[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

„Von nun an geht’s bergab“: von schlechten Anfängen und rätselhaften Ausgängen

Predigt MCC Köln, 22. Jan. 2017
Daniel Großer

Matthäus 4,12.17-23

Von Martin Buber stammen die Worte: “‘Erfolg’ ist keiner der Namen Gottes.”
In unserem heutigen Predigttext begegnet uns ein Jesus, dem man von Anfang bis Ende ansehen müsste: Erfolg kann dieser Mann eigentlich nicht haben.
“Das geht nicht gut!”, so mag ein Zeitgenosse Jesu zu dieser Zeit gedacht haben. Der Heiland der Welt macht am Beginn seiner Schaffenszeit so ziemlich alles falsch, was man als Heiland falsch machen kann – sollte es sich denn so zugetragen haben, wie uns das Matthäusevangelium erzählt.
Jesus lässt sich mit seinen Eltern in Nazareth nieder, einem schrecklich kleinen und noch schrecklicher unbedeutendem Dorf, vielleicht sogar nur einer Häusersammlung. Zwar gerade noch groß genug für einen winzigen Synagogenraum in einer der Wohnhütten, aber für interessantes theologisches Leben viel zu klein. Ein Kaff in Galiläa, heute auf halber Strecke zwischen Haifa und dem See Genezareth. Glück im Unglück: Wenn Jesus wie sein Vater ein Bauarbeiter geworden ist, dann war er sicherlich auf den Baustellen der Gegend tätig und konnte so immerhin ein bisschen etwas von der Welt sehen, besonders auf den prachtvollen Baustellen der nahe gelegenen römischen Stützpunkte.
Aber in so einer Ausgangssituation zu einem gelehrten Mann werden – “Das geht nicht gut!”
Seinen Ruf ruiniert Jesus natürlich auch direkt: Er verlässt Nazareth und lässt sich am Jordan von Johannes taufen (Matthäus 3). Der haust in der Wüste des südlichen Judäa, wo auch Jesus nach seiner Taufe einige Zeit verbringt und – laut Matthäus – vom Teufel versucht wird.
“Das geht nicht gut!” – mag man wieder gedacht haben, denn was bewegt einen Mann in der Blüte seiner Jahre, der mit beiden Beinen fest im Leben steht, wie ein Hippie durch die Wüste zu tingeln? “Das geht nicht gut!”
“Das geht nicht gut!”, mag auch Maria gedacht haben, die inzwischen verwitwet ist. Und was ist eine Witwe wert in damaliger Zeit? Nicht viel, ihr Wohl und Wehe hängt davon ab, dass ihre Söhne sich um sie kümmern. Nicht so ihr ältester Sohn Jesus, der sich kurzerhand aus dem Staub machte in die Wüste. Ein absolutes No-Go! Von jüdischen Männern wurde erwartet, dass sie sich um ihre verwitweten Mütter kümmern und für deren Lebensunterhalt sorgen. War da nicht sogar ein Gebot: “Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren”? Jesus verhält sich praktisch gegenteilig. “Das geht nicht gut!”
Johannes der Täufer wird schließlich verhaftet und Jesus kehrt nach Galiläa zurück.
“Das geht nicht gut!”, mögen Jesu Brüder gedacht haben, die in seiner Abwesenheit die ganze Verantwortung tragen mussten. Vielleicht dachten sie aber auch nur: “Na sieh mal einer an, wer da zurückgekrochen kommt”.
Aber das tut er ja gar nicht – Jesus kommt nicht wieder nach Nazareth, um seine Verpflichtungen zu erfüllen, er geht ins nahe gelegene Kapernaum. Es liegt an der Nordküste des Sees Genezareth und ist seinerzeit ein kleines, florierendes Fischerdorf. “Das geht nicht gut!” Statt seine Füße wieder auf den Boden zu bekommen, predigt Jesus nun den Leuten folgendes: “Tut Buße und kehrt um zu Gott, denn das Himmelreich ist nahe!” Klingt fast wie eine schlechte Kopie dessen, was er bei Johannes dem Täufer aufgeschnappt hat. Ist Jesus nun noch so ein Weltuntergangs-Prophet und selbsternannter Heilsbringer, wie es sie seinerzeit doch schon so unzählig viele gibt? “Das geht nicht gut!”, so schütteln die Leute in Kapernaum den Kopf.
“Das geht nicht gut!”, Jesus bereist die umliegenden Orte und predigt. Da die Orte alle nur wenige Stunden zu Fuß auseinander liegen und auch nicht sonderlich groß sind, dürfte ihn ziemlich bald jeder dort gekannt haben (man hat ja schon im ungleich größeren Köln andauernd das Gefühl, nur noch bekannte Gesichter zu treffen). Mit so einem winzigen Wirkungskreis ein großer König des Heils werden? “Das geht nicht gut!”
Und dann der mäßige Erfolg: Die Evangelien berichten zwar von vielen Krankenheilungen, aber später wird Jesus einige der Städte in Galiläa sogar verfluchen, weil sie seine Lehre nicht annehmen mochten (Lukas 10, 10-15 und Matthäus 11, 23) – darunter auch Kapernaum. Hielt man ihn dort vielleicht sogar für einen Spinner? “Das geht nicht gut!”
Den vorläufigen Gipfel des Ungeschicks bekommen wir in unserem Predigttext für diesen Sonntag serviert: Jesus beruft seine ersten Jünger.
Soviel vorab: “Das geht nicht gut!”
Da Kapernaum bestenfalls ein paar hundert Einwohner hatte und Jesus dort nun womöglich schon bekannt war wie ein bunter Hund, darf man durchaus vermuten, dass die ersten Jünger zumindest schon von ihm gehört hatten, wenn sie ihn nicht sogar selbst kannten.
Wie mag der arme Zebedäus wohl geguckt haben, als da Jesus am Ufer stand und seine beiden Söhne Jakobus und Johannes anquatscht. “Nicht der schon wieder”, hat Zebedäus vielleicht gedacht. Aber zu seinem Entsetzen lassen sich seine Söhne auf Jesus ein! Jesus stiftet die beiden Söhne damit praktisch zum gleichen Fehlverhalten an, das er selber an den Tag gelegt hatte: Die Söhne verhalten sich gegenüber ihrem Vater unloyal und verlassen ihn. Der Beruf des Fischers ist einträglich, aber körperlich sehr fordernd. Für den armen Zebedäus war der Verlust seiner beiden Söhne und Arbeitskräfte vielleicht ruinös! “Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren” – anscheinend hat Jesus da sehr spezielle Vorstellungen. “Das geht nicht gut!”

