[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Verboten, verschwiegen, verleugnet – nützt alles nichts, ihr Trolle!

Predigt MCC Köln, 3. Mai 2015
Ines-Paul Baumann

Apg 8,26-39: „Philippus und der Eunuch aus Äthiopien“

Seiten zu Feminismus und Religion sind im Internet häufig Angriffen von Trollen ausgesetzt. Als „Trollbeiträge“ werden im Internet solche Kommentare bezeichnet, die mit Absicht destruktiv, provozierend und störend sein wollen. Sie tun das nicht mit aggressiven Beleidigungen oder offenen Angriffen, sondern viel unterschwelliger. Oft kommen sie wohlmeinend und verständnisvoll daher. Der Blog „kreuz & queer“ der evangelischen Landeskirche ist ein gutes Beispiel für ein Angriffsziel solcher Troll-Kommentare.

Die Interseite der MCC war auch schon Ziel von Trollbeiträgen. Aber auch im echten Leben wird der MCC bisweilen ebenso begegnet. Neben offenen Angriffen (die gibt es auch!) gibt es diese vermeintlich wohlmeinende Aussagen, die unsere Arbeit aber diffamieren, herabsetzen und in Miskredit bringen wollen.

Der heutige Predigttext würde sich auch gut als Angriffsziel für Internet-Trolle eignen. Ich habe mal ein paar Aussagen gesammelt, die wir als MCC oft zu hören bekommen, und die auf den Predigttext heute passen.

Warum tue ich das? Warum gebe ich solchen Stimmen Raum?
Erstens, damit wir sie erkennen und verstehen lernen. Gerade, weil sie so wohlmeinend daherkommen, erkennen wir sie oft nicht. Wir fühlen uns hinterher zwar komisch, schlecht und irgendwie „falsch“, suchen die „Schuld“ dafür aber bei uns. Punktsieg für den Troll-Angriff. Wenn wir diese Strategien erkennen, müssen wir uns nicht mehr von ihnen treffen lassen.
Zweitens tue ich das, damit wir statt des Durcheinanders wieder klar sehen mögen. Troll-Angriffe vernebeln nicht nur unsere Sicht auf uns, sondern auch auf Gott, die Bibel und unser Glaubensleben. Anhand des Predigttexts kann uns klarwerden, dass wir mit allem, wo solche Troll-Angriffe uns verletzen wollen, Teil sind von Gottes Heil, Heilung und Heiligung.

Beide Personen aus dem Predigttext sind wo etwas wie ein frühes Abbild der MCC.

Von der einen Person kennen wir den Namen nicht, sie wird nur beschrieben. Aber jede Beschreibung steht für einen Aspekt von Vielfalt, den dieser Mensch mitbringt und einbringt. In der Begegnung der beiden Menschen treffen direkt mehrere Unterschiede aufeinander:

  • Kultur und Ethnie: Er ist Afrikaner (was das in Bezug auf Hautfarben, Vorurteile etc bedeutet, vermag ich nicht zu sagen), für Leute zwischen Jerusalem und Gaza jedenfalls aus einer anderen Kultur und aus einer anderen religiösen Vergangenheit.
  • Bildung: Er kann lesen zu einer Zeit, wo das kaum eine/r konnte.
  • Gesellschaftliche Schicht: Er arbeitet am Hof der Königin und hat zumindest viel Geld zur Verfügung, wenn er mit Kutsche und Diener reist.
  • Körperlichkeit und Geschlecht: Er ist ein Eunuch.

Auch in der MCC kommen Menschen zusammen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und mit verschiedener Bildung und Lebenserfahrung (z.B. von der Schule, von der Straße, von Selbsthilfegruppen, von Unis, von Leitungspositionen, …). Auch wir bringen unterschiedliche religiöse (Nicht-)Erfahrungen mit. Und auch bei uns sind Leute dabei, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen eines „ganzen Mannes“ entsprechen.

