[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

„Besessen“ oder besetzt? FIFA, Guantanamo, Prism, Homophobie und die „Einheit der Christen“: Ein Appell gegen alle Stimmen, die sich deiner Freiheit in den Weg stellen wollen.

Predigt MCC Köln
Ines-Paul Baumann

Lk 8,26-36: „Die Heilung des besessenen Geraseners“

 

Die FIFA steht in Brasilien derzeit nicht nur für die „Föderation des Verbandsfußballs“. Die Bevormundung und Bevorzugung der FIFA an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort vorbei sorgt für Empörung. Aus Sicht der Protestierenden steht die FIFA für Unterdrückung.
Guantanamo ist nicht nur eine Stadt im Südosten Kubas. Guantanamo steht für die Entrechtung von Gefangenen, denen grundlegende Menschenrechte vorenthalten werden. Aus Sicht der Protestierenden steht Guantanamo für Unterdrückung.
Prism ist nicht nur der Name eines beliebigen weiteren Computerprogramms. Prism steht für massenhafte Überwachung, in der Muster und Zufälle aus jedem Menschen nicht nur einen Verdächtigen, sondern einen Schuldigen machen können. Aus Sicht der Protestierenden steht Prism für Unterdrückung.

FIFA, Guantanamo und Prism sind zu Reizwörtern geworden: Stichwörter, die Fragen nach Freiheiten und Rechten aufwerfen.

Zu Zeiten des Neuen Testaments war „LEGION“ genau so ein Wort. Eine Legion war nicht bloß „einfach so“ eine Einheit der römischen Armee. Sie war Ausdruck der Unterdrückung durch das Römische Reich.

Die im Lukas-Evangelium geschilderte Begebenheit könnte Stoff sein für eine Operninszenierung:
Ein armer, geschundener Mensch, der besetzt ist und nicht mehr er selbst, kriecht über Gräber. Er ist nicht ganz lebendig, aber auch nicht ganz tot.
Jesus betritt die Szene. Es kommt zur Begegnung. Jesus fragt die entscheidende Frage: „Wie heißt du?“, und hier kommt das Stichwort: „LEGION!“
Alle Opernzuschauer wissen sofort: Der arme Mensch leidet (stellvertretend für das geschundene Volk) unter dem unterdrückerischen Regime des Römischen Reiches, das sich mit Macht immer weiter ausdehnt und alles und alle vereinnahmen will, vertreten durch die Legionen seiner Soldaten.
Aber Jesus, der Held, hält dagegen. Und um klarzumachen, dass der irre gewordene Mensch nicht von Geistern besessen ist, die beim Teufel oder in der Hölle zuhause wären, lautet die letzte Bitte der Besatzer: „Lass uns bitte nicht in den Abgrund fahren!“ Alles bleibt ganz irdisch, und in der Schlussszene jubelt das Publikum glücklich über das Happy End, in dem „die Schweine“ nicht mehr sind. Euphorisch gehen sie nach Hause und schmieden erste Pläne, wie sie selber die Schweine loswerden können, die sie besetzt halten und vom Leben abhalten.

(Jesus hätte natürlich im Leben nicht echte Schweinetiere in den Abgrund rennen lassen. Dazu sind Schweine viel zu nette Tiere. Außerdem hätte er kaum den armen Hirten und Bauern mal eben so ihre Lebensgrundlage entzogen, nur um seine Interessen durchzusetzen. Jesus war ja nicht die FIFA *g*)

Je nach Machthabern würde so eine Opern-Aufführung natürlich ganz schnell verboten werden: Zu offensichtlich ist die Aufforderung, sich mit der Unterdrückung nicht abzufinden.

Nun sind wir aber nicht im Theater, sondern lesen die Bibel, und da wären solche naheliegenden offensichtlichen Interpretationen wohl zu einfach. Zu „unreligiös“. Zu „unchristlich“.

„Wir Christen“ glauben doch an Dämonen! Die sind doch viel wichtiger als irgendwelche gesellschaftlichen Zusammenhänge! Viel mächtiger! Viel gefährlicher!

Oder „wir Christen“ lassen gerade noch zu, dass dieser arme Mensch so leiden muss, weil er psychisch krank ist. So können wir davon reden, dass er besessen ist, ohne von Dämonen reden zu müssen, bzw. können sagen, dass das Dämonische eben darin besteht, von der psychischen Krankheit besetzt zu sein.

