[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Wege gehen statt weggehen (4. Advent: Grenzgängerinnen und Wegbegleiterinnen)

Predigt MCC Köln, 22. Dez. 2013
Daniel Großer

Man sagt, dass die Stimmung auf Parties erst dann richtig gut wird, wenn Frauen dabei sind. Ich habe meine vergangenen Predigten Revue passieren lassen, und mir ist etwas entsetzliches aufgefallen: Sie haben eine schlechtere Frauenquote, als das Alte Testament. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, aber das schöne Geschlecht hat es offensichtlich in letzter Zeit sehr schwer gehabt bei mir, auch theologisch. Höchste Zeit, daran etwas zu ändern.

Frauen haben es schwer in der Bibel, denn die Autoren der Bibel stammen aus patriarchalischen Hintergründen, nur selten gestattet die Bibel uns Einblicke in das Beziehungs- und Glaubensleben von Frauen. So haben wir es vor allem mit Ausnahmeerscheinungen von Frauen zu tun, die in der Bibel Erwähnung finden, darunter die erste Frau, etliche Sexarbeiterinnen und Adlige. Wenig Einblicke gewinnen wir über die allgemeinen Lebensumstände jüdischer und frühchristlicher Frauen. Ich bedaure das. Die Zugehörigkeit zum Volk Israel wird über die Mutter weitergegeben, nicht über den Vater. Es ist die Mutter, von der die Kinder aus biblischer Zeit die Sprache erlernen, und die mit Sicherheit auch den Löwenteil der religösen Erziehung leistet. Es waren die Frauen, die während der zahllosen Kämpfe und Kriege das Leben aufrecht erhielten – damals wie heute. Doch den geistlichen Reichtum von Frauen behält uns zumindest die Bibel oft vor.

Was für ein Reichtum, dass wir heute in aller Vielfalt versammelt sind, Männer, Frauen, alles dazwischen und darüber hinaus. Was für ein Reichtum, dass wir das trübe Einerlei alttestamentarischer Männerklüngelei hinter uns lassen dürfen! (Ganz nebenbei: Die leitenden Gremien der MCC haben eine hervorstechende Frauenquote.)

Predigt

Es gibt eine Handvoll Frauen in der Bibel, der Gottesdienst ist leider nur kurz, deswegen möchte ich mit euch Rosinen picken gehen und zwei biblische Frauen beleuchten. Wir stellen folgende Fragen an die Frauen:

  1. Was macht die Frauen besonders, wodurch heben sie sich vermutlich ab von anderen Frauen ihrer Zeit?

  2. Was erfahren wir über das Glaubensleben der Frauen? Gibt es außergewöhnliches darin?

  3. Was erfahren wir über ihre persönlichen Beziehungen? Gibt es außergewöhnliches darin?

  4. Was haben die Frauen gemeinsam?

  5. Wozu kann uns ihre Geschichte inspirieren?

Beispiel 1: Debora und Barak

In Richter 4 lesen wir die Geschichte von Debora und Barak.

[Lesen: Richter 4, 1-17]

Jael, die Frau, bei der König Sisera Schutz sucht, wird ihn einige Verse später heimtückisch töten. Debora behält also Recht, Barak kann den Sieg nicht ganz auf seine Fahne schreiben.

Ein martialische Geschichte, und mittendrin die Politikerin Debora und ihr General Barak. Israel hat zu dieser Zeit noch keinen König, sondern besteht aus Sippen und Stämmen. Israel ist somit kein Zentralstaat, wie die anderen Reiche um es herum, wo kleine und große Königreiche entstehen und miteinander in Konkurrenz treten. Das ist ein militärischer Nachteil, denn immer wieder verwickeln sich einzelne Stämme Israels in blutige Scharmützel mit ihren Nachbarn. Mose und Josua, die großen Anführer und obersten Richter Israels sind schon längst tot. Da Israel kein richtiger Staat ist, gibt es auch keine richtige Judikative, also kein Gerichtswesen. Ein innenpolitischer Nachteil, denn innere Streitigkeiten blockieren die Stämme. In dieser Zeit zwischen Josua und dem ersten König Saul berichtet das Buch der Richter immer wieder von Menschen, die vorübergehend zu Führungspersönlichkeiten des Volkes werden. Die Bibel nennt sie irreführend “Richter”, denn nur einige von ihnen widmen sich der Rechtsprechung. Manche fungieren als Propheten, andere als Heerführer, wieder andere als Freiheitskämpfer. Gemeinsam ist ihnen, dass sie offenbar charismatisch genug sind, die vielen Sippen und Stämme ganz oder teilweise hinter sich zu bringen, um konkrete Bedrohungen zu überwinden.

