[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Werden wir von Gott nur an den Früchten (am Ergebnis) unseres Handelns erkannt und „gerichtet“?

Predigt MCC Köln, 31. Mai 2015
Manfred Koschnick

Matthäusevangelium 7,1-5 & Lukasevangelium 6,36-42: „Vom Richten“

„Steck niemanden in eine Schublade, indem du dir vorschnell eine Meinung über ihn machst. Sonst könnte Gott dasselbe mit dir auch tun. Denn das Bild, was du dir von jemandem machst, der Maßstab, den du da anlegst, danach wird man dich auch einschätzen. Du machst den Lauten, wenn dein Bruder mal was nicht draufhat, und kapierst dabei aber gar nicht, wie weing du selber kannst. Du sagst zum Beispiel: ‚Hey Freundchen, pass auf, ich nehme dir mal die Sonnenbrille von den Augen, damit du siehst, wie dreckig du eigentlich bist.‘ Dabei bist du selber total blind für deinen eigenen Dreck, in dem du bis zum Hals steckst. Du alter Klugscheißer! Kümmere dich erst um deinen eigenen Mist, und dann kannst du dich ja immer noch um deinen Bruder kümmern!“

Matthäusevangelium 7,1-5

Liebe Gemeinde, neulich hatte ich Besuch von einem Kollegen, eigentlich ein guter Freund. Ich musste mal in den Garten gehen, da passierte in meiner Wohnung anscheinend oder scheinbar etwas Ungeheuerliches. Die Waschmaschine in der Küche spielte verrückt. Die Umwucht der Trommel lief nicht rund, sie eierte. Die Trommel schlug beim Schleudern auf den Boden und sprühte beim Aufschlag Funken. Das alles machte einen Höllenlärm. Damit nicht genug. Die  alte schwere Waschmaschine von BLOOMBERG (deutsche Wertarbeit) setzte sich in Bewegung, schaukelte sich in der Bewegung immer mehr auf und stolperte von der Wand weg in den Raum.  Als ich aus dem Keller zurück gekommen wieder in meiner Küche stand, stand sie schon halb im Raum. An den Seiten war Kaffee heruntergelaufen. Hinter der Waschmaschine lag der Dreck von 20 Jahren und so manches, was ich seit langem vermisste. Ich konnte mit meinem Arm aber nicht so weit herunter auf den Boden langen um all das aufzusammeln.  Derweil hatte mein Kollege (nun fällt es mir schwer, ihn Freund zu nennen) anscheinend wie üblich teilnahmslos rauchend im Wohnzimmer gesessen und nichts getan, nicht einmal nachgeschaut, was dort diesen Höllenlärm verursachte. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Maschine einfach AUS zu stellen, einfach auf „0“. Dann wäre der Spuk nach ein/zwei Sekunden vorbei gewesen.  Nun war es extrem schwer, die Waschmaschine wieder an ihren alten Standort zu tragen. Ich war empört und kochte vor Wut über einen sogenannten Freund, dem „alles“ egal ist, was mich direkt betrifft. Es tat weh und verletzte, ja kränkte mich, ihm so unwichtig zu sein, dass er in Kauf nahm, dass mein Eigentum Schaden litt. „Ich geh dann mal“, sagte er und verschwand.

Richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet. Bei Lukas steht gleich hinter dieser Ermahnung der Satz „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Nun, die Frucht, das Ergebnis der Untätigkeit meines Freundes lag auf der Hand bzw. stand bekleckert in meiner Küche.  Was hatte ich da nur für einen Freund, „denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht  trägt und keinen schlechten Baum, der gute Frucht trägt….Ein guter Mensch bringt gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens und (so schreibt Lukas) ein böser bringt böses hervor  – aus dem Bösen“.  Mein Freund ist also ein böser Mensch. Seine geistige Heimat ist das Böse. Wäre er ein Baum, risse man ihn aus und verbrannte das unnütze Holz. Hätte ich es wissen müssen? Man sucht nicht Trauben in Dornen oder Feigen in den Disteln, sagt das lebendige Wort ( Matthäus  7, Vers 16.)

