[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

„Verurteile deinen Nächsten wie dich selbst“? Plädoyer für eine christliche Einübung von Selbstliebe.

Predigt MCC Köln
Ines-Paul Baumann

Sei wie eine Brunnenschale,
die zuerst das Wasser in sich sammelt
und es dann überfließend weitergibt.
(Bernhard von Clairvaux)

Lk 10,25-37: Der barmherzige Samariter

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gilt als eines der für Christen zentralen Gebote. „Wer ist mein Nächster?“, lautete die fast charmante Rückfrage an Jesus in den Evangelien – heute würden die meisten sicher erst mal fragen: „Wer bin ich selbst?“ Aber zu dieser Frage kommen wir gar nicht mehr, zumindest nicht als Christen und Christinnen: Unser Selbst hat bis heute nicht wieder in dem Liebesgebot Platz gefunden. Das Pendant zur Predigt der Nächstenliebe lautet meistens nicht Selbstliebe, sondern Selbstverleugnung. Mit welchen Begründungen?

Die üblichsten Argumente gegen Selbstliebe


Die üblichsten Argumente gegen Selbstliebe lauten:

„Das Wort Selbstliebe kommt nirgendwo in der Bibel vor.“
Das stimmt. Das Wort „Selbstliebe“ kommt in der Bibel ebenso wenig vor wie diese Wörter: Menschenrechte, Asyl, Umweltschutz, Seelsorge, … Sind diese Anliegen deswegen weniger biblisch?
Es gibt eine ganze Reihe anderer Wörter, die ebenfalls nicht in der Bibel vorkommen: Homophobie, Altarruf, Gemeindezucht, … Manche christlichen Kreise kämen nie auf die Idee, diese Dinge deswegen als unbiblisch zu bezeichnen.
Das Vorkommen eines Wortes in der Bibel sagt überhaupt nichts darüber aus, ob etwas biblisch oder unbiblisch ist.

„Der Mensch ist von Grund auf verdorben, da ist Selbstliebe völlig fehl am Platz.“
Und wieso sollten Christen dann ihre (ja nicht weniger „verdorbenen“) Nächsten lieben, aber sich selbst nicht?
Was ist mit Christen, die sich Jesus anvertrauen, weil sie erlöst sein wollen: Ist das auch ein Akt verwerflicher Selbstliebe?
Eine Verbindung von Liebe und Verdienst lässt sich von der Bibel her nicht rechtfertigen. Gottes Liebe ist eben nicht abhängig davon, wie „gut“ oder „schlecht“ wir sind.
Selbst die Annahme, dass wir voraussetzungslos verdorben seien statt vorausetzungslos liebenswert, entspricht nicht dem Fazit Gottes zur Schöpfung („Gott sah, dass alles gut war“) – und auch nicht dem Umgang Jesu mit den Menschen: Jesus verurteilte seine Mitmenschen nicht voraussetzungslos, sondern er lud sie voraussetzungslos ein.

„Selbstliebe wird heute ganz falsch interpretiert, gemeint war: Selbstverleugnung.“
… und statt Nächstenliebe war gemeint, meine Nächsten zu verleugnen?? Warum wird hier so eine künstliche Trennung vorgenommen, wo vorher eine ganz klare Vergleichbarkeit im Mittelpunkt stand?
In der Erzählung vom Barmherzigen Samariter ist der Nächste derjenige, der „die Barmherzigkeit an ihm tat“. Der Nächste ist also nicht derjenige, dem die Barmherzigkeit galt, sondern derjenige, der die Barmherzigkeit ausübt (und nicht derjenige, der Verleugnung ausübt). Mit den gleichen Maßstäben gemessen könnten die Rückschlüsse statt auf Selbstverleugnung also auch auf solche Fragen hinauslaufen: Hättest du auch dir selbst gegenüber Barmherzigkeit ausgeübt? Kümmerst du dich z.B. auch dir selbst gegenüber um Ausruhen und Genesen, wenn du krank bist?

„Selbstliebe wird heute ganz falsch interpretiert, gemeint war: Tue deinem Nächsten Gutes, denn dein Nächster ist wie du.“
Den Ansatz finde ich gar nicht mal schlecht, aber gerade dann stellt sich doch die Frage: Wenn mein Nächster ist wie ich, warum soll ich ihn dann unbedingt lieben, darf mich aber unbedingt nicht lieben?

