[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Statt vom Glauben abzufallen und sich von Gott verstoßen zu wähnen, fanden sie ihre Identität neu.

Predigt MCC Köln, 4. September 2016
Daniel Großer

1. Petrusbrief 5,5c-11 „Vom Zusammenleben in der Gemeinde“

Er ist schwer zu verstehen, dieser Trost, den der Autor des Briefes da den Gemeinden in Kleinasien spenden möchte.
Kleinasien, das ist die heutige West-Türkei. Die Gemeinden dort bestanden keineswegs nur aus Menschen, die die jüdische Tradition und Geschichte kannten. Die Briefe der Apostel machen nicht selten deutlich, dass es stattdessen einen guten Mix von Gläubigen verschiedener Herkunft in den Gemeinden gab. Manchmal führte das auch zu Streit. Für die Worte aus unserem heutigen Predigttext bin ich jedoch überzeugt, dass dieser Mix aus Juden und Nicht-Juden goldrichtig war.

Denn: Die wirklich wichtigen Dinge in der Bibel wiederholen sich. Das gilt sowohl für Geschichte, als auch für Lehrsätze und Gottesbeschreibungen. Die Christinnen und Christen in Kleinasien konnten deswegen davon profitieren, dass ihre jüdischen Geschwister den Petrusbrief und ihre Zeitgeschichte vor dem Hintergrund ihrer jüdischen Vergangenheit deuten konnten.

Ich behaupte, dass der 1. Petrusbrief in den Versen 5b bis 11 ein Zwillingsgeschehen zur viel früheren Geschichte des jüdischen Exils in Babylon ist. Das bedeutet, dass man die Lage der damaligen Gemeinden mit der Lage des jüdischen Volkes vergleichen kann, als es nach einem verlorenen Krieg ins Exil nach Babylon deportiert wurde.

Das babylonische Exil beginnt im Alten Testament mit König Zedekia: “Zedekia war 21 Jahre alt, als er König wurde, und er regiert elf Jahre in Jerusalem. […] Aber Zedekia tat – wie [sein Großvater] Jojakim zu seiner Zeit – lauter Dinge, die der HERR verabscheute. Der Herr war darüber so zornig, dass er Jerusalem und Juda aus seinem Blick verbannte. Zedekia lehnte sich gegen die Vorherrschaft Babels auf.” (Jeremia 52, 1-3)

Zedekia, ein recht junger König, der sich gegen Gott und das übermächtige Babylon auflehnte. Man könnte auch sagen: Zedekia ist ein überaus stolzer und unbescheidener Herrscher.

Dazu aus dem Petrusbrief: “Ihr alle sollt einander demütig dienen, denn ‘Gott stellt sich den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er Gnade’! Deshalb beugt euch demütig unter die Hand Gottes, dann wird er euch ehren, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Überlasst all eure Sorgen Gott, denn er sorgt sich um alles, was euch betrifft.” (1. Petr. 5, 5b-7)

Zedekia hatte sich mit seinen Möglichkeiten und Taten vollkommen überschätzt in seinem Stolz, so überwarf er sich mit dem übermächtigen Babylon. Die Christen in Kleinasien hingegen sollen sich kein Beispiel an ihm nehmen, sie werden zur Demut aufgerufen. Übermächtig wie Babylon ist für sie die damalige Götter- und Kulturwelt, übermächtig auch das gewaltige römische Weltreich. Von beiden Seiten müssen sie befürchten, zerdrückt zu werden, offenbar kommt es bereits zu Anfeindungen und örtlichen Verfolgungen. Angriff ist die beste Verteidigung: ein stolzer Zedekia wäre in die aussichtslose Belagerung und Schlacht gezogen – ein demütiger Christ in Kleinasien aber soll erkennen, dass er sich zuerst in Gottes Hand befindet, und dass es Gottes Sache ist, sich Sorgen zu machen. Der Petrusbrief ist an dieser Stelle also ein Friedensruf in eine aufgeheizte Situation. Mahnend zur Vorsicht, zur Sanftmut.

Für Zedekia ging die Geschichte seines Stolzes furchtbar aus: Seine Söhne wurden vor seinen Augen ermordet – es sollte das letzte sein, was er sieht, denn danach nahm man ihm sein Augenlicht. Der Tempel wurde geplündert und zerstört. Die geistliche und politische Elite der Juden wurde nach Babylon ins Exil verschleppt und war zerstreut (Jeremia 52, 8 – 30).
Der Petrusbrief schreibt: “Seid besonnen und wachsam und jederzeit auf einen Angriff durch den Teufel, euren Feind, gefasst! Wie ein brüllender Löwe streift er umher und sucht nach einem Opfer, das er verschlingen kann.” (1. Petr. 5, 8)
Das Bild vom Löwen lässt Juden wiederum an Babylon denken: Der Löwe ist das Zeichen der babylonischen Göttin Ištar, er ist das Wappentier auf den Toren Babylons. Wie die verschleppten Juden durch diese Tore müssen und davon “verschluckt” werden, so warnt der Petrusbrief die damaligen Gläubigen vor einem Löwen, der jederzeit angreifen kann und verschlingen kann. Wer ist dieser Löwe?
Es könnten das römische Reich und seine lokalen Machthaber sein, die nicht selten mit den örtlichen “heidnischen” Religionsführern im Bunde standen. Und wen dieser Löwe mit Gewalt verschlingt, der verliert sein Leben. Im Sinne der Apostel ist Leben immer gleichbedeutend mit Glauben. Der Petrusbrief warnt also doppeldeutig davor, dass nicht nur die körperliche Existenz der Gemeindeglieder, sondern auch ihr Glaube verloren gehen könnte, wenn sie sich dem Anpassungsdruck beugen oder sich unvorsichtig verhalten.