Der Glaube an Dämonen, auch in Form von psychischen Krankheiten, hat durchaus Vorteile: Als Mitmenschen sind wir selber immer fein raus.
„Dir geht es schlecht? Du benimmst dich nicht so, wie wir es erwarten? Du passt nicht in die Regeln, nach denen wir unser Zusammenleben organisieren? Oh, du bist besessen! Alles, was du sagst und äußerst und tust, müssen wir nicht ernst nehmen – es sind BÖSE Stimmen, die da aus dir sprechen! Ja, wir DÜRFEN gar nicht auf diese bösen Stimmen hören, wir sollten sie am besten gar nicht beachten, wir müssen sie bekämpfen!
Wenn du nur richtig glauben würdest, wärst du ganz normal und so wie wir! Wenn du richtig glauben würdest, wärst du nett und umgänglich und sympathisch. Dass du nicht so bist, ist deine eigene Schuld (!). DU bist es, der nicht richtig glaubt. Nur deswegen geht es dir so schlecht und bist du so ein Störenfried für unser angenehmes Leben.
Da du unser angenehmes Leben aber nun mal so störst, sind leider auch wir zum Handeln gezwungen. Wenn DU schon nicht gegen die bösen Dämonen in dir vorgehst, müssen wir das nun tun. Wir beten für dich. Wir legen dir die Hände auf. Der böse störende Geist muss aus dir raus. Und wenn das nicht funktioniert, weil du es nicht willst oder zu schwach dafür bist, dann müssen wir den bösen Geist leider mitsamt deiner Person aus unserer Mitte räumen. (Hexe, stirb auf dem Scheiterhaufen!)“

Das Problem des Bösen lässt sich ganz einfach verorten in der Person, der es schlecht geht und die sich nicht so verhält, dass sie damit alltagstauglich ist? „Gelobt sei Jesus, Amen?“ Nein, kein AMEN dazu!

Nun, ich glaube sehr wohl, dass es jede Menge Geister gibt, die uns besetzt halten können: Werte, Gedanken, Gefühle, Erfahrungen, Sätze, Vorwürfe, Vorhaltungen, Erniedrigungen, …. das alles kann sich in uns festsetzen und uns besetzen.

Ich glaube auch, dass es psychische Krankheiten gibt.
Aber ich glaube nicht, dass psychische Krankheiten ihre Ursache schlichtweg „in mangelndem Glauben“ haben.
Ich glaube also auch nicht, dass psychische Krankheiten mal eben durch „richtigen Glauben“ zu heilen sind.
Ich glaube sehr wohl, dass Jesus uns von allem heilen und befreien kann (nicht muss), auch von psychischen Krankheiten.
Aber ich glaube nicht, dass wir die Bibel dafür benutzen sollten, unsere Maßstäbe und Erwartungen an „richtiges Menschsein“ göttlich zu überhöhen.
Und ich glaube vor allem nicht, dass Jesus uns einen Freischein dafür ausstellt, in kranken und/oder unbequemen Menschen Besessene zu sehen und deren Leid (oder sie selber) einfach nur beiseite zu schieben, ohne uns mit weiteren Zusammenhängen zu beschäftigen.

Jesus gibt uns hier ein anderes Beispiel. Als Jesus dem Menschen begegnet, der besetzt gehalten ist, redet er nicht über ihn hinweg oder an ihm vorbei (von wegen: „was hat so ein armer Irrer schon noch zu sagen?“), sondern er redet MIT ihm. Er stellt ihm Fragen. Er traut ihm zu, dass er immer noch am besten weiß, was mit ihm los ist. (Auch wenn das sehr verschüttet sein mag und es erst mal eines helfenden Wortes von außen bedarf, um zum nötigen Mut zur Klarheit zu verhelfen.)

So kommt es zu dem entscheidenden Dialog: „Wie heißt du?“ – „Legion“ („Denn wir sind viele“, ergänzt das Matthäus-Evangelium extra.) LEGION. Heutzutage wird so getan, als wäre dieser Begriff plötzlich eine Art Eigenname. Wikipedia hält für „Legion“ zwei Artikel bereit: Einen unter der Überschrift „Römische Legion, eine Heereseinheit in römischer Zeit mit 3.000–6.000 Soldaten“. Und einen unter der Überschrift „Legion (Dämon), dämonische Erscheinung im Neuen Testament“.