Nun: Egal, ob wir uns selbst und andere zu sehr verurteilen, oder ob wir andere oder uns zu sehr zum Mittelpunkt der Welt machen: Gemeinsam glauben wir an Jesus Christus als den Weg, die Antwort, Erlösung und Verheißung. Werfen wir also einen Blick auf Jesus:

Blick auf Jesus

1) In Jesu Leben finden sich viele Anzeichen gelebter Selbstliebe.

– Jesus hat sich ab und zu zurückgezogen, um sich Raum und Zeit für sich selbst zu nehmen.

– Jesus ließ sich nicht beirren von Stimmen um ihn herum, die von Vorwürfen, Anklagen, Auslachen und Ausgrenzung erfüllt waren und ihn von sich selbst abbringen wollten. Jesus war frei von Scham und damit frei für seinen Weg und Auftrag (für sein Selbst).

– Jesus war so unabhängig von „Liebesbezeugungen“ seiner Mitmenschen, dass er selbst am Kreuz noch sich in ihre Situation hineinversetzen konnte und für sie betete.

– Jesus hatte einen positiven Blick auf sich selbst und konnte somit seine Mitmenschen als Freunde behandeln, nicht kontrollierend oder missbrauchend zum Aufbau seines Egos.

2) In Jesus Jesu Wirken finden sich viele Anzeichen zur Ermutigung zur Selbstliebe.

– Jesus heilte Menschen (die ihm gar nicht mal unbedingt nachfolgten o.ä.). Er machte ihnen keinen Vorwurf, sich zu sehr um sich selbst zu drehen. Gott will ihnen Gutes tun, und sie sollen das Gute gerne in Anspruch nehmen. Ja, sie sollen darum bitten statt sich dafür zu schämen!

– Jesus ermutigte Menschen, sich selbst anzunehmen, so wie Gott sie annahm. Jesus nahm sie an und nahm sie auf – insbesondere verbrachte er seine Zeit mit Sündern, Kranken, Ausgestoßenen. Die „ungeliebten“ Außenseiter und Entwerteten des Systems konnten so erfahren und lernen, sich in ihrem Selbstwert und ihrer Selbstliebe eben nicht von der Annahme durch vermeintlich wichtigere Menschen abhängig machen.

Nun mögen manche sagen: „Das war doch gar keine Selbstliebe, das war einfach nur gelebte Gottesliebe!“

Ja, das können wir so sehen. Aber was heißt „nur“? Gehört nicht genau das zusammen? Offensichtlich so sehr, dass es bei Jesus praktisch auf ein- und dasselbe hinausläuft? Wer will das trennen können? Warum soll das genau der Schritt sein, den wir heute immer auslassen sollen? Ist es nicht wie mit den überfließenden Schalen, bei der wir selbst gar nicht übersprungen werden können? Gottesliebe ermöglicht Selbstliebe ermöglicht Nächstenliebe und Feindesliebe.

„Gott liebt dich!“, lautet unser Glaubensbekenntnis und unsere Botschaft. Das anzunehmen, beinhaltet für mich persönlich nichts anderes als zu bekennen: Gott liebt mich. Das zu bekennen, bedeutet nichts anderes, als dass ich Gottes Liebe zu mir annehme (statt sie mir zu verdienen oder ähnliches….). Im Lauf der Zeit verinnerliche ich dann mehr und mehr, dass ich dieser Liebe wert und würdig bin. Gott liebt „mich“ ja nicht ohne mein Ich. Gott liebt mich nicht gegen oder ohne mich selbst. Das ist ja die elementare Grundlage für das, was wir als Leben mit Gott bezeichnen: Gott will nicht gegen oder ohne mich sein und handeln, sondern Gott will für mich und mit mir sein und handeln.

So gesehen bestünde die „Sünde“ also gerade nicht in der Selbstliebe – sondern „Sünde“ ist, die Liebe Gottes nicht mit Selbstliebe zu verbinden.

Von: Scham als Sünde…

Das Grundgefühl von Scham ist: „Ich BIN falsch“. Das ist anders als bei Schuld, wo ich erkenne: „Ich handel(t)e falsch.“. Scham aufgrund eines falschen Seins geht viel tiefer als Schuld aufgrund von falschem Handeln. Wenn du selbst falsch bist, kannst du dir selber nicht mehr trauen und verlierst jeden Grund und Boden und jeden Maßstab. Wer bist du, was tust du, was ist gut oder schlecht, was ist richtig oder falsch, wem kannst du überhaupt noch (ver)trauen?

