[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

(Nur) 10 Gebote? Schlechtes Zeichen für eine Online-Auktion, gute Zeichen einer Aktion Gottes.

Predigt MCC Köln, 1. Sept. 2013
Daniel Großer

Manch ein Kind der Neuzeit mag bei den Worten “die Zehn Gebote” an eine wohl eher triste Online-Auktion denken. Dort bedeuten zehn Gebote für einen Artikel wohl eher nichts gutes und zeugen von Desinteresse am Artikel.

Anders als bei einer Auktion bedeuten die Zehn Gebote im Jüdisch-Christlichen Kontext hingegen etwas anderes. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder von euch in seinem Leben schon mal davon gehört hat. Wer konfirmiert wurde, den Tauf- oder Kommunionunterricht besucht hat, musste die Zehn Gebote wahrscheinlich sogar einmal auswendig lernen. Die Zehn Gebote, das klingt nach einem vertrauten, zutiefst christlich-geerdeten Begriff. Ich fürchte nur, dass die Zehn Gebote viel zu oft ein unverstandenes Wesen sind.

Drei Worte – Drei Irrtümer

Das beginnt bereits bei ihrem Namen: “DIE ZEHN GEBOTE”. Jedes dieser Worte für sich ist bereits ein Irrtum.

  1. Es gibt nicht “die” Zehn Gebote, denn sowohl das 2. Buch Mose, als auch das 5. Buch Mose (2. Mose 20, 1-21, 5. Mose 5, 6-21) beinhalten das, was wir als “die Zehn Gebote” kennen. Diese beiden Stellen beschreiben zwar das gleiche Ereignis, sind aber zu unterschiedlichen Zeiten entstanden und aufgeschrieben worden, und das dann auch noch mit unterschiedlicher Hintergrundmotivation. Im Übrigen haben die beiden Texte auch nicht den gleichen Wortlaut, sind also teilweise unterschiedlich.

  2. “Zehn”. Die “Zehn” Gebote sind in Wirklichkeit 12. Könnt ihr gerne nachlesen und mitzählen. Ich hatte ursprünglich vor, euch heute mal die Zehn Gebote aufsagen zu lassen, musste diesen Plan aber verwerfen, denn Zehn Gebote sind nicht gleich Zehn Gebote. Juden, Katholiken, Lutheraner, Orthodoxe, Reformierte fassen die zwölf Aussagen unterschiedlich zu “Zehn Geboten” zusammen. Die verschiedenen Zusammenfassungen unterscheiden sich teils durch die Nummerierung, teils durch den Inhalt der Gebote und teils durch die Wortreihenfolge.

  3. Die Zehn Gebote sind keine “Gebote”. Das Alte Testament ist übervoll mit Geboten, die alle nach dem Motto “Du sollst nicht” oder “Wenn du… dann…” aufgebaut sind. Wenn man jemandem die Leviten liest, dann bezieht sich dieses Sprichwort auf das 3. Buch Mose und die darin enthaltenen Gesetze und Pflichten. Davon heben sich die Zehn Gebote aber sprachlich deutlich ab. Der Urtext der Zehn Gebote lässt sich statt “Du sollst nicht morden” besser mit “Du wirst doch nicht etwa morden” übersetzen. Die Zehn Gebote sind grammatisch gesehen Zehn Selbstverständlichkeiten, Zehn Ermunterungen. “Weil ich der Herr, dein Gott bin, wirst du nicht…”

Die Zehn Gebote – soweit also alles Pustekuchen.

Aber es gibt noch mehr Mythen, die uns im Umgang mit den Zehn Geboten ein Bein stellen.

Mythos 1: Die Zehn Gebote waren revolutionär.

Bereits zu der Zeit, als das Volk Israel noch in Ägypten lebte, gab es bereits ähnlich Kanons in verschiedenen Hochkulturen der damaligen Zeit. Einige dieser Kanons machten sogar erste Schritte in Richtung Monotheismus, also der Theorie vom “Einen Gott” im Gegensatz zu “Viele Götter”. Die Zehn Gebote (besonders die ersten) stechen zwar aus ihrer Zeit heraus, die gedanklichen Ursprünge der zehn Gebote sind teilweise aber überhaupt nicht neu.

Mythos 2: Die Zehn Gebote waren von einem Tag auf den nächsten in Stein gemeißelt.

