[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Versuchung als Versuch des Selbst

Predigt MCC Köln, 9. März 2014
Ines-Paul Baumann

Jak 1,12-18 & Mt 4,1-11: „Ursprung, Sinn und Wesen der Versuchung“

Meinungsvielfalt im Christentum? Den einen ein ärgerliches Übel, den anderen ein erfreulicher Fortschritt: Statt „der einen“ Wahrheit soll es plötzlich ganz viele Wahrheiten geben? Statt auf klare Grenzen mit festen Grundsätzen soll plötzlich alles auf denselben Gott hinauslaufen? Wer glaubt, diese „plötzliche“ Vielfalt sei ein Resultat unserer postmodernen neuen Zeit, hat nie den Jakobusbrief gelesen.

Der Jakobusbrief legt sich mit manchem an, was wir aus anderen Briefen im Neuen Testament kennen (insbesondere von Paulus). Manchmal steht er sogar in direktem Gegensatz zu dem, was uns die Evangelien von Jesus selbst erzählen. Auch der heutige Predigttext geht in direkte Opposition zu manchen anderen Stellen, die wir zum selben Thema kennen.

Bevor wir den Text lesen, lade ich euch zu einer kleinen Selbstwahrnehmung ein:

Such dir aus den Steinen hier einen Stein aus, der dich anspricht, und nimm den Stein in die Hand.

  • Fühle den Stein. Taste ihn, umfasse ihn, lass ihn in deiner Hand ruhen, spüre, wie er sich eingräbt in deine Hand. Achte auf die Oberfläche, die Temperatur, die Form, das Gewicht. Was spürst du? (Schwere Bürde? Sicherer Halt? Kalt, aber machtvoll? Form als Ergebnis einer Geschichte vieler Berührungen und Reibungen? Stein als Baustein: Teil eines Gebäudes? …)
  • Nun lege deine Versuchung(en) in den Stein hinein. „Versuchung“: An was denkst du dabei? Wer oder was versucht dich? Was siehst du dabei vor dir?
  • Nun spüre nochmal den Stein in deiner Hand, diesmal als deine Versuchung(en): Wie fühlt sich diese Versuchung an? (Bürde? Sicherheit? Macht? Geschichte? Teil eines Gebäudes – schützt es dich, nimmt es dich gefangen?, …)

Jak 1,12-18

Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.
Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand.
Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt.
Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.
Irrt euch nicht, meine lieben Brüder.
Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.
Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.

„Führe uns nicht in Versuchung“: Hatte nicht Jesus selbst uns gelehrt, dass wir diese Bitte an Gott richten sollen? Der Jakobusbrief stellt es ziemlich anders dar: Mit Gott haben unsere Versuchungen mal so gar nichts zu tun. Es sind allein unsere eigenen Begierden, die uns „reizen und locken“. Eine etwaige Verbindung unserer Versuchungen zu einem Teufel oder Satan hält der Jakobusbrief nicht mal für erwähnenswert.

Wenn schon die Bibel es aushält, verschiedene Aussagen zu ein und demselben Thema nebeneinander stehen zu lassen, kann und will ich heute nicht darüber streiten, welche dieser Sichtweisen fälschlicherweise in der Bibel gelandet ist. Stattdessen möchte ich die Texte miteinander ins Gespräch bringen und schauen, ob und wie sie sich vielleicht wechselseitig beleuchten und befruchten.

Ich möchte das heute tun anhand „DER“ Versuchungserzählung im Neuen Testament schlechthin, nämlich der Versuchung Jesu. Fast jede Predigt darüber setzt die Versuchungen Jesu in Bezug zu unseren eigenen Versuchungen: Wo sind auch wir vielleicht gefährdet? Wie können oder sollen auch wir mit Versuchungen umgehen? Was können wir aus der Versuchung Jesu für unser Leben lernen? Heute möchte ich diese Frage so stellen: Was können wir aus der Versuchung Jesu für unser Leben lernen, wenn wir sie aus der Perspektive des Jakobusbriefs lesen?

Lesen wir diese Stelle also mal und unterstellen dabei, wovon der Jakobusbrief ausgeht: Die Versuchungen sind nicht von außen gewirkt, sondern Jesus wird „von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt“.

Das Experiment wird hier schon spannend. Jesus soll Begierden gehabt haben, die ihn reizen und locken? Das passt nicht so recht zu manchem Bild, das wir uns von Jesus gemacht haben. Begierden, das sind doch heimliche sexuelle Lüste, vielleicht noch unersättliches Streben nach Macht und Reichtum – aber damit hatte doch unser lieber Herr Jesus nix zu tun!