Viele Christen leben auch ihren Glauben mit solchen Gefühlen. Auch wenn sie etwas anderes sagen: Ihr Fühlen und Handeln ist davon geprägt, dass auf Gottes Liebe bzw. Gott selbst eben nicht wirklich Verlass ist. Richtig darauf (ver)trauen tun sie nicht. „Wer weiß, wo ich den Maßstäben des strafenden und eifersüchtigen Gottes wieder nicht genügen konnte?“

Viele der Reden von Schuld im Christentum befreien nicht von solchen Gottes- und Selbstbildern, sondern füttern sie ständig. Was sich dann „gut“ anfühlt, ist in Wirklichkeit nicht Vergebung und Erlösung, sondern die „Selbst“-Bestätigung als Sünder/in und falscher Mensch.

Lange Zeit galt im Christentum die eigene Überbewertung (Stolz, Überheblichkeit, …) als DIE „Grundsünde“. Wer sich dann klein und niedrig und falsch fühlt, wird quasi noch damit „belohnt“, wenigstens nicht der Grundsünde anheim gefallen zu sein. In der Geschichte des Christentums war das ein einfaches und effektives Instrument zum Ausüben von Macht und Unterdrückung. Wer sich selbst erniedrigt statt sich selber wertzuschätzen oder zu lieben, ist leicht zu steuern und kleinzuhalten.

Mittlerweile sind unterschiedliche Typen von „Grundsünden“ im Blick.
Feministische Theologinnen haben beispielsweise darauf hingewiesen, dass oftmals Frauen nicht wegen der eigenen Überbewertung ihr Menschsein verfehlen, sondern wegen einer eigenen Unterbewertung. Viele Gruppen, die am Rande von Mehrheiten oder unbenannt sind (sei es wegen Kategorisierungen aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Bildung, sexueller Orientierung, …), kennen diese Erfahrung.

Auch Adam und Eva, das oft angeführte Beispiel für die eigene Überhebung als Grundsünde, kennen die Scham als ursächliche Trennung von Gott. Nach dem Essen der Frucht macht es nicht „peng“ und die beiden sind des Paradieses verwiesen. Ebenso wenig ist es ihre neue Erkenntnis über sich selbst, die sie bereits von Gott trennen würde: Sie hören Gott weiterhin, und im Paradies sind sie auch weiterhin. Aber es ist ihre Scham, aus der heraus sie sich vor Gott verstecken und nicht mehr auf Gottes Ruf antworten. Diese Trennung geht von ihnen aus, nicht von Gott (als vermeintliche Strafe oder ähnliches).

Ich erwähne das alles nicht, damit ihr euch jetzt auch noch dafür schämt oder selbst verurteilt, wenn ihr euch für euch schämt. Das ist OK und kommt vor! Kein Wunder bei dem, was uns alles beigebracht wird! Ich habe überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen Schwierigkeiten haben, sich selbst zu lieben.

Aber ich habe etwas dagegen, wenn ausgerechnet christliche Kirchen dazu beitragen. Wenn sie zuerst freundlich verkünden „Gott liebt dich“ und dann allen Ernstes hinzufügen: „Aber liebe dich bloß nicht selbst.“ In meinen Ohren klingt das immer so: „Naja, weißt du, Gott liebt dich – aber eigentlich nur, weil Gott so gnädig und barmherzig ist, dass es ihm nichts ausmacht, wie wenig liebenswert du in Wirklichkeit bist. Weil du so schlimm bist, bist du dafür verantwortlich, dass Jesus Christus ans Kreuz genagelt werden musste, vergiss das nicht. Das zeigt, wie sehr Gott dich eigentlich verurteilen muss, denn Gott ist gerecht und du bist es nicht. Auch du solltest also erkennen, wie verurteilenswert du bist. Natürlich nicht nur du, auch deine Mitmenschen, ihr seid alle falsch und lebt alle falsch. Verurteile deinen Nächsten wie dich selbst, und deine Feinde erst recht, denn Gott verurteilt euch alle.