Zu der Zeit, zu der uns das zweite Buch Mose von den Zehn Geboten auf Steintafeln erzählt, gab es die hebräische Schrift noch nicht. Als ägyptischer Prinz auf Abwegen beherrschte Mose wahrscheinlich die ägyptische Schriftsprache – ob die erste Fassung der Zehn Gebote wohl in Hyroglyphen notiert wurde? Bis zur Niederschrift der Zehn Gebote, die erst Jahrhunderte später während der Zeit des babylonischen Exils geschah, durchlief das gesamte Alte Testament und auch die Zehn Gebote einem redaktionellem Prozess – es wurde überarbeitet und korrigiert.

Und nun?

Was stellen wir nun mit diesen vermurksten Zehn Geboten an? Ganz einfach: Wir tun das, was wir mit jeder Bibelstelle tun. Wir achten darauf, wie Gott sich darin selbst offenbart – und wie sie uns heute weiterhelfen können. Ich möchte dafür drei Thesen aufstellen und sie mit Blick auf die Zehn Gebote beleuchten.

These 1: Gott gibt Sicherheit in der Unsicherheit

Das Volk Israel ist aus Ägypten ausgezogen. Ägypten, ein Hochstaat seiner Zeit mit starken Hierarchien, mit Gesetzen, mit Beamten und mit Ordnung. Sehr viel Ordnung. Jede Pyramide zeugt von der geradezu peniblen Sortiertheit der antiken Ägypter. Das Dasein eines Sklaven ist taktgenau durchgeordnet von früh bis spät. Dieses Volk Israel wagte nun die Revolution in die Freiheit. In die Ungewissheit. In die Wüste. An den Ort, an dem Überleben ein Kampf ist. Wo es mordende Räuber und wilde Tiere gibt, die keine Gräueltat scheuen. Wo man auf sich selbst gestellt ist.

Kannst du verstehen, dass das den Israeliten Angst eingejagt hat? Dass sie sich nach Geborgenheit, nach Ordnung und Heimat gesehnt haben?

Genau das ist es, was Gott ihrem Volk in den Zehn Geboten schenkt. Sie spricht: “Ich bin dein Gott” – Ich bin bei dir – Ich beschütze dich – Ich lasse dich nicht allein. Mit “Ich” ist keiner der rivalisierenden, wankelmütigen Gottheiten der Ägypter gemeint.  “Ich” meint auch keinen dünnärmeligen Hänflings-Gott. “Ich” ist der Gott, der einen ganzen Berg in Flammen erbeben lässt, wenn sie mit Ihrem Volk spricht.

Und dann sagt Gott zwölf mal “Du wirst doch nicht etwa…” – das sind die Wegweiser, an denen sich ein verängstigtes Volk in der Wüste festhalten kann.

Wenn in deinem Leben Unsicherheiten und Angst herrschen, dann spricht Gott zu dir: “ICH bin der HERR, die HERRSCHERIN, dein Gott. Fasse Mut!”

These 2: Gott ist heilig

Die Zehn Gebote bestehen aus zwei Teilen. Die ersten drei ½ Gebote beschäftigen sich ausschließlich mit Gott, während sich die anderen Gebote mit menschlichem Handeln auseinandersetzen. Dieser zweite Teil ist nicht wirklich neu – hier fassen die Zehn Gebote eigentlich nur zusammen, was die Ethik der Antike bereits kannte. Theologen gehen davon, dass der zweite Teil der Zehn Gebote auch deutlich älter ist, als der erste.

Und dieser erste Teil hat es in sich! [Lesen]

Das ist neu. Das gab es zur damaligen Zeit und noch lange Zeit später nicht. Gott hebt sich ab vom Establishment. Keine Bilder für Gott? In der Antike ein Tabu! Gott als einige, selbstbewusste Person?  In der Antike ein Tabu! Ein Gott, der nur ein ganz bestimmtes Volk erwählt? Das hat die antike Welt noch nicht gesehen!

Gott ist besonders, Gott sticht hervor – ich nenne das “Heilig”. Gott ist heilig.

Und weil dieser heilige Gott sein Volk erwählt hat… ist auch dieses Volk heilig.

Was mag bei diesen Worten in einem Israeliten vorgegangen sein? In Ägypten wurde er als Sklave wie ein wertloses Stück Dreck behandelt, geschlagen, herumgeschubst, in der Wüste können Räuber einfach über ihn herfallen, er hat keine Heimat und ist nirgendwo willkommen. Und jetzt sagt ihm dieser heilige Gott: “DU bist mir heilig!”