Was rät der Petrusbrief? “Ihm [Anm.: dem brüllenden Löwen] sollt ihr durch euren festen Glauben widerstehen. Macht euch bewusst, dass alle Gläubigen in der Welt diese Leiden durchmachen.” (1. Petr. 5, 9)
Im babylonischen Exil geschah etwas ganz sonderbares: Statt vom Glauben abzufallen und sich von Gott verstoßen zu wähnen, fanden die Juden ihre Identität neu. Sie gaben sich nicht den babylonischen Gottheiten hin, sondern konzentrierten sich auf Jahwe, ihren Schöpfergott. In der Zeit des babylonischen Exils werden erstmals gegründet, was man heute Synagogen nennen würde. Außerdem wird während des babylonischen Exils der bislang in erster Linie mündlich festgehaltene Kanon an Geschichten des Volkes aufgeschrieben – die Schriftform des Alten Testaments entsteht. Die überlebenden Juden, die ja alle das gleiche Schicksal teilen, widerstehen durch ihren Glauben. Der Gott, von dem es erst hieß, dass er sein Volk “aus seinem Blick verbannte” (Jeremia 52, 3), diesen Gott nehmen seine Kinder nun in den Blick, und so wohnt er auch inmitten der Löwen unter ihnen. Im Buch Daniel ist das sogar wörtlich zu nehmen, wenn wir der Geschichte glauben schenken können, dass der Prophet Daniel in einen babylonischen Löwenzwinger geworfen wird und durch Gottes Gnade ganz und gar unverletzt bleibt. Genau so sollen auch die Christen in Kleinasien leben: Sie sollen sich ihren Glauben bewusst machen und daran festhalten, sie sollen sich ruhig, aber klug verhalten.

Für die Juden sollte das babylonische Exil etwa 60 Jahre anhalten. Damals also meist mehr, als ein ganzes Menschenleben lang. Aber Gott hält Wort. Jeremia prophezeite im Namen Gottes: “Die Israeliten sind wie Schafe, die von Löwen in alle Richtungen auseinandergetrieben wurden. […] Jetzt will ich den babylonischen König und sein Land bestrafen […]. Dann bringe ich Israel wieder zurück auf seine gute Weide. […] Denn ich habe dem Rest des Volkes, den ich gerettet habe, vergeben.” (Jeremia 50, 17-20)
Genauso kam es denn auch. Unter Nehemia kehren die Juden aus dem Exil zurück und Jerusalem wird wieder aufgebaut. Der Löwe hat sie nicht verschlungen, Gott erhöht die Kinder seiner Gnade wieder. Dieser Gnade verdanken wir einige der schönsten Geschichten des Alten Testaments.

Der Petrusbrief schreibt es so: “Gott hat euch in seiner Gnade durch Jesus Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen. Nachdem ihr eine Weile gelitten habt, wird er euch aufbauen, stärken und kräftigen; und er wird euch auf festen Grund stellen. Ihm gehört alle Macht für immer und ewig. Amen.” (1. Petr. 5, 10.11)
Der Petrusbrief spricht den Christen zu: Euer Glaube wird Früchte tragen, das Leben wird siegen. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht so, dass ihr es auf dieser Erde seht, aber es wird Gestalt gewinnen für euch und die, denen ihr so den Weg bereitet. Die Christen der damaligen Zeit können das glauben, denn Gott hat bewiesen, dass Sie sich auf diese Weise zu Ihrem Wort hält.

Der Petrusbrief setzt unserem Vergleich mit dem babylonischen Exil ein humorvolles Ende. Der Verfasser des Briefes schließt mit einem Gruß: “Eure Schwestergemeinde hier in Babylon [Anm.: gemeint ist Rom] lässt euch grüßen” (1. Petr. 5, 13a).

Dieser Gruß darf auch zu uns reichen.

Vielleicht können auch wir daran glauben, dass Gott den Glauben erhält, dass Sie sich für das Leben einsetzt. Vielleicht finden auch wir demütige Wege der Weisheit im Angesicht der Löwen unserer Zeit, die uns nach dem Glauben trachten.

AMEN.

Fragen für Nach-Denker:

  • Wer sind die Löwen unserer Zeit?
    Trachtet dir jemand oder etwas nach dem Leben?
    Wer oder was könnte deinen Glauben verschlingen?
  • Wie widersteht man im Glauben?
    Wie würdest du dich besonnen und wachsam vorbereiten?
    Was bedeutet es für dich, dass Gott sich Sorgen macht an deiner Stelle?
  • Wie könnte man auf den Gedanken reagieren, dass alle Christinnen und Christen “in der Welt diese Leiden durchmachen”?
    Ergeben sich daraus Konsequenzen?

 

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