Der Werdegang Jesu steckt voller solcher Momente: No-Go’s, Umbrüche, Scheitern, Kehrtwenden, und jede Menge “Das geht nicht gut!”
Und doch ist der Mann aus Nazareth nicht nur voller Widersprüche, er ist auch voller Überraschungen! Das Evangelium erzählt uns nichts über die Gedanken und Beweggründe, aus denen die ersten Jünger Jesus nachfolgten – und doch: sie tun es! Etwas bewegt diese einigermaßen wohlhabenden, kräftigen Männer dazu, ihr sicheres und gutes Leben für Jesus hinzugeben – erst im bildlichen Sinne, später teils sogar wortwörtlich. Jesus ist offenbar nicht nur für die Armen, Kranken oder Verstoßenen eine Identifikationsfigur, auch der damalige Mittelstand und das “Bildungsbürgertum” kann sich durchaus für ihn begeistern oder zumindest interessieren. Der Heiland der Welt eignet sich daher nicht sonderlich für links- oder rechts-politische Vereinnahmung, er fasziniert reiche und arme Menschen jeglicher Couleur. Nicht weniger interessant: Seine Mutter bleibt ihm ergeben, trotz seines anscheinend “No-Go”-Verhaltens ihr gegenüber. Was ist es, was diese Frau so unerschütterlich an ihren anscheinend erfolglosen Sohn glauben lässt? Überhaupt: Unter seinen Anhängern sind auffällig viele Frauen. Vielleicht sah er einfach nur verdammt gut aus, aber sehr wahrscheinlich hatten sie deutlich stichhaltigere Gründe dafür, seinetwegen aus ihren Rollenbildern zu brechen. Als Jüdin wurdest du Hausfrau und Mutter, nicht etwa selbstbestimmte Nachfolgerin eines ominösen Rabbis! Könnt ihr euch vorstellen, welchen Tumult das Verhalten der Frauen damals ausgelöst haben muss, wie die Menschen sie vielleicht verachtet oder beleidigt haben müssen? Das macht man nicht aus Spaß. Dieser Jesus muss es ihnen Wert gewesen sein!

Von Anfang an bricht dieser anscheinend ja selber total gescheiterte Jesus Tabus und ermöglicht es Menschen, aus ihren Lebenszwängen und Rollenbildern auszubrechen und damit zugleich auch das zu verlassen, was ihnen vielleicht Sicherheit und Halt geben hatte. Absolut unmöglich verhält er sich, und so geschieht aber auch absolut unmögliches durch ihn. Je widersprüchlicher er zu sein scheint, je verbauter die Lage, umso mehr überrascht er mit völligem Neuem, mit Unerwartetem, mit Unfassbarem, mit beinahe Unglaublichem. Ja, dieser Jesus fällt in jeder Hinsicht aus der Rolle.