Mit dieser Methode werden selbst schönste Bibelstellen umgedeutet zu Hinweisen auf unsere (Selbst-)Wertlosigkeit:

„Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ steht in Jer 31,3.
Gelesen wird daraus: „Ich habe dich je und je geliebt, aber nur weil ich so gütig bin. Ohne meine Güte wäre es mir unmöglich gewesen, dich nicht zu verurteilen und fallen zu lassen.“
(Ob es einen Zusammenhang damit gibt, dass ausgerechnet diese Stelle oft bei Todesfällen zitiert wird?)

Noch ein Beispiel: „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast.“ steht in Psalm 139,13f.
Und was wird daraus beim Lesen: „Ja, das Weben Gottes an sich ist wahrlich wunderbar, gelobt sei Gott, aber das Ergebnis ist freilich ein Grauen.“

Solche Umdeutungen waren und sind nicht die die Botschaft Jesu. Das ist das Gegenteil davon.

… zu Selbstannahme und Selbstbehauptung


So gesehen erleben wir Selbstliebe („Pride“) als Erlösung von der Sünde (= Vergebung und Gnade erfahren):

In Jesus Christus begegnet uns Gott nicht, um unsere Scham zu fördern.
In Jesus Christus begegnet uns Gott, um uns von aller Scham zu erlösen.

Die Scham, die bei Adam und Eva ihren Anfang nahm, ist am Kreuz aufgehoben: Jesus schämte sich nicht! Auch wenn er ausgelacht und verurteilt und verlassen und verraten wurde – Jesus schämt sich nicht, weder für sich noch für andere, weder für seinen bisherigen Weg noch für seine aktuelle Situation. Auch am Kreuz hielt Jesus an seinem Weg, seinem Selbst und seinen Werten fest. Das erlöst auch uns heute von aller Scham für unsere Wege, unser Sein und unsere Werte. Die „paradiesische“ Erfahrung der Nähe Gottes ist damit wieder möglich. Die „Grundsünde“ Scham wurde am Kreuz tatsächlich getilgt.

Schon zu Lebzeiten offenbarte Jesus den Gott, der Menschen anschaut und liebt: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb“ (Mk 10,21). Das ist das Gegenteil von den Stimmen, die deine Scham nähren wollen („Wer dich wirklich kennt, kann dich gar nicht mehr lieben“!).

Wenn du dich also nächstes Mal für dich schämst, schäme dich nicht dafür. Jesus schämt sich auch nicht für dich! Verbinde dich mit Jesus, der sich weder für sich noch für dich schämt und stattdessen Liebe mitbringt.

Gerade im Glauben sollten wir die Erfahrung machen können, dass wir nicht voraussetzunglos verurteilt, sondern voraussetzungslos angenommen sind. Das wird nicht ohne Folgen bleiben für unseren eigenen Umgang mit uns und für unser eigenes Erleben von uns selbst.

Wo wir Jesus nachfolgen und die Gottesliebe nicht nur bekennen, sondern auch annehmen, da folgen wir auch der Selbstannahme und der Freude über uns selbst. Wo wir Jesus nachfolgen, folgen wir einem Leben in Unabhängigkeit von den Meinungen anderer. Wo wir Jesus nachfolgen, folgen wir dem Mut, für uns selbst und für andere einzustehen.

Das bezieht alle Bereiche unseres Lebens mit ein:

– ganz persönlich individuell mit unserem Selbst (Liebst du dich selbst? Genau so wie deine Nächsten? Oder hegst du dir gegenüber genau so viel Scham, Verurteilung und Verleugnung wie gegenüber ihnen?)

– als Gemeinde / MCC (Liebst du deine Gemeinde? Genau so wie die um dich herum? Oder hegst du der MCC gegenüber genau so viel Scham, Verurteilung und Verleugnung wie gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften und siehst sie als „Konkurrenz“?)

– als Christen (Liebst du deinen Glauben? Genau so wie den der Menschen um dich herum? Oder hegst du deinem christlichen Glauben gegenüber genau so viel Scham, Verurteilung und Verleugnung wie gegenüber anderen Religionen?)

Auf allen Ebenen können wir uns entscheiden. Lasst uns wegkommen von der Regel „Verurteile deinen Nächsten wie dich selbst“. Folgen wir lieber Jesus und seinem Ruf: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“!


Danke für grundlegende Anregungen und Tipp zum Weiterlesen:
– Patrick Cheng: „From Sin to Amazing Grace: Discovering the Queer Christ“ Seabury Books 2012

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.