[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Warum die Frohe Botschaft nicht immer froh macht (und trotzdem gilt). (Verheißung, Teil I: Gottesnähe inmitten ‚unpassender‘ Gefühle und Begebenheiten.)

Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.
Apg 2,30

Im Folgenden tauchen hier vorne ein paar Worte auf, die im Zusammenhang mit Glaube und Christentum oft als Versprechen angesehen werden. Also quasi die Dinge, mit den Gott alle Gläubigen beschenkt. Wer richtig glaubt und richtig lebt, dessen Leben soll angeblich mit all dem erfüllt sein:

… Materielle Sicherheit?
… Gesundheit?
… Zufriedenheit?
… Harmonie?
… Wohlbefinden?
… Gewissheit?
… Gelingen?

Viele Christen erleben diese Dinge nicht.
Nicht alle Christinnen leben in matierieller Sicherheit. Es gibt viele Christinnen, die arm sind.
Nicht alle Christen sind gesund. Es gibt viele Christen, die krank sind – körperlich oder seelisch: es gibt blinde Christen und welche mit Depressionen und welche mit Migräne und welche die hinken.
Nicht alle Christinnen sind zufriedene Menschen. Es gibt viele Christinnen, die mit sich und mit der Welt hadern.
Nicht alle Christen leben in Harmonie, sowohl in Bezug auf sich selbst als auch in Bezug auf ihre Umwelt und schon gar nicht innerhalb von Gemeinden. Viele Christen sind unausgeglichen, bezugslos, unachtsam oder zerstritten.
Nicht alle Christinnen sind voller Wohlbefinden. Christinnen erleben Schmerzen und Leid.
Nicht alle Christen sind voller Gewissheit. Viele Christen zweifeln, manche verzweifeln an ihrem Gott. Manchmal sagen alle ihre Stimmen, nie mit Gott zu tun gehabt zu haben.
Nicht alle Christinnen leben ein Leben voller Gelingen. Viele Christinnen nehmen sich Dinge vor, die sie nicht schaffen; Gemeinden machen Pläne und verfehlen ihre Ziele; statt Gelingen und Wachstum erleben Menschen und Gemeinden Scheitern, Ohnmacht, Lähmung, Angst und Unischerheit.

Haben diese Menschen und Gemeinden zu wenig gebetet?
Haben diese Menschen und Gemeinden zu wenig geglaubt?
Haben diese Menschen und Gemeinden zu wenig getan?

Nichts davon. Menschen und Gemeinden erleben diese Dinge einfach deswegen nicht, weil Gott sie uns gar nicht verheißen hat.

Zu jeder der genannten Erfahrungen kann ich euch Beispiele aus der Bibel nennen: Menschen voller Glaubens, von Gott Berufene, von Jesus in der Nachfolge geschulte Menschen, die genau das alles erleben: Existenzsorgen, ungeheiltes körperliches Leid, Ängste und Zweifel, Gefahren, Hadern mit sich und Gott, Zerstrittenheit, Misslingen, Unglauben.

Sebstverständlich liegt es durchaus in Gottes Möglichkeiten, die genannte Dinge alle zu schenken, und auch das erleben Menschen und Gemeinden immer wieder.
Und selbstverständlich gibt es durchaus auch Wege ohne christichen Gottesbezug, die genannten Dinge zu erlangen – manchmal sogar besser als MIT dem christlichen Gottesglauben.
Aber darum geht es heute gar nicht. Meine Frage ist nicht: Wie können wir all das denn erreichen? Meine Frage ist: Was ist es, dass Gott uns wirklich zugesagt hat? Worauf können wir alle bauen, was Gott uns in die Hand versprochen hat? Was ist die Verheißung, von der die Bibel immer wieder spricht, die wirklich uns allen gilt?

Im Alten Testament gibt es zunächst unterschiedliche Verheißungen an Einzelne. In der Frage, was Gott uns allen verheißen hat, hilft uns das nicht weiter. Daneben gibt es einige immer wieder aufgeführte Verheißungen Gottes, den Menschen Landbesitz, Nachkommen, Beistand und Segen zu geben. Diese Dinge sind lebensdienlich, sie sind Grundlage gelingenden Lebens. Ohne sie ist Leben gar nicht möglich. Dabei haben die Verheißungen Gottes schon im AltenTestment nicht nur das Leben im Blick, wie wir es jetzt kennen:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.
Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. 25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.
(Jesaja 65, 17-25)

Vom Alten Testament übernehmen wir drei Züge von Verheißungen,:
– solche, die sehr konkret mit dem aktuellen Leben zu tun haben
– solche, die zum Teil Jahrhunderte später in Erfülling gehen
– und solche, die darüber hinaus von einem neuen Himmel und einer neuen Erde sprechen. Gerade diese Verheißungen haben allerdings wieder sehr viel mit der sehr konkreten Gegenwart zu tun: Gerade WEIL Gott dafür sorgen wird, dass ein Leben in Recht und Gerechtigkeit und Frieden möglich ist, gibt es auch aktuell keine Ausreden für alles, was nicht dem Recht und der Gerechtigkeit und dem Frieden dient.