In der MCC sind genug Menschen, denen ich garantiert nichts darüber erzählen muss, was es bedeutet aus einer Rolle zu fallen. Wenn das für dich zutrifft: Glückwunsch – du hast da was mit Jesus gemeinsam! Aber auch in unserem Glauben rennen wir andauernd gegen “Das geht nicht gut!”-Momente. Unsere Gemeinde ist klein und schwach, wusste lange nicht, ob es sie in einer Woche noch geben würde. “Das geht nicht gut!” Wir sind hier in einem kleinen Hinterhof in Köln, unsichtbar und abgelegen wie Jesus in seinem winzigen Nazareth, seinem bedeutungslosen Kapernaum. Was sollen wir schon ausrichten? “Das geht nicht gut!” Du gehst aus dem Gottesdienst nach Hause und dort kommt dir Gott sehr weit weg vor, als hätte Sie nicht die kleinste Hoffnung für dich zu bieten und jedes Gebet verpufft wirkungslos an der Zimmerdecke. “Das geht nicht gut!”
Du hörst vom Stand der MCC auf dem CSD und fragst dich, was das bringen soll. Denken nicht doch alle nur an Spaß und Vergnügen und Unterhaltung, machen wir uns nicht lächerlich mit einem Gott, der antiquiert und sinnesfeindlich zu sein scheint? “Das geht nicht gut!”
Du jagst einem Lebenstraum hinterher von dem du genau weißt, dass er sich nicht mehr erfüllen wird. Das frustriert dich, und Gott traust du am allerwenigsten zu, dass er mit dir ein Abenteuer beginnt und dich beschenken kann. Auf Gott vertrauen, dass er dein Leben zu einem hellen Leuchtfeuer macht? “Das geht nicht gut!”

Aber der Mann aus Nazareth hat ein selbstbewusstes Lächeln auf den Lippen. “Das geht nicht gut?! Na, wollen wir doch mal sehen!”

AMEN.

Fürbitten

Gott, wir bitten dich für die Opfer des Winters und der Erdbeben in Italien. Bitte gib den Betroffenen Mut und allen Helfenden Kraft. Lass Anteilnahme und Hilfsbereitschaft wachsen, die über sich hinauswächst und so auch die erfasst, die auf der Flucht sind, damit die Heimatlosen, die Fremden, die Verstörten, die Verängstigten wirklich Grund zur Hoffnung haben.
Christus, erhöre uns.

Gott, wir bitten dich für die politische Leitung der USA. Gib ihr Weisheit, verantwortungsvoll und mit Maß zu regieren, dass nicht Egoismus und Gewinnstreben zum Leitbild des Landes werden. Hilf unserem Kontinent, dass er nicht vom Populismus und Neo-Nationalismus verschluckt wird, damit die Liebe sich hinwegsetzt über Machtstreben, Angst und Neid.
Christus, erhöre uns.

Gott, wir bitten dich für unsere Hoffnungslosigkeit. Lenke unseren Blick auf deine und unsere Möglichkeiten. Lass uns nicht aufhören, Gutes zu wünschen und Offenheit zu sähen.
Christus, erhöre uns.

Gott, wir bitten dich für die Erkrankten unserer Gemeinde, darunter auch Stefan Bauer. Schenke ihnen Genesung und Zuversicht.
Christus, erhöre uns.

Gott, wir bitten dich für deine Kirche auf der ganzen Welt. Wo sie sich den Mächtigen angebiedert hat, bring sie zu Fall, damit sie ihre Wurzeln wiederfindet. Wo sie leidet unter Verfolgung und Druck, mach sie klug und ausdauernd, damit sie aus ihren Wurzeln schöpft. Wo sie gefangen ist im Zeitgeist, wo sie gefall- und erfolgssüchtig geworden ist, da wirf ihre schalen Blätter ab wie der Herbstwind, damit neue Früchte wachsen. Wo sie Teil ist von Segen und Heiligung, von Stärkung und Nächstenliebe, da lass sie wachsen und gedeien.
Christus, erhöre uns.

Gott, wir bitten dich für diejenigen, über die andere das “Das wird nicht gut!” ausgesprochen haben, für junge Leute auf der Suche nach ihrer Identität und ihrem Weg, für Regenbogenmenschen, für Gutmänner und Gutfrauen. Sprich zu ihnen in der Stille, damit sie von dir ermutigt werden dazu, sich nicht dem Urteil anderer anzuschließen. Leite und behüte sie, damit sie stark sind.
Christus, erhöre uns.

Wir wollen einige Momente still sein, um deinen Blick auf unsere unausgesprochenen Anliegen und Nöte zu empfangen.

Mit allen, die uns vorausgegangen sind und die noch nachfolgen werden auf dem Weg des Lebens, loben und preisen wir dich, du elterlicher Gott! Jesus, Befreier und Heiland, geheiligt seist du bei uns und durch uns! Wir halten dich hoch, Heiliger Geist, du ewige Quelle der Gottesstimme und Flamme, die begeistert.
AMEN.

 

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