Debora betätigt sich als Rechtsprecherin und Prophetin, und – wie wir in der Geschichte gehört haben – auch als Teilzeit-Feldherrin.

Das Volk Israel ist zu ihrer Zeit wieder einmal in “Bedrängnis” geraten. Die Autoren der Bibel sehen die Ursache dafür dann meistens in besonders großer Mißachtung von Gottes Willen durch “das Volk” und später “die Könige”. Eine gewagte These, wie ich finde, zumal wir an den meisten Stellen nicht erfahren, welche Sünde denn nun begangen worden sein soll, und die verschiedenen Bücher sich teilweise in ihrer Beurteilung sogar widersprechen. Für Deboras Geschichte spielt die Ursache der Bedrängis zum Glück keine Rolle. Fakt ist, dass das Land seit Jahrzehnten von einem brutalen Gewaltherrscher dominiert worden war und die daraus erstandene Not offenbar unerträglich ist.

In dieser Lage erfahren wir von Debora, einer Richterin – und Frau. Sie ist die einzige Frau, von der die Bibel uns als Richterin berichtet. Offenbar eine einflussreiche Frau, denn sie ist nicht nur Richterin, sondern kann auch Menschen zu sich rufen lassen, die dem Ruf Folge leisten. Eine absolut außergewöhnliche Rolle. Außerdem ist sie Prophetin, das heißt, sie kann Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und/oder Zukunft in Verbindung mit Gottes Willen und Wirken setzen. Die Bibel berichtet uns nur von sehr wenigen Prophetinnen.

Debora ruft Barak, einen Sippenführer vom Stamm Naftali zu sich und gibt ihm den Auftrag, eine Widerstandsarmee aufzustellen und in den Krieg zu ziehen.

Auch das eine außergewöhnliche Situation. Eine Frau sagt einem Mann, was er zu tun hat, und zwar nicht “Bring den Müll runter”, sondern “Ziehe in eine blutige Schlacht”. Und wie reagiert Barak? “Aber nur, wenn du mitgehst!” Hat Barak Angst? Vielleicht. Debora scheint sich dafür nicht zu interessieren, jedenfalls stimmt sie zu, Barak zu begleiten. Damit ist Debora die einzige Heerführerein der Bibel. Debora ist es schließlich, die Barak geradezu anstachelt, endlich anzugreifen: “Auf! Heute ist der Tag, an dem der Herr Sisera in deine Gewalt geben wird. Ist der Herr nicht schon vor dir unterweg?”

Das liest sich wie “Mach hin, Barak, Gott ist sonst viel früher da als du!”

Debora ist offensichtlich keine schwache oder passive Frau. Sie ist durchsetzungsfähig und aktiv, die Beziehung zwischen Barak und ihr konterkariert das Frauenbild des Alten Testaments. Zugleich ist Debora aber nicht herzlos: Debora ist die Frau, die auch die unbequemen Wege in die Schlacht mitgeht. Wasser predigen und Wein trinken – das ist nicht Deboras Sache.

Beispiel 2: Rut und Naomi

Im Buch Rut lesen wir die Geschichte von zwei Frauen, Naomi und ihrer Schwiegertocher Rut.

[Lesen: Rut 1]

Auch diese Geschichte spielt noch zu einer Zeit, in der Israel den Schritt von der Stammeskultur zur Monarchie noch nicht gegangen ist, sie fällt etwa in die gleiche Zeit, wie die Geschichte von Debora und Barak. Israel ist also nach wie vor kein Staat, wie wir ihn verstehen würden. Mal bekriegen sich die verschiedenen Stämme Israels mit anderen Bevölkerungsgruppen, mal schließen sie Waffenruhe. Da es aber keinen Staat gibt, gibt es auch keine wirkliche Exekutive, die in der Lage wäre, die Schwachen zu schützen. In dieser durch und durch patriarchalischen Gesellschaft sind besonders die Frauen die schwachen. Beim Eheschluss mit einem Mann hatte eine Frau nicht unbedingt die große Liebe zu erwarten, sondern etwas viel grundlegenderes. Die Ehe spielte damals gleich in dreifacher Weise eine Rolle als Schutz- und Versorgungsgemeinschaft.