Das Neue Testament erwähnt aus dem Alten Testament immer wieder die Verheißung Gottes an Abraham und Sara (Gen 17). Gott verheißt den beiden Nachkommen (= ganz konkret im aktuellen Leben), und daraus sollen ganze Völker werden (= auf die lange Zukunft hin). Gott will ihnen Land geben, und in all dem will Gott ihr Gott sein.

Im Gegenzug dazu sollen als Zeichen für diesen Bund alle männlichen Nachkommen beschnitten werden. Wer beschnitten ist, ist mit im Boot. Die Verheißung an Abraham und Sara wird mit der Beschneidung an ihre Nachkommen vererbt. (Zumindest für den männlichen Teil der Nachkommen war damit Klarheit hergestellt. Sara kommt allerdings nur wegen, durch und mit ihrem Mann in die Gottesgemeinschaft…)

Nicht alle Teile des Judentums sind heute der Auffassung, dass die Beschneidung unbedingt sein muss. Aber damals war es Teil eines Gottesverständnisses, das im Neuen Testament immer wieder angeführt wird, zum Beispiel im Zusammenhang mit den „Erben der Verheißung“ (Heb 6,17) und den „Bündnissen der Verheißung“ (Eph 2,12). (In welchen Gottesverständnissen denkt unsere Gesellschaft heutzutage?)

Als die Christen damals darüber nachdachten, wie sie das Leben und die Hinrichtung Jesu verstehen könnten, knüpfen viele von ihnen an diese ihnen vertraute Tradition an. Allerdings führen sie nun etwas Neues ein, nämlich den „Heiligen Geist der Verheißung“ (Eph 1,13). Damit werden auch Menschen außerhalb des Judentums nun „Mitteilhaber der Verheißung“ – und zwar mit allen Konsequenzen:

1) Das Zeichen ist allen zugänglich:
Genauso wie für die männlichen Juden die Beschneidung das Zeichen des Bundes ist, ist es für die Christen und Christinnen der Heilige Geist, der die Gläubigen versiegelt (Eph 1,13). Männlichkeit kommt damit keine besondere Rolle mehr zu; Menschen jeglicher Geschlechter sind hier gänzlich gleichwertig.

2) Die Erbschaft ist allen zugänglich:
So wie die Juden Erben der Verheißung sind (= als Nachkommen Abrahams), sehen sich die Christen als Erben der Verheißung, allerdings unabhängig von ihrer menschlich-kulturell-religiösen Herkunft: Im direkten Bezug auf Jesus nennen Christen und Christinnen ihren Gott „Vater“ und sind Gottes direkte Kinder. Wie alle Erben müssen auch wir nicht nochmal individuell die Verheißung Gottes zugesagt bekommen – sie gilt uns, auch wenn wir als Einzelne keine persönlich spürbare Offenbarung und keine kirchliche Zusicherung davon erlebt haben. Auch wer bisher nicht das Gefühl hatte, von Gott diese Stimme in sich wahrgenommen zu haben, ist Erbe der Zusage. Auch die sind mit dabei, die immer noch sehnlichst darauf warten, das von ihrer Kirche mal gesagt zu bekommen.

3) Die Gottesgemeinschaft ist allen zugänglich:
Gemeinschaft mit Gott haben Christen und Christinnen durch den Heiligen Geist als Zugang zu Gott (Eph 2,18) Es bedarf dazu keiner Vermittlung durch Männer, Zugehörigkeiten und Priester mehr: Gemeinschaft mit Gott haben wir einfach DURCH Jesus Christus und IM Heiligen Geist, mehr brauchen wir nicht: Keine besonderen Menschen, keine besonderen Orte, keine besonderen Techniken, keine besonderen Gegenstände, keine besonderen Erfahrungen und auch keinen besonderen Lobpreis ;)

WEM und WIE die Verheißung gilt, wurde durch Jesus Christus also gänzlich erweitert. Kein Wunder, dass sogar die Verheißung selbst auf Jesus übergeht in die „Verheißung des ewigen Lebens in Christus“ (2 Tim 1,1). Und natürlich bezieht sich ab sofort auch sonst fast jede Verheißung aus dem Alten Testament auf Jesus :) (z.B. Apg 2,30f)

Was sich aber nicht geändert hat, ist Inhalt und Ziel all dieser Verheißungen. „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2 Petr 3,13). Die Beschreibung im Neuen Testament deckt sich mit der im Alten Testament:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
(Offb 21,1-4)

Und genau wie im Alten Testament geht es auch hier nicht bloß um Visionen für eine ferne Zukunft, sondern um einen Maßstab, an dem sich alles Gegenwärtige messen lassen muss.