Wenn das stimmt, dann geht es bei den Begierden, die wirklich problematisch werden, offensichtlich nicht nur um Sex (und nicht jede sexuelle Begierde ist an sich schon problematisch).

Oder wir sehen in den Versuchungen Jesu doch die stets verdächtigen sexuellen Begierden, aber um diesen Kunstgriff nicht all zu weit herzuholen, müsste Jesu dann ja doch sexuelle Begierden gekannt haben? Das würde zumindest dem christlichen Dogma nicht widersprechen, dass Jesus tatsächlich ganz Gott und ganz Mensch war (und nicht nur ein maximal halber Mensch, der von unserem Menschsein so weit entfernt war wie manches Heiligenbildchen).

Lesen wir also die Versuchung Jesu, „gereizt und gelockt“ nicht von Gott oder Teufel, sondern von seinen eigenen Begierden. Die Bezüge auf den Versucher sind dem Jakobusbrief entsprechend ersetzt durch Jesu „eigene Begierde“:

Mt 4,1-11 aus der Perspektive von Jak 1,14

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von seiner eigenen Begierde versucht würde.
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und seine eigene Begierde trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
Da führte Jesu eigene Begierde ihn mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
Da sprach Jesus zu seiner eigenen Begierde: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
Darauf führte Jesu eigene Begierde ihn mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
Da sprach Jesus zu seiner eigenen Begierde: Weg mit dir, meine eigene Begierde! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
Da verließ ihn seine eigene Begierde. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Zu den „üblichen Verdächtigen“, vor denen uns diese Erzählung warnen soll, gehören Unersättlichkeit, Verantwortungslosigkeit, Machtstreben, Besitzenwollen und Geltungsbedürfnis. Sollte es hier also tatsächlich um sexuelle Begierden gehen, dann um welche, die solcherlei Ursprungs sind. Ich kann nur zustimmen, dass andere Menschen nicht dafür benutzt werden sollten, um solche Bedürfnisse zu befriedigen. Ob Menschen Sex haben oder nicht, sei ihnen freigestellt – aber sowohl der Verzicht auf Sexualität als auch das Ausleben von Sexualität ist wohl kaum gesund, wenn der Ursprung dafür in Unersättlichkeit, Verantwortungslosigkeit, Machtstreben, Besitzenwollen oder Geltungsbedürfnis liegt.
(Wobei die Stelle im Jakobusbrief damit sicher nicht gänzlich freizustellen ist von einer gewissen Lustfeindlichkeit. Auch das kennen wir ja zur Genüge aus christlichen Kreisen.)

Vielen Christen gilt Jesus als frei von Sünde. Dass er in sich Unersättlichkeit, Verantwortungslosigkeit, Machtstreben, Besitzenwollen oder Geltungsbedürfnis spürte, hat ihn also noch nicht zu einem Sünder gemacht. Das entspricht dem Text im Jakobusbrief: Aus den Begierden KANN sich Sünde entwickeln. Aber dafür, dass wir Begierden haben, müssen wir uns nicht schuldig fühlen.

Jesus macht uns hier eine hilfreichere Art vor, mit Begierden umzugehen: Er leugnet sie nicht, er verdrängt sie nicht, sondern er setzt sich mit ihnen auseinander.

Es gibt mancherlei Hinweise darauf, dass die Versuchungsgeschichte Jesu angelehnt ist an einen Initiationsritus auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Psychologisch wird oft beobachtet, dass Jesus hier seine animalischen Anteile (s. die „wilden Tiere“ in Mk 1,13) integrierte in die kultivierte Welt; auch das ein wichtiger Schritt, das eigene Leben zu entdecken und zu gestalten mit allen Anteilen, die das mit sich bringt.

In der bewussten Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit seinen Begierden hat Jesus entdeckt, wer er wirklich war. Die Versuchungen waren der Weg, auf dem Jesus zu sich selbst gefunden hat.

Alle Versuchungen, denen Jesus sich ausgesetzt sieht, haben direkt mit dem Weg zu tun, der vor ihm lag. Es ist fast so, als spielt er in Gedanken schon mal durch, was ihm bevorsteht:

  • Was machen die Erwartungen, denen er ausgesetzt ist, aus ihm? Welchen Erwartungen soll er gerecht werden?
  • Und welche Wahl der Mittel ist die richtige, um seine Ziele zu erreichen? Ist jedes Mittel recht, schließlich geht es um hehre Ziele? „Der Zweck heiligt die Mittel“?