Mit „Eunuch“ wurden damals Männer bezeichnet ohne Geschlechtsorgan und die somit zeugungsfähig waren. Im Matthäus-Evangelium zeigt sich, dass das auch damals durchaus unterschiedliche Zusammenhänge hatte: Manche waren es von Geburt an, andere wurden von Menschen dazu gemacht, andere wählten diesen Weg vielleicht selbst (wie Jesus das in Mt 19,12 beschreibt). „Verschnittene“ ist in manchen Fällen also eine durchaus passende neutestamentliche Bezeichnung für Eunuchen.

Heute reden wir kaum noch von Eunuchen. Seitdem die römisch-katholische Kirche darauf verzichtet hat, Kastraten für die Besetzung ihrer Chöre einzusetzen, gibt es in unserer Kultur eigentlich keine Auffassung von „Eunuchen“ mehr.

Die drei Phänomene, die das Matthäus-Evangelium aufzählt, gibt es allerdings sehr wohl noch. Wir würden sie heute nur anders bezeichnen:

Männer, die bei Geburt kein ausgebildetes Geschlechtsorgan haben, würden heute als Intersexuelle gelten. Manche von ihnen werden direkt von Menschenhand „verschnitten“ – meistens mit dem Ziel, aus dem „zu wenig für einen richtigen Mann“ durch Operationen, Hormone und Sozialisierung eine „richtige Frau“ zu machen.
Wieder andere entscheiden erst später und von sich aus, sich „verschneiden“ zu lassen – in unserer Kultur bezeichnen sich viele von ihnen als Transgender. Auch von ihnen wurden viele nicht freiwillig, sondern wegen Menschenhand verschnitten (bis vor kurzem galt auch in Deutschland das Gesetz, dass die Änderung des Geschlechtseintrags damit verbunden war, sich fortpflanzungsunfähig machen lassen zu müssen).

Aus heutiger Sicht würden wir in den Beschreibungen dieser Bibelstelle also vielleicht einen Intersexuellen oder Transgender sehen.

Und allein damit gehen die Troll-Angriffe schon los.

„Wie steht ihr als Kirche dazu, so offensichtlich gegen die Gebote Gottes zu verstoßen?“

„In der Bibel steht, dass solche Leute keine vollwertigen Mitglieder der Gemeinde sein dürfen. Ich verstehe ja, dass wir aus Liebe zu unseren Mitmenschen auch mit solchen Menschen freundlich umgehen müssen. Aber im Alten Testament steht ganz eindeutig, dass sie keinen Dienst verrichten dürfen (Lev 21,16-20) und dass sie keine Mitglieder werden dürfen (Dtn 23,2). Bei euch werden solche Leute getauft, sind Gemeindemitglieder und sogar Pastoren. Wie steht ihr als Kirche dazu, so offensichtlich gegen die Gebote Gottes zu verstoßen?“

Philippus muss sich diesen Vorwurf in der Tat gefallen lassen – die Stellen im Alten Testament klingen da klar und eindeutig. (Die Stelle in Lev. 21 schließt übrigens auch Leute mit Knochenbrüchen, Hautkrankheiten, Scharten, Missbildungen und Behinderungen vom Dienst aus.) Auch im Zusammenhang mit Homosexualität muss sich MCC diese Frage immer wieder gefallen lassen.

In der Apostelgeschichte findet sich keine und keiner, der solche Vorwürfe geltend macht. Nicht ansatzweise wird auch nur angedeutet, dass es ein Problem darstellt, dass Philippus den Eunuchen tauft und als vollwertigen Nachfolger Jesu behandelt. Jeder Troll, der meint, eine ach-so-biblische Auffassung zu vetreten, sollte sich hier die Bibel selbst einfach mal zum Beispiel nehmen. Nicht alles, was im Alten Testament verboten wurde, ist zeitlos übertragbar.

Schon das Alte Testament macht deutlich, dass Gott nicht mit allen dieser Verbote auf Dauer einverstanden ist. In Jesaja 56,3-5 spricht Gott ausdrücklich genau den – laut „Bibelversen“ ausgeschlossen und minderwertigen – Eunuchen zu, dass sie sogar in besonderer Weise in den Segen, Zuspruch und Schutz Gottes eingeschlossen sein sollen.