Angenommen, eine Frau um die 30 bekommt ihr Leben nicht mehr auf die Reihe. Vor ein paar Jahren ist sie aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Phasenweise verhält sie sich unauffällig, aber manchmal wird sie gerissen, fängt an zu weinen und schreien, bricht körperlich völlig aus und reißt sich selbst dann los, wenn mehrere Leute versuchen, sie zu halten. Ihr Leben geht immer mehr bergab. Irgendjemand fragt sie dann mal: „Wie heißt du“? Und die Frau sagt: „NATO-Truppe.“

Würde es ab sofort zwei Wikipedia-Einträge geben? Einen für „NATO: Militärisches Bündnis“, und einen für: „NATO: Erscheinung einer irre gewordenen Frau, die nicht ernst genommen werden muss“?!

Jeder halbwegs aufmerksame Mensch würde reagieren mit „Ach du Scheiße.“ Welchen Zusammenhang soll es wohl geben zwischen einer Frau aus Afghanistan, NATO-Soldaten und ihren traumatischen Reaktionen?…

Aber wollen wir diese Zusammenhänge wirklich hören? Wollen wir sie wirklich wahrhaben? Soll etwa ein wichtiger, unumgänglicher, alternativloser, ach-so-humaner Einsatz unserer ach-so-menschenfreundlichen Bundeswehr etwas damit zu tun haben, dass einer Frau in einem fernen Land Gewalt angetan wird? (Gelobt sei der Passiv, der keine Täter/innen nennen muss…) „Wer hat diese Frau überhaupt in unser Land gelassen?!“ SIE stört. Ihre Geschichte stört. Ihr Verhalten stört. Ihr Dasein stört. Offensichtlich ist sie besessen und gefährlich, also ab in die Klinik, am besten mit Fixierung. Dann können wir mit der NATO weiter die Welt retten.

Ich bin jetzt etwas polemisch, aber ich bin es, weil wir immer noch genau so mit der Bibel umgehen. „LEGION“, och ja, das hat natürlich rein gar nichts zu tun mit den realen Umständen. „Legion“, das ist plötzlich nur noch ein Name. Das Neue Testament hat ihn quasi erfunden – als Bezeichnung für eine dämonische Erscheinung. Mit einer echten Besatzung durch echte Besatzer und den echten Konsequenzen wollen wir uns gar nicht beschäftigen.

Wenn „wir Christen“ mal einen Blick auf echte Geschehen werden, dann bitte möglichst realitätsfern?!:

„AIDS! Eine Strafe Gottes, wunderbar! Lasst uns Kondome verbieten, damit Gottes Werk vollendet werden kann! Und wehe, jemand spricht in dieser grundlegenden ethischen Frage der heutigen Gesellschaft nicht mit der Stimme der römisch-katholischen Kirche – der schadet der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft!“ Zitat s. Fußnote *)
(Du bist nicht unserer Meinung? Du Ungläubiger!)

„Lebe richtig und du bist richtig! Sei richtig und du lebst richtig! Sei normal, angepasst, brav, leistungswillig, unauffällig, und alles wird gut. Stattdessen bist du hippelig, nervös, unsicher, zu leise, zu laut, zu dick, zu unkonzentriert, zu traurig, zu gelähmt? Du bist gestört! Erstens psychisch krank und zweitens selber schuld. Mit den Anforderungen und Erwartungen deiner Umgebung hat das NICHTS zu tun. Da gibt’s doch was von Ratiopharm. (Und von der Kirche.)“

Mit den ganzen Stimmen in dir, mit dieser LEGION an Androhungen, Forderungen, Erwartungen und Wertungen von außen bleibst du allein. Familien, Arbeitsmarkt, Werbefilme, Schönheitsideale, Körperbilder, Arbeitsmarkt, das alles hat angeblich nichts mit deinen Problemen zu tun….

Oh doch, diese LEGION deiner inneren Stimmen hat sehr wohl mit dem zu tun, was um dich herum los ist!

Und Jesus sagt nicht: „Tia, so isses. Diese Stimmen haben Recht. So bist du nun mal. Du bist diese inneren Stimmen, die dich vom Leben abhalten. Wie gut, dass du weißt, wie klein und schlecht du bist. Wie gut, dass du so darunter leidest. Seht her, welch ein Vorbild für den christlichen Glauben. Dieser Mensch hat erkannt, was für eine Plage er in den Augen unseres wunderbaren heiligen reinen Gottes ist. Oh ihr Sünder, würdet ihr doch nur genau so schlecht über euch denken!“