Matthäus hat, anders als Lukas, die Ermahnung in die Bergpredigt eingebettet neben dem Thema Gebetserhörung und vom Tun des göttlichen Willens, da wo diese unerfüllbaren Forderungen stehen.  „Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen, tut wohl denen, die Euch hassen und bittet für die, die Euch beleidigen und verfolgen“. Nicht nur der juristisch nachvollziehbare und kalkulierbare für Männer weniger folgenreiche Ehebruch ist falsch sondern schon jene Menschen,  welche einen lüsternen Blick auf andere Menschen werfen (und wer tut das nicht?!) , hat die eigene Ehe gebrochen. Und so weiter…Verdammt streng! Und wie will man den Balken im eigenen Auge denn erkennen, wenn man eben in diesem eigenen Auge einen Balken hat, der die  Selbst-Wahrnehmung unmöglich macht?  Die historisch bewanderten Theologen gehen heute davon aus, dass Jesus mit der Bergpredigt keine Rede an das gemeine Volk hielt. Vielmehr ist die Bergpredigt eine Zitatensammlung aus Lehrgesprächen Jesu mit dem engsten Kreis (Inner Circle) seiner Anhänger in Auseinandersetzung mit den Lehren bzw. Schriftgelehrten seiner Zeit.

Hat denn aber jeder Mensch einen Balken im eigenen Auge? Projiziert jeder Mensch verdrängte Gefühle, Ansichten und Absichten auf andere? Welchen Balken hatte Jesus selbst im Auge, als er  in den Wehe-Rufen den Pharisäern vorwarf, sie seien Heuchler und drangsalierten die Leute mit vielen Vorwürfen und Gesetzesvorschriften. Um wie viel mehr Psychoterror als die Pharisäer verbreitet denn Jesus  mit der Forderung nach Gedankenkontrolle beim Blick auf eine schöne Frau oder einen schönen Mann?! Ist dies der Balken im Auge Jesu. Die Inquisition machte daraus später eine Gedankenpolizei. Nicht nur die Böse Tat sondern schon der falsche Gedanke war Sünde, führte über den irdischen Scheiterhaufen ins Feuer der Hölle. Das war die schlimme Konsequenz der ins Innerste des Menschen gerichteten Kontrolle. Doch was war die gute Absicht Jesu bei der Lehrrede an den Kader, den eingeweihten Kreis seiner Anhänger?

Jesus geht es  nur darum, wie und mit welcher spirituellen Haltung und Selbstwahrnehmung die Pharisäer richten. Keineswegs wollte er Menschen generell die Fähigkeit absprechen, etwas beurteilen zu können und eine Orientierung im Dschungel der Wahrnehmung zu erschaffen. Wie Jesus können nun auch wir uns jenen geistigen Raum erschließen, der Jesus dazu führte, so hart über die Pharisäer zu richten und ihnen im gleichen Atemzug das Richten vorzuwerfen.

Es war Jesu barmherziges Mitgefühl mit den einfachen Menschen (denen er diese Rede nicht hielt), die anhand äußerlicher Tatbestände einer geistigen Haltung, der Gottesferne (Sünde) beschuldigt wurden. Sie diente gerade dem Schutz dieser Menschen. Jesus widerspricht im Matthäusevangelium der These „ Es gibt nichts Gutes – außer man tut es“. Jenseits der Tat gibt es für ihn eine geistige Dimension, die der Tat vorausgeht. Er meint, wir sollten auf unsere Gedanken achten, weil sie der Anfang unserer Tat werden könnten., aber nicht sein müssen. Die Gedanken entspringen unserm spirituellen Selbstverständnis. Hältst Du Dich pharisäerhaft für einen besseren Menschen als jener Sünder? Meinst Du, wenn alle wären wie Du, hätten wir eine bessere Welt? Welche Maßstäbe legst Du bei der Beurteilung anderer an?