Es ist Philippus zugute zu halten, dass auch er sich nicht auf die Verbote konzentriert hat, sondern entsprechend der Verheißung gehandelt hat.

Vielleicht weichen deswegen manche Troll-Kommentare lieber dahin aus, „das Thema“ insgesamt zu leugnen:

„Wie steht ihr als Kirche dazu, die Bibel zu einem Instrument eurer persönlichen Meinung zu machen?“

„In der Bibel und in einer richtigen Gemeinde kommt sowas nicht vor. Bei uns gibt es keine Transgender oder Homosexuellen. Das wüssten wir. Ihr stiftet Leute an zu Lebensweisen, auf die sie von sich aus nicht kämen. Ihr könnt nicht einfach in die Bibel hineinlesen, was da gar nicht steht. Wie steht ihr als Kirche dazu, die Bibel zu einem Instrument eurer persönlichen Meinung zu machen, statt sie ernst zu nehmen?“

Tatsächlich gibt es einige Bibelübersetzungen, in denen der Eunuch nicht als solcher erwähnt ist, zum Beispiel die Lutherbibel, Einheitsübersetzung, Schlachter, Volxbibel, Elberfelder (nur Fußnote); in Bezug auf Mt 19,12 auch die Neue Genfer Übersetzung.

Wohlwollend können wir den Trollen hier zugute halten, dass es „in ihrer Bibel“ also wirklich nicht steht. Die Frage ist dann aber, WER hier die Bibel nach eigenem Gutdücken interpretiert – wir könnten ja auch fragen, WARUM die Eunuchen aus diesen Bibelübersetzungen verschwunden sind.

Die Taktik, die Wirklichkeit nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, tritt genau in solchen Gemeinden oft zutage, in denen es darum geht, den Erwartungen entsprechen zu müssen. Menschen und Anteile, die darin nicht gewünscht sind, bleiben dann logischerweise draußen.

Manche Bibelübersetzungen ziehen sich darauf zurück, dass mit der Bezeichung „Kämmerer“ doch allen klar sei, dass er ein Eunuch war. Für mich klingt das wie: „Mich interessiert es nicht, ob die Sabine lesbisch ist oder nicht – solange sie bei uns kein Thema daraus macht, ist sie herzlich willkommen.“ (Der Kämmerer ist herzlich willkommen. Er darf auch gerne ein Eunuch sein – es wissen ja eh alle. Aber machen wir bitte nicht ständig ein Thema daraus.)

Philippus und der Predigttext hingegen schließen nicht nur solche Leute ein, die den gängigen Erwartungen entsprechen. Und die Geschlechter-(In-)Differenz wird beim Namen genannt.

Damit hätte sich Philippus auch eines weiteren Troll-Vorwurfs schuldig gemacht:

„Warum müsst ihr euren eigenen Sonderweg gehen? Erkennen die normalen Kirchen euch eigentlich an?“

„Erkennen die anderen Kirchen euch eigentlich an als MCC? Seid ihr Mitglied in den Gemeinschaften, in denen Kirchen zusammen arbeiten? Warum braucht es die MCC überhaupt, ihr könntet doch auch daran mitwirken, INNERHALB der bestehenden Kirchen die Situation zu verbessern? Auch Sonderwege wie „Queere Theologie“ sind doch völlig überflüssig. Ist es Unwille oder Unfähigkeit, dass ihr nicht im Mainstream mitwirkt?“

Wieder so eine pseudo-einladende Stimme! „Ich meine es doch nur gut mit euch. Ihr könnt doch nicht einfach euer eigenes Ding durchziehen! So abseits von den großen Kirchen bringt das doch eh nichts! Macht bei uns mit, und alles wird gut. Dann findet ihr auch die Anerkennung von allen anderen!“

Die Apostelgeschichte erwähnt nicht zufällig am Anfang des Predigttextes, WO die Begegnung zwischen Philippus und dem Eunuchen-Kämmerer-Finanzbeamten stattfindet: auf einer Straße mitten im Nirgendwo. Menschenleer. Abseits.