Wenn dir in deinem Leben weisgemacht wurde, dass du falsch oder wertlos bist, dann spricht Gott zu dir: “ICH bin der HEILIGE GOTT, der HERR, die HERRSCHERIN, dein Gott. Ich bin heilig – und du bist es mir auch!”

These 3: Heiligkeit verpflichtet

Jetzt haben wir die ersten Gebote aus der Schmuddelecke geholt – ich möchte aber auch die übrigen Gebote nicht dort stehen lassen. Gott selbst holt sie aus der Schmuddelecke raus.

Hast du dich schonmal gefragt, warum es im Doppelgebot der Liebe heißt: “Liebe Gott und liebe deinen Nächsten”?

Ganz einfach. Wenn ich zu deiner Freundin sage: “Ey du bist voll hässlich!” – dann wirst du davon nicht sonderlich angetan sein, denn du liebst deine Freundin.

Gott liebt dich. Gott ist heilig, und du bist Gott heilig. Wenn ich dich anlüge, dir Gewalt antue, dich verletze oder geringschätze, dann lege ich mich zwangsläufig mit Gott an. Wenn ich das geringschätze, was Gott heilig ist, dann schätze ich Gott selbst gering.

Das ist die zweite Hälfte der Zehn Gebote:  [Lesen]

Ich übersetze: “SEI NICHT DUMM!”

Gott liebt seine Menschen. Sei nicht dumm, indem du deine Eltern gnadenlos hasst!

Gott liebt seine Menschen. Sei nicht dumm, indem du einen davon ermordest!

Gott liebt seine Menschen. Sei nicht dumm, indem du einem davon das Herz brichst, weil du seinen Partner oder seine Partnerin angräbst.

Gott liebt seine Menschen. Sei nicht dumm, indem du einem davon das Portemonnaie stiehlst.

Gott liebt seine Menschen. Sei nicht dumm, indem du über einen davon lästerst oder Lügen erzählst.

Gott liebt seine Menschen. Sei nicht dumm, indem du eifersüchtig auf einen davon bist und ihm was böses wünschst.

Wen du liebst, dessen Gefühle bedeuten dir etwas. Gott liebt dich und wünscht sich von dir, dass dir diese Gefühle etwas bedeuten. Zehn Gebote.

AMEN.

Impuls

Kleine Übung.

Wir nehmen uns die Zehn Gebote und formulieren sie in Fragen um.

“Du sollst dir kein Bildnis machen”
⇒ “Wie kann ich Gott Raum geben, mich zu überraschen?”

“Du sollst deine Eltern ehren”
⇒ “Womit kann ich meine Eltern ehren?”

“Du sollst nicht Ehe brechen”
⇒ “Wie kann ich die Beziehungen anderer Menschen stärken?”

“Du sollst nicht falsch Zeugnis geben”
⇒ “Wie kann ich anderen helfen, aufrecht gehört und wahrgenommen zu werden?”

“Du sollst nicht morden”
⇒ “Wie kann ich Menschen das erhalten, was ihr Leben ausmacht? Wie kann ich Leben ermöglichen?”

 

 

Anmerkung zu “(Nur) 10 Gebote? Schlechtes Zeichen für eine Online-Auktion, gute Zeichen einer Aktion Gottes.

  • Christine Großer sagt:

    Gottes Gebote sind für mich wie ein Geländer.

    Ich kann mich ärgern, dass ein Geländer vorhanden ist und ich nicht noch weiter an den Abgrund steigen kann bzw. die Freiheit habe, doch das ganze „Gelände“ zu erforrschen weil da ja eben diese „Abgrenzung“ ist…

    Je äler ich werde, um so mehr lerne ich aber die „Sicherung“ schätzen!
    Gott, mein himmlischer Vater (wie gut das klingt, denn mein eigener ist so zeitig verstorben, dass ich ihn nie kennen lernen durfte) setzt mir Grenzen zum Schutz – er will mich vor Abstürzen behüten!
    Wie oft kann ich nicht abschätzen, wie gefährlich so mancher Weg tatsächlich ist und würde ohne so ein Geländer straucheln/abstürzen.

    Damit sind diese Gebote (Geländer) auch ein absolutes Zeichen seiner Liebe – so zumindest erlebe ich es immer wieder und werde dankbar darüber und reagiere nicht mehr erbost über „scheinbare Einschränkungen“ meines liebenden Vaters.

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