[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Sind – um die Freiheit „zu verteidigen“ – irgendwann nur noch diejenigen frei, die genau so frei denken?

Predigt MCC Köln, 31. August 2014 (Jubiläumsfeier 20 Jahre MCC Köln)
Ines-Paul Baumann

20 Jahre MCC Köln, das sind 20 Jahre Vielfalt: Vielfalt in Bezug auf Menschen und auf Gottesbilder.

Im Raum verteilt hängen Hunderte von Bildern und Begriffen.
Nimm dir ein Bild (oder ein Wort),
das deinem Gottesbild entspricht.

Vielfalt kann als bereichernd empfunden werden. Vielfalt kann aber auch als nervig, anstrengend, verwirrend und herausfordernd empfunden werden – insbesondere dann, wenn wir etwas als „richtig“ oder „falsch“ lieb gewonnen haben.
Entweder finden wir unsere neue Erkenntnis ungeheuer wichtig („Ich WEISS, warum Jesus sterben musste!“).
Oder wir sind selber zu einer neuen Ansicht gelangt und haben dafür eine eigene „alte“ Meinung abgelegt („Jetzt habe ich erkannt, wie Gott WIRKLICH ist!“!).
In beiden Fällen neigen wir ganz wohlmeinend zu der Haltung, Andersdenkenden sagen zu wollen: „Ich weiß, dass das falsch ist, was du denkst!“

Hier eine kleine „erhellende“ Geschichte zum Thema Erkenntnisgewinn:

Und sie kamen nach Jericho. Und als Jesus aus Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein Mann am Wege, der immer gerne dazulernte und eine große Auffassungsgabe hatte. Als er die Menge vorbeiziehen sah, fragte er, was denn los sei. Sie antworteten ihm: „Jesus von Nazareth zieht vorüber.“
Und als er das hörte, fing er an zu schreien und zu sagen: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber schrie noch vielmehr: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her!
Als er herbeigekommen war, berührte Jesus ihn und sprach zu ihm: „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.“, und in diesem Moment erblindete der Mann. Als das all die Leute sagen, erfüllte es sie mit Schrecken und Furcht. Der Mann aber ging frohlockend davon und sprach: „Die erstaunlichste Erkenntnis hat mich blind gemacht!“

nach Peter Rollins: „How (Not) to Speak of God“

Solche „Erleuchtungen“ gibt es auf vielen Seiten, wenn es um „das wahre Christentum“ geht, ob auf Seiten „liberaler“ oder „fundamentalistischer“ Theologie. Es gibt auch fundamentalistische Anhänger/innen von liberaler Theologie. Oder ziemlich zwanghaften Umgang mit Befreiungstheologie. Und es gibt angenehm liberal denkende Anhänger/innen eher fundamentalistischer Theologie. Die Großherzigkeit des Glaubensinhalts sagt längst nichts über die Großherzigkeit des Glaubenden.

Wie oft wird Anhängerinnen traditioneller Gottesbilder vorgeworfen, sich ein Bild gemacht zu haben: Gott könne doch längst nicht mehr als personales Gegenüber geglaubt werden!

Aber auch Menschen, die nicht mehr an Gott als Person glauben, können daraus ein Gottesbild machen! (Auch „KEIN BILD“ kann ein Bild sein…)

Es gibt also einen Punkt, wo auch Vielfalt fundamentalistisch werden kann: Wie soll zum Beispiel mit denen umgegangen werden, die Vielfalt NICHT mögen und Vielfalt NICHT predigen?

(Die Niederlande sind ein gutes Beispiel dafür, wie die Verteidigung „weltoffener“ Werte zu einer nicht immer „weltoffenen“ Haltung führen kann: Einerseits gibt es dort eine große Offenheit und liberale Gesetze, andererseits offenen Rechtspopulismus und Ausgrenzung von Leuten aus anderen Kulturen und mit anderen Sichtweisen. Wie kann/soll damit umgegangen werden? Sind – um die Freiheit „zu verteidigen“ – irgendwann nur noch diejenigen darin frei, die genau so frei denken?)

DASS wir uns Bilder machen von Gott, ist an sich nicht „nur richtig“ oder „nur falsch“.

„Ich will satt werden an deinem Bilde.“

Psalm 17,15

„Du sollst dir kein Bildnis machen.“

2. Mose 20,4

1) Welches Gottesbild „stimmt“?