Mit dieser Verheißung wird auch klar, warum so vieles, was Menschen vom Glauben versprochen wird, gerade NICHT Teil unseres Lebens ist:

Gerade Menschen und Gemeinden, die diese Verheißung kennen und vom Heiligen Geist bewegt werden,
– können oft eben NICHT immer alles mitmachen, was ihre matierielle Sicherheit vielleicht stärken würde.
– sind oft eben NICHT immun in Lebensverhältnissen, die Menschen oft krank machen, sondern haben einen offenen Geist und ein offenes Herz und sind damit auch Teil einer Welt voller Verletzungen und Leid.
– können eben NICHT zufrieden sein mit Kompromissen, Sachzwängen und materiellen Versprechen aus Werbeprospekten, die Menschen mit weniger abspeisen wollen als Gott ihnen verheißen hat.
– können sich oft NICHT abfinden mit einer Harmonie, in der alles Streitbare unterdrückt oder unter den Teppich gekehrt wird.
– wissen, dass es in unserem Leben NICHT nur um das eigene Wohlbefinden geht, sondern auch die Erfahrungen von Grenzen und Nöten wichtige Erschütterungen bringen können, die uns neu öffnen für das Befinden Gottes uns unseres Lebens insgesamt.
– werden sich in ihrern Gewissheiten erschüttern lassen, wenn so vieles im Leben den Verheißungen entgegensteht und Fragen aufwirft.
– werden nicht immer darauf ausgerichtet sein, das Gott ihre Pläne gelingen lassen soll, sondern sich ganz in den Dienst Gottes stellen, damit auch im Ungeplanten der Wille Gottes und unsere Mitmenschen ihren Platz haben.

Ohne die Erschütterung aller Gewissheiten über die „Größe“ und „Macht“ Gottes wären wir heute gar nicht an diesem Punkt. Aber gerade das größte Scheitern war der entscheidende Einschnitt dafür, dass die Verheißung Gottes eben NICHT an der Gewalt von Menschen und Gewalten scheitern wird: Der Tod Jesu Christi konnte die Verheißung Gottes nicht begraben, sondern macht sie bis heute zugänglich und wirksam. Auch angesichts von Gewalt und Tod ist Gott nicht davon abgerückt, an ihren Verheißungen festzuhalten und alles, was sie tut, an der Liebe, dem Frieden und der Gerechtigkkeit auszurichten. Sachzwängen, Unrecht und Gewalt(en) hat sie sich nicht gebeugt. Die Verheißung des Wohlbefindens aller stand auch in Jesu Handeln über seinem eigenen Wohlbefinden: Gott will unser Gott sein, diese Botschaft und diese Wirklichkeit bezieht auch einen Gott mit ein, die mit uns und wegen uns leidet.

Wenn es also gar nicht darum geht, dass unser Glaube nur unseren Plänen und unserem Wohlbefinden dienen muss, können wir aufhören, Gott und uns dafür einzuspannen. Gottes Verheißung gilt und wirkt unabhängig davon, ob unsere Pläne gelingen und ob wir uns gerade wohlfühlen. Wer sich gänzlich fern fühlt von einem gelingenden Leben ist nicht ferner von Gottes Zusagen als welche, die gerade sprühen vor Glaubensgewissheit.

Wir müssen unseren Glauben nicht mehr messen daran, wie unser Leben verläuft oder wie wir uns fühlen. Gottes Verheißung gilt und wirkt unabhängig davon!
Wir können aufhören, uns die Verwirklichung der Verheißung Gottes erarbeiten zu müssen, zum Beispiel durch unser Gemeindeleben oder unser Gebetsleben. Gottes Verheißung gilt und wirkt unabhängig davon!
Wir können krank oder gesund sein, voller Glauben oder mit bohrenden Fragen, voller Hoffnung und voller Enttäuschung, voller Enthusiasmus und voller Ernüchterung, voller Zuversicht oder voller Ängste: Gottes Verheißung gilt und wirkt unabhängig davon!
Wir müssen den Erfolg einer Gemeinde nicht daran messen, wie viele Menschen sich in ihr treffen und wie gut der Lobpreis ist und wie cool und gelassen die Christen alle wirken. Gottes Verheißung gilt und wirkt unabhängig davon!
Wir müssen keine Bedingungen mehr setzen, keinen subtilen christlichen Leistungsdruck ausüben, unsere Gefühle und Gedanken nicht manipulieren, das Leben und den Glauben anderer nicht bewerten. Gottes Verheißung gilt und wirkt unabhängig davon. Und sie sagt nichts anderes als:

Ich will und werde dein Gott sein – heute und in Ewigkeit.
Lass deine Tränen zu! Ich will und werde sie abwischen.
Lass deinen Schmerz zu! Ich will und werde dem Leid ein Ende bereiten.
Lass deine Hoffnung zu! Ich will und werde sie erfüllen.
Ich will und werde bei euch wohnen – heute und in Ewigkeit.

Hüten wir uns also davor, solange die Verheißung, in seine Ruhe einzugehen, noch nicht erfüllt ist, zu meinen, jemand sei zu spät gekommen.
Genauso wie den Leuten damals in der Wüste ist auch uns die Gute Nachricht verkündet worden: die Botschaft, dass wir in Gottes Ruhe aufgenommen werden sollen.
Wer in Gottes Heimat hineinkommt, kann sich ebenso wie Gott auch selbst von den eigenen Taten ausruhen.
(Heb 4,1.2.10)

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