So wie die wandernde Waschmaschine in meiner Küche nichts über die Gesinnung verrät und nicht zum Richten über meinen Freund taugt, ist es mit all den andern Sünden auch. Ein Christ zu sein ist nicht vereinbar mit Stammtischparolen und Vorverurteilungen ohne den Beweggrund der Menschen zu kennen.Was eigentlich steht hinter den Gesetzen des Alten Testaments? Es ist die Liebe zu Gott und den Menschen!. Diese Liebe soll von den Gesetzen geschützt werden. Kann Jesus verständlich machen, warum das Richten und Beurteilen so oft in die Irre führt? Schon Vergleiche hinken, heißt es. Wie will man z. B. zwei Menschen gerecht werden, wenn man ihre Einkünfte miteinander vergleicht  oder die Größe ihrer Schuhe oder die Höhe ihrer Intelligenz? Liegt  in der Auswahl der Parameter oder Kriterien nicht schon eine subjektive Bewertung und damit auch der Balken jenes Auges, das den andern objektiv beurteilen soll? Wie will man die Intelligenz von Urwaldbewohnern Afrikas mit dem europäischen Intelligenztest messen? Das ist unmöglich!
Niemand also ist ohne einen Balken im eigenen Auge, selbst Jesus  nicht.

Im Odenwald gibt es eine psychosomatische Klinik, in der die Psychotherapeuten sich etwa wie folgt  den Patienten vorstellen. „Guten Tag, ich heiße Fritz Meier und bin coabhängig. Ich bin als Therapeut selbst so in (Deine ) Probleme verstrickt, dass ich Dir nicht aus der Position eines ärztlich heilenden Besserwissers helfen kann.“  – Der Therapieansatz sieht so aus, dass niemand andere diagnostiziert, bewertet, beurteilt, heilt, sondern sich auf dem gleichen Weg wie alle quasi dem Balken im eigenen Auge widmet. Bei Lukas klingt das so: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

Was der Jesus des Matthäusevangeliums sagen wollte, war dieses:  Hinter all Euern Taten  und Splittern im Auge liegt etwas geistiges, das man verstehen muss, um Einzelnen und ihrer Lebensgeschichte gerecht zu werden. Was steht hinter dem Ehebruch? Worum geht es wirklich? Wie können wir uns einander darin unterstützen, das, was wir gut meinen, auch gut zu tun?  Auf meinen Freund mit der Waschmaschine bezogen heißt das: Es ist nicht die vorgerückte Waschmaschine, das Ergebnis (die faule Frucht des Baumes), welches unter uns zählt. Es sind die Beweggründe, die zählen. War es meinem Freund wirklich darum gegangen, mich zu kränken? War ihm der Krach in der Küche wirklich egal gewesen? Hatte er vielleicht bei dem Schreck keine vernünftige Strategie zur Hand, wie man mit so ver-rückten Maschinen umgeht? Nein, er hatte versucht, die Maschine zu stoppen, war dabei gescheitert und hatte resignativ  jeden weiteren Versuch unterlassen.. Zählt beim Ehebruch wirklich nur ob die Frau sich körperlich  hingegeben hat (die Tat) und ist der Mann, der Opfer des Ehebruchs ist, wirklich das das Opfer der Frau? Hat er nicht vielleicht im Stillen die Beziehung vorzeitig beendet, so dass der Ehebruch der Frau nur die konsequente vollzogene Trennung bzw. Ehescheidung ist?

Jesus blickt tiefer in die Geschehnisse und bleibt nicht bei den faulen Früchten kranker Bäume hängen. Das Hintergründige, geistliche ist ihm wichtig. Wessen Geistes Kind bist Du? Und da wird dann mein Freund rehabilitiert, aber letztlich vielleicht auch die Pharisäer, denn sie wollten von Herzen fromm sein und alle Welt vor Gott gerecht machen. Sie glaubten, dass man frei von Sünde sein müsse, um Gott zu lieben. Jesus dagegen meinte vielleicht, dass man aus der Liebe zu Gott eher auf Sünden verzichten kann. Sünden sind das Ergebnis von verschiedenen Ängsten und Loyalitäten. Die Liebe hingegen befreit. Sie steht am Beginn  von allem.

Jesus  beschreibt eine Welt, die heilt, wenn die Nächstenliebe unser aller Maßstab ist. Lebe vertrauensvoll und angstfrei in dem Bewusstsein allumfassender Liebe – es ist eine Übung –  kurz gesagt: Liebe und dann mach, was immer Du willst!  AMEN

 

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