen Aspekt, die körperliche Nähe als Heilung zwischen Menschen bei gleichzeitiger Nähe zu Gott. … bei unserer Seelsorge und im Gottesdienst schon genügend beachtet und gewürdigt haben, …
Die Frage lautet: Wie könnte eine, unseren Bedürfnissen und unserer Subkultur, angemessene Körpersegnung aussehen?
…..Wie können wir hier den heilsamen Berührungen jenen richtigen, nämlich den unserer eigenen Vorerfahrung gemäßen Platz einräumen? Welchen Raum für Gottes Wirken gestatten wir denen, die anders sind und anderes brauchen?

An dieser Stelle zum Schluss dieser Predigt vertraue ich unserm armen, mit unsern moralischen Ängsten und Zwängen verbarrikadierten Körper und Geist …. dem Stoßgebet Jesu an:
„Hephata – Öffne Dich!“
AMEN

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