  1. Da Land von Männern besessen und auf Männer vererbt wurde, und da Landwirtschaft die hauptsächliche Überlebensgrundlage war, sicherte eine Ehe das bloße Überleben von Frauen, die dann als versorgt galten.

  2. In einer patriarchalischen Gesellschaft ohne Staat und ohne formale Exekutive waren Frauen auf Männer angewiesen, denn ohne einen durchsetzungsfreudigen Ehegatten standen ihre Rechte auf z.B. körperliche Unversehrtheit auf sehr geduldigem Papier. Eine Frau ohne Mann galt nicht viel. Sie lebte gefährlich.

  3. Da Land auf Männer vererbt wurde, es keinen Staat gab und die Männer früh starben durch Kriege und Entbehrung, mussten Frauen männliche Nachkommen gebären. Wer sonst konnte das Land erben, und damit den Lebensunterhalt sichern, wer sonst konnte die Rechte der Mutter nach dem Tod des Vaters durchsetzen, wer sonst konnte helfen, wenn das Alter sich bemerkbar macht?

Naomi und Rut sind vor diesem Hintergrund zwei zutiefst gescheiterte Frauen! Keine Männer, keine Söhne, kein Auskommen, kein Geld, keine Arbeit, keine Hoffnung! Und obendrein ist Rut eine Moabiterin und somit nicht unbedingt erste Wahl für einen männlichen Israeliten, hatte Gott den Israeliten doch sogar geboten, sich nicht auf Ausländerinnen einzulassen.

Und dennoch lesen wir unsere Stelle aus dem Buch Rut. Das Alte Testament, das sonst die Geschichte Israels erzählt, widmet damit eines von zwei Büchern, die nach Frauen benannt sind, einer Nicht-Israelitin. Seitenlang lesen wir im Alten Testament vom Genozid an Nicht-Israeliten, und dann das! Von wegen, die Bibel hätte keine Widersprüche. Das ist aber erst Außergewöhnlichkeit Nummer eins.

Rut und ihre Schwiegermutter Naomi verbindet eine außergewöhnlich tiefe Zuneigung zueinander, die an Innigkeit mit der späteren Beziehung zwischen David und Jonathan vergleichbar ist. Es ist keine erotische Liebesbeziehung, sondern eine Liebe der Seelen. An keiner anderen Stelle gestattet uns die Bibel so einen tiefen Einblick in weibliche Freundschaft. An keiner anderen Stelle der Bibel bildet die Beziehung zwischen zwei Frauen den Kern einer biblischen Erzählung, und dann auch noch zwischen einer Israelitin und einer Moabiterin!

Zwei verlorene Seelen halten sich aneinander fest und lassen sich auf den Lebensweg der anderen ein.

Was wird nun im weiteren Verlauf aus den beiden? Ich lege euch das Buch Rut ans Herz, es ist herrlich kitschig! Rut kümmert sich um Naomi und arbeitet hart. Naomi ihrerseits gibt Rut kluge Ratschläge, dank derer Rut einen wohlhabenden Mann erfolgreich verführt und ihn später heiratet. Für Rut und Naomi geht die Geschichte ihres gemeinsamen Weges in Geborgenheit aus. Und wer hätte es gedacht: Aus dem Stammbaum von Naomi und Rut, der Moabiterin, geht niemand geringeres hervor als der große König David und damit in letzter Konsequenz auch Jesus. Rut und Naomi haben damit einen festen Platz in der Heilsgeschichte Gottes, auch wenn das Buch Rut uns nichts über die Gottesbeziehung der beiden Frauen verrät. Wir lesen weder von ihrem Gebetsleben, noch von Gottes Reden zu ihnen oder prophetischen Ereignissen.

Die Geschichte zwischen Rut und Naomi ist die Geschichte einer tragfähigen, grenzüberschreitenden Freundschaft, aus der Gott für beide Frauen erst nach einiger Zeit Segen schafft.

Synopse

Rut und Debora unterscheiden sich an vielen Stellen. Die eine ist bettelarm und entrechtet, die andere gutsituiert und einflussreich. Die eine ist eine Moabiterin, die andere Israelitin. Von einer wissen wir nichts über ihre Gottesbeziehung, die andere ist sogar Prophetin. Die eine ein junges Ding, die andere eine Frau in den besten Jahren, die eine Witwe, die andere Ehefrau.