Schon die Bibel verwendet VIELE Bilder und Namen für Gott. Auch in der MCC sind VIELE Bilder und Namen für Gott versammelt. Das gibt Raum für eine Vielzahl an Erfahrungen:
– manche entdecken vielleicht neue Bilder von Gott,
– manche merken, dass sie ihr bereits bekanntes Gottesbild vielleicht sogar noch mehr liebgewinnen,
– und manche nehmen auch mal Abschied von Gottesbildern.

2) Dürfen wir dann gar kein Gottesbild mehr haben?

Von der Bibel her wäre auch das zu einseitig :)

Klar, einerseits gibt es das „Bilderverbot“: Wir sollen uns kein Bild machen von Gott.
Eine Möglichkeit, unsere Gottesbilder nicht mit Gott selbst zu verwechseln, besteht genau darin, eine Vielzahl von Gottesbildern zur Sprache zu bringen. Nicht nur männlich. Nicht nur weiblich. Nicht nur personal-theistisch. Nicht nur post-theistisch oder a-theistisch. Etc…

Das bedeutet aber nicht, dass diese einzelnen Bilder nicht auch wertvoll, wichtig und kraftvoll sein können! „Ich will satt werden an deinem Bilde.“, bekennt der Psalm. „Dieses Bild tut mir so gut! Ich kann gar nicht genug davon kriegen! Ich brauche das gerade!“

In Bezug auf „Gottesbilder“ nimmt sich die Bibel also Raum für beides:

  • Zum einen ist da Raum für Offenbarung… Erkenntnisse… Zugänge entdecken… Bilder entdecken…
  • Und genau so finden wir Raum auch für das Mysterium… Kein Bild machen… Bilder verlieren…

Mit diesen beiden Ansätzen können wir auf die Frage von vorhin zurückkommen: Wie schaffen wir es als MCC, nicht einen neuen dogmatischen Ansatz einschleichen zu lassen, in dem wiederum nur gestandene Fans pluralistischer Gotteswahrnehmung einen Platz haben?

Der Ansatz, den ich vorschlagen möchte, wäre so:
– Indem wir Respekt, Anerkennung und Neugier bewahren.
– Indem wir versuchen, einander zu verstehen.

Statt über andere zu urteilen, können wir sie auch einfach mal fragen:

  • Was ist dir an deinem Gottesbild wichtig?
  • Warum magst du dieses Gottesbild?
  • Warum hast du dich von deinem früheren Gottesbild weg entwickelt?
  • Warum behälst du dein Gottesbild?

Um diese Fragen beantworten zu können, können wir uns nun einen Moment Zeit für uns selbst nehmen:

Schau den Begriff oder das Bild an, das du in deiner Hand hälst:

  • Was magst du an dem Gottesbild, das du gerade in der Hand hälst?
  • Was davon möchtest du unbedingt behalten und warum?
  • Was daran tut dir gut?
  • Was datan tut dir vielleicht NICHT gut?

Und gerade dann, wenn du merkst, wie wichtig dir dieses Bild ist, und wie sehr du es brauchst, und WIE gut es dir tut: Wärst du bereit, es neu in Gottes Hände zu legen? Ist dir noch bewusst, dass es ein BILD ist und nicht Gott selbst?

Und… wenn du Gott wirklich vertraust: warum dann nicht auch dieses Bild einfach mal neu in Gottes Hände legen und gucken, was davon bleibt und was nicht? Was vielleicht zurückkehrt, aber in anderer Form?

Möchtest du dein Gottesbild also festhalten, feiern, zelebrieren?
Oder möchtest du es loslassen, öffnen?

Zu beidem hast du jetzt die Gelegenheit:

Würdige dein Gottesbild als Bild…
– und rahme es ein.

Oder lasse dein Gottesbild los…
– und verbrenne es.

Gott, wir legen unsere Bilder von dir neu in deine Hände. Sie können so wichtig sein für uns, sie können uns helfen und aufbauen… Sie können uns auch niederdrücken und einengen…. Aber sie können dich nie erfassen. Du stehst über, unter, hinter, vor, neben und inmitten unserem Verstehen. Unsere Bilder bleiben leer angesichts der Fülle deiner Gegenwart. In Liebe und Vertrauen geben wir dir unsere Bilder zurück. Erfülle sie und uns mit deinem Geist der Kraft, der Liebe und der Beständigkeit. Amen.

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