Dass genau in diesem Niemandsland so eine wichtige Begegnung stattfindet, entspricht menschlicher Erfahrung:

Der Äthiopier kommt gerade aus Jerusalem, dem religiösen Zentrum seiner Zeit. Von allem, was wir über ihn wissen, ist nicht davon auszugehen, dass er dort als gleichberechtiger, anerkannter, respektierter und vollwertiger Glaubensgenosse behandelt wurde. Vielleicht hat er das auch gar nicht erwartet. Vielleicht hat er es sich nicht mal gewünscht, oder nicht mal danach gesucht. Aber er war dorthin gereist, um zu beten – und er liest nun einen Text aus der Heiligen Schrift.

Er sucht, er fragt, und er will verstehen, was das bedeutet. In Jerusalem hat er diese Frage nicht beantwortet bekommen. Vielleicht hat ihm niemand zugehört. Vielleicht hat er dort das erste Mal einen Text aus der Heiligen Schrift bekommen, und nun geht seine Glaubensreise weiter. Wir wissen es nicht. Aber es nützt ihm nichts, dass Jersualem das Zentrum des Glaubens ist, dass dort alle Menschen und Orte und Gelehrten versammelt sind. Er war dort, aber er entfernt sich von dort als ein Suchender, nicht als ein Gefundener.

Und was machen die Botschafter Gottes, also der Engel und der Heilige Geist? Rufen sie ihm zu: „Geh zurück in die Mitte des Glaubenslebens, dort wirst du alles finden, was du suchst?“ Nein, sie wenden sich vielmehr an Philippus und rufen IHM zu: „Mach dich auf den Weg, geh hinaus, in die Wüste, da ist einer, der dich braucht. Gott braucht dich dort.“

Statt den Fremden in die Mitte des Glaubens zu rufen, ruft Gott einen Glaubenden in die Fremde.

Philippus hat da draußen nicht vor großen Menschenmengen geredet. Er hat da draußen nicht mit den Gelehrten seiner Zeit diskutiert. Er hat da draußen nicht die religiöse Tradition mit neuen Impulsen versorgt. Er hat nicht um Erlaubnis gebeten, ob er taufen darf und seine Taufe dann auch anerkannt wird. Er hat den Taufanwärter nicht erst beobachtet, ob der sein Leben nun christlich genug lebt, Anschluss an eine Gemeinde gefunden hat und zu den Gewohnheiten der anderen Glaubenden passt.
Aber er ist einem Menschen begegnet. Er hat dessen Fragen angehört und ihn ernst genommen. Er hat ein Menschenleben verändert. Er hat einen vermeintlich Ausgeschlossenen und Entfremdeten mit hineingenommen in den Glauben und die Verheißungen Gottes.
Und damit ist er in die Geschichte eingegangen.

Phlippus war offen – für neue Wege, für neue Menschen, für die neue Einladung Gottes, die keine Voraussetzungen mehr kennt. Und der Eunuch war offen dafür, diese Einladung anzunehmen, sich voll und ganz einzulassen auf diese Einladung. „Was sollte dagegen sprechen, dass ich mich taufen lasse?“, fragt er. Nichts! Nicht die Verbote aus dem Alten Testament, nicht das Geschehen in der religiösen Mitte, nicht die problematische Geschlechter-Konzepte im kulturellen Kontext. Und nichts von dem, was er selbst mitbrachte: nicht seine Herkunft, nicht seine Bildung, nicht seine fehlende Anbindung – und vor allem nicht seine Körperlichkeit.

Die Begegnung von Philippus und dem Eunuchen ist in vielem eine Geschichte, die auch in MCC oft geschrieben wird. Wir sind hier und heute Teil davon. Und es gibt noch viele Wüsten da draußen, wo Menschen unterwegs sind, die zwar in Berührung gekommen sind mit Glauben – aber immer noch auf den einen warten, der bereit ist, ihnen da zu begegnen, wo sie unterwegs sind.
Vielleicht bist du heute genau diese eine Person, die Gottes Einladung weitergeben wird – selber überrascht davon, wo das passiert.
Vielleicht bist du heute diese eine Person, die diese Einladung endlich für sich selbst annehmen kann – mit allem, was du mitbringst.
Der Geist Gottes leite und begleite dich!

 

 

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