Nicht viele Gemeinsamkeiten, oder doch?

“Wenn du mitkommst, gehe ich, aber wenn nicht, gehe ich auch nicht” – “Gut – ich komme mit dir.”, sagt Debora.

“Wo du hingehst, dort will auch ich hingehen, und wo du lebst, da möchte auch ich hingehen.”, sagt Rut.

Rut und Debora haben eines gemeinsam: Ihre Entschlossenheit. Beide sind entschlossen, ihre Beziehungsarbeit ernst zu nehmen, beide lassen sich darauf ein, Grenzgängerinnen und Wegbegleiterinnen zu sein. Rut wird die Wegbegleiterin von Naomi auf dem Weg ins Ungewisse, Debora wird die Wegbegleiterin Baraks auf dem Weg in eine gefährliche Schlacht. Beide Frauen schrecken vor Furcht und Gefahr nicht zurück.

Jesus wird seinen Jüngern später sagen: “Wenn einer euch bittet, eine Meile mit ihm zu gehen, so begleitet ihn auch noch die zweite.” Debora und Rut haben das schon hunderte Jahre vorher verstanden.

Synthese

Ich glaube, das Rut und Debora und viele weitere Frauen der Bibel uns herausfordern, ihrem Beispiel zu folgen. Sind wir bereit, über Grenzen zu treten, um Wegbegleiter zu werden? Wer sind die Menschen, für die Gott dich zum Wegbegleiter macht, wessen Wegbegleiterin bist du? Hast du selbst Wegbegleiter gehabt? Wie können wir den Auftrag ernst nehmen, Wege zu begleiten?

Keine Frage ohne Beispiele.
Bist du bereit, dein Schneckenhaus der Sicherheit zu verlassen, um jemandem Gesellschaft zu leisten, der dich braucht?
Gibt es Menschen, an die du regelmäßig im Gebet denkst?
Gibt es Menschen, die du regelmäßig unter Gottes Segen stellst?
Ist es dir wichtig, dass alles nach deiner Denke läuft, oder willst du Vertrauen haben und anderen Raum schaffen, sich zu entfalten?
Welche Menschen fragst du aufrichtig danach, wie es ihnen geht?
Wie schwer fällt es dir anzuerkennen, einen Wegbegleiter oder eine Wegbegleiterin zu brauchen?

Das sind nur einige Beispiele dafür, was Wegbegleiter-Sein heißt. Ich wünsche uns ein Wegbegleiter-Herz, wie Debora und Rut es hatten.

AMEN.

3 Anmerkungen zu “Wege gehen statt weggehen (4. Advent: Grenzgängerinnen und Wegbegleiterinnen)

  • ernstjosef sagt:

    Debora war die erste Feministin der Bibel.
    Deborah,Rut,Naomi sind einfach Beispiele wie Gott auch mit Frauen seinen Weg geht.

  • ernstjosef sagt:

    Debora heißt natürlich nicht Deborah.Ein Versehen ,da meine Tochter Deborah heißt.

  • Daniel sagt:

    Lieber Ernst Josef,
    Feminismus ist ein weiter Begriff, sicher hängt viel von deiner Definition davon ab. Ich tue mich allerdings schwer, Debora als erste biblische Feministin zu sehen. Zum einen habe ich tiefen Respekt vor der Denkleistung, den Zielen und den Erfolgen der modernen Feministen und Feministinnen – das erscheint mir in der Geschichte schon doch als hervorstechend besonders und neu.
    Andererseits erzählt das Buch Richter wenig über Deboras Ansichten und ihren Einsatz für Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit – das waren vermutlich einfach nicht ihre Hauptziele und im damaligen Kontext auch keine Brennpunkte. Ich sehe in Debora daher weniger eine Feministin, als vielmehr eine konsequente und entschlossene Frau auf ihrem Weg mit Gott.

    Kurzum: Ich denke, Debora würde sich selbst nicht als Feministin bezeichnen – aber sie fände den Feminismus gewiss gut. Umgekehrt kann Debora für Feministen und Feministinnen sicher eine Inspiration sein, worüber sie sich bestimmt ebenso gefreut hätte.

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