Nein, Jesus sagt: „Raus mit diesen Stimmen. Raus damit. Sie unterdrücken dich, sie halten dich besetzt. Das bist nicht du, und das hast du nicht verdient. Das sind die Konsequenzen der Unterdrückung und Entfremdung in deinem Leben. Das hat System. Das IST System. Das sind die Folgen von Mächten und Mächtigen, die dich klein halten und untertan machen wollen. Weg mit ihnen! Höre nicht auf sie, wenn du versuchst, dich selbst zu sehen. Erlaube ihnen nicht, dein Selbstbild zu bestimmen.
Sie sagen, du bist klein und hässlich? Höre nicht auf sie, das bist du nicht!
(Oder in die andere Richtung: Sie sagen, du bist am Besten und brauchst niemanden, das macht dich nur angreifbar und unsouverän? Höre nicht auf sie, das bist du nicht!)
Sie sagen, du kannst nix und darfst nix? Höre nicht auf sie, das bist du nicht!
Sie sagen, du musst alles ertragen und unter allem leiden? Höre nicht auf sie, das bist du nicht!
Sie sagen, du seist von Sinnen, weil du du mit ihnen nicht klar kommst und haderst und verzweifelst? Höre nicht auf sie!
Raus mit ihnen! Komme zu dir. Lass uns diese Schweine aus deinem Leben zu treiben! DANN bist du bei Sinnen!“

Jesus hätte übrigens sicher nichts dagegen, diese Stimmen bei Bedarf auch mit Psychopharmaka zu behandeln. Aber es ist eine Sache, ob wir Störenfriede damit ruhig stellen wollen, und eine andere, ob Menschen damit geholfen wird, innere Klarheit und Unabhängigkeit zu gewinnen, mit der sie ihr eigenes Leben führen können.

Manchmal brauchen wir auch jahrelang Therapie, um verinnerlichte Stimmen wieder aus uns rauszubekommen, die uns unterdrücken und binden und fesseln und vom Leben abschneiden.

Beten sollte eigentlich auch eine gute Möglichkeit sein, sich mal der anderen Stimmen in unserem Leben zu vergewissern: Der Stimme(n) Gottes, die sich in Jesus offenbart als eine Stimme, die dich ganz wunderbar findet und auf deiner Seite steht. Aber wie oft ist auch das Beten schon geprägt von den Stimmen der Unterdrücker: „Hm, Gott, danke für alles Gute, was mir an diesem Tag widerfahren ist. Bitte vergib mir, dass ich mich so darüber freue, wo ich das doch gar nicht verdient habe. Ich habe ja so ein schlechtes Herz, dass ich mich so selbstbezogen darüber freue.“ Warum unterstützen so viele „christliche“ Zusammenhänge solch vergiftete Gottes- und Selbstbilder?!

Nicht nur hier wir deutlich: Über die individuelle Ebene hinaus müssen wir auch die Zusammenhänge in den Blick nehmen, in denen wir leben.

Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass die Selbstmordrate unter Homosexuellen und Transgendern überdurchschnittlich hoch ist. Sind Homosexuelle und Transgender per se depressiver oder suizidaler? Natürlich nicht. Sie sind es aufgrund der Umgebung, in der sie leben. Sie sind es aufgrund der Legion an Stimmen, die sich in ihnen festgesetzt hat und ihnen einredet, sie seien falsch, ungeliebt, weniger wert und schon gar nicht von Gott gewollt und angenommen. Diese Stimmen bestimmen dann ihr Selbstbild, halten sie besetzt.

Was würde Jesus zu ihnen sagen? „Raus mit euch, ihr Schweine! Dieser Mensch ist genau richtig, liebenswert und wunderbar in Gottes Augen.“

Lasst uns in der MCC den Fragen und der Liebe Raum geben, die Jesus mitgeteilt hat. Nicht uns und andere einfach einordnen und für richtig oder falsch erklären (und sie zum richtigen Glauben auffordern, wenn sie Probleme zeigen oder machen), sondern FRAGEN stellen und zur Liebe befreien.

Jesus vertraut uns, dass wir jeweils für uns selbst am besten die Antwort auf seine Fragen kennen:

Wie heißt du?
Wer bist du?
Wer kannst du sein, wenn alle Stimmen, die dich unterdrückt halten wollen, dir nichts mehr zu sagen haben? Lass uns diese Schweine in den Abgrund treiben, höre nicht mehr auf sie.
Höre MEINE Stimme und was ICH von Gott und dir und deinen Lebenszusammenhängen denke.
Komm zu dir.
Sei da.

 

*) „Wenn die Kirchen zu den grundlegenden ethischen Fragen der heutigen Gesellschaft nicht mit einer Stimme sprechen können, schadet dies der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft.“ Dr. K. Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen
(Anmerkung von Ines-Paul: Auch die „Einheit der Christen“ kann eine Stimme der Unterdrückung sein… „Widersprich nicht, du Ungläubige/r!“)

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