Wie weit muss sich Jesus den Erwartungen und den Mitteln seiner Umwelt anpassen, um der sein zu können, als den Gott ihn geschaffen hat?

In den Versuchungen lernt Jesus, NEIN zu sagen:

  • Nein, er wird und soll gerade NICHT allen Erwartungen gerecht werden. Manche Erwartungen sind ungerechtfertigt.
  • Nein, die Mittel dieser Welt sind gerade NICHT immer die richtigen. Manchmal ist der Preis zu hoch.

Wer bin ich?
Wie sieht mein Weg aus?
Wie soll ich umgehen mit den Erwartungen anderer Menschen an mich, an meinen Glauben, an meine Kirche? Muss ich allen Erwartungen gerecht werden, die andere Menschen an mich haben? An meine Rolle als Mann oder Frau, an meine Rolle als Gemeindemitglied, an meine Rolle als Christ/in, an meine Rolle als Beziehungspartner/in, an meine Rolle im Kapitalismus, an meine Rolle als Konsument/in, an meine Rolle als Familienmitglied?
Und wenn ich weiß, wohin es mich zieht: Mit welchen Mitteln erreiche ich meine Ziele, als Einzelne/r und in meiner Gemeinde? Sollte ich alle Mittel einsetzen, die sich in unserer Welt als effektiv und zielführend herausgestellt haben? Wäre es nicht dumm, diese Mittel nicht in Anspruch zu nehmen? Wenn sie doch Erfolg und Sicherheit versprechen? Oder ist der Preis, den ich dafür bezahlen muss, nicht eigentlich zu hoch?

Genau auf diese Fragen findet Jesus Antworten, indem er sich seinen Begierden stellt. Nicht indem er sie leugnet (und dann heimlich auslebt). Nicht indem er sich dafür schämt oder sich schmutzig fühlt. Sondern indem er ihnen ins Auge sieht und sich ihnen stellt. Indem er sie anerkennt und wahrnimmt.

Das Zitieren von Bibelversen stellt sich dabei nur bedingt als Hilfe heraus. Gerade einzelne Bibelverse können dazu führen, falsche Schlussfolgerungen zu ziehen und falsche Entscheidungen zu treffen. Jesus muss sich schon entscheiden, welchen Bibelversen er jeweils Gehör und Glauben schenkt.

Sollte also irgendein Bibelvers in dir stecken, der dich hartnäckig davon abhält, zu einer gesunden Wahrnehmung deiner Begierden zu finden, löse dich ruhig mal von ihm und probiere es mal mit einer anderen Bibelstelle.

Denn ob wir dieselben Begierden verspüren wie Jesus oder andere: Vielleicht ist auch für uns die Auseinandersetzung mit unseren Begierden so wichtig, weil sie uns zu uns selbst führen.

Spüre nochmal den Sein in deinen Händen. Was liegt in der Versuchung, die du vorhin dort hineingelegt hast?

Welche Begierden spürst du in dir?
Wenn du dich traust, sie anzuerkennen und wahrzunehmen: Was sagen sie über dich selbst? Inwieweit zeigen sie etwas von dem Weg, der dir bevorsteht? Was leuchtet in ihnen auf von dem Leben, zu dem Gott dich geschaffen hat?
Wo musst du lernen, auch mal Nein zu sagen, um diesen Weg im Sinne Gottes gehen zu können? Du kannst nicht allen Erwartungen gerecht werden – zu welchen müsstest du eigentlich NEIN sagen lernen?
Welche Mittel setzt du ein, um deinen Weg zu gehen? Sind es immer die Mittel, die Erfolg und Sicherheit zu versprechen? Wo solltest du es mal mit anderen Mitteln probieren, weil der Preis einfach zu hoch ist?
Sind es ausgerechnet einzelne Bibelverse, die dich ausbremsen und blockieren? Brauchst du vielleicht neue und andere Perspektiven von der Bibel, um den Weg zu gehen, den Gott mit dir gehen möchte?

Wenn du magst, kannst du deinen Stein gleich nach vorne bringen und ihn vor dem Altar ablegen.

  • Was legst du damit ab, um dich davon zu trennen? Wo möchtest du lernen, NEIN zu sagen zu Erwartungen und Mitteln und Bibelversen, die dich von dem Weg abhalten, den Gott mit dir gehen möchte?
  • Und womit legst du dich damit neu in Gottes Hände? Wo möchtest du lernen, JA zu sagen zu dem Leben, zu dem Gott dich geschaffen hat, und zum Vertrauen auf die Ziele und Mittel, die Gott dir anbietet?

 

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