[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Nicht aufgeben, nicht übernehmen: Aufgaben übernehmen (wenn die Zeit reif ist – und wann nicht)

Predigt MCC Köln, 26. Jan. 2014
Ines-Paul Baumann

Mt 4,12-16: „Der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa“

„Meine Taufe“, „Selbstfindung“, „Nu war ich dran“: 2000 Jahre Kirchengeschichte haben uns ein reich gefülltes Album mit Bildern aus dem Leben Jesu hinterlassen. Heute geht es um das Bild, das fehlt: Die leere Stelle im Fotoalbum Jesu.

Es gibt Bilder von Johannes bei der Taufe Jesu. Es gibt jede Menge Bilder von der Versuchung Jesu in der Wüste. Von der Berufung der ersten Jünger in ihren Fischerbooten ebenso. Von der Enthauptung des Johannes gibt es dann auch wieder Bilder.

Aber ausgerechnet der ausschlaggebende Impuls für den Beginn von Jesu Wirken hat in den Bildergalerien der christlichen Kunst keinen nennenswerten Platz eingenommen. Es gibt nur diesen Text:

„Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. (…) Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (aus Mt 4,12-16; Einheitsübersetzung)

Anscheinend war die Gefangensetzung des Johannes nicht wichtig genug, um in Kunstwerken verewigt zu werden. Dabei war immerhin das der Punkt, an dem Jesus seine Zeit für gekommen hielt. Warum gerade jetzt?

Wenn Jesus gerade seine Ausbildung abgeschlossen und ein Zeugnis bekommen hätte, dass ihn nun des aktiven Dienstes für geeignet bescheinigt, hätte es sicher ein Abschlussfoto gegeben.
Wenn Jesus gerade ordiniert worden wäre, um ab sofort in den aktiven Dienst zu treten, hätte es sicher ein Foto der Feier gegeben.

Jesus hatte zu Beginn seines Wirkens weder Zeugnisse noch Titel. Beides mag wichtig sein, aber sie sind nicht unbedingt das einzige geeignete Zeichen dafür, wann die Zeit für jemanden gekommen ist. Wann die Zeit reif ist, hängt in der Berufungserzählung Jesu von zwei anderen Dingen ab: zum einen vom Prozess des/der Einzelnen selbst und zum anderen davon, was in ihrem/seinem Umfeld passiert.

Gute Zeichen, schlechte Zeichen?

Menschen in Gemeinden (und anderswo) sind oft sehr gut darin, BEI ANDEREN zu erkennen, WANN sie endlich mal WAS tun sollten.
Andere fühlen sich oft überrumpelt von dem ganzen Bedarf überall und springen guten Willens ein, obwohl es gerade gar nicht passt für sie.
Manche versuchen vielleicht, über Dienste und Aufgaben Anerkennung zu bekommen.
Manchen fällt es leichter, Mangel zu beklagen, den sie persönlich erleben, als den Mangel mit abzuschaffen, den ihr Nichtstun mit verursacht.
Manche trauen sich gar nicht erst zu, dass ihr Engagement wichtig und gewollt ist.
Manche sind unschlüssig, wie sie das Auf und Ab in so manchem Gemeindeleben verstehen sollen.

Wenn Gläubige unschlüssig sind, erhoffen sie sich oft ein Zeichen Gottes. „Bin ich auf dem richtigen Weg? War die Entscheidung, diesen Schritt zu gehen, richtig?“ Wenn dann etwas aus ihrer Sicht Gutes passiert, sehen sie darin eine Bestätigung ihres Wegs und ihrer Entscheidung: „Ein gutes Zeichen! Gott sagt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin! Ich mach weiter!“

In dem, was Jesus nach seiner Taufe miterleben musste, würden die meisten eher keine guten Zeichen erkennen.

Zunächst mal für ihn selbst nicht: Es beginnt eine Phase voller Versuchungen. In einer Selbstschau zwischen Selbsterforschung, Selbstzweifeln und Selbstbeweihräucherung muss er sich erst mal neu finden. Was sind das für unendliche Möglichkeiten, die sich ihm nun bieten! Was für eine Macht gibt es da zu entdecken! Was für eine Aussicht, die ganze Welt verändern zu können! „Wow, ich bin wer! – Moment mal, wer bin ich?…“

Und kaum kommt Jesus da heraus, neu sortiert in der Wahrnehmung seiner Wichtigkeit und den Möglichkeiten Gottes, vielleicht gerade um so intensiver mit der Frage beschäftigt, wohin sein Weg ihn nun führen soll, gerade da platzt diese Nachricht herein: Dein Weggefährte, dein Mentor, dein Begleiter, dein Unterstützer, dein Mitkämpfer, ausgerechnet diese wichtige Person, die so zentral war am Anfang deines Wegs, ausgerechnet diese Person ist gefangengenommen worden. Inhaftiert, aus dem Verkehr gezogen, am Ende.

War es vielleicht doch der falsche Weg? Wäre es für Jesus vielleicht besser, wie in seiner Kindheit wieder ins Ausland zu flüchten? Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis er selbst sonst der Nächste ist, dem es an den Kragen geht? Sollte er jetzt nicht besser aufgeben?

Der Blick von Christen auf Christus und auf die Jünger tut oft so, als seien die Berufungen Jesu und der ersten Jünger ganz selbstverständliche und klare Entscheidungen gewesen, getroffen voller Leichtigkeit angesichts der Gewissheit des Unterfangens. Und solange wir nicht dieselbe Leichtigkeit und Gewissheit spüren, halten wir uns lieber zurück mit unseren eigenen Entscheidungen, mit unserem eigenen Engagement, mit unserer eigenen Hingabe. Jesus und diese Entschiedenheit der Jünger, das ist doch weit weg von unserem Alltag.

Ich beobachte in unserer Gemeinde das Gegenteil. Was Jesus bei seiner Berufung erlebt, ist ganz nah an den Berufungen, die Menschen in der Gemeinde erleben.

Gottes Liebe annehmen und mich selbst wahrnehmen

Am Anfang steht oft diese initiale Erlebnis, wie es auch von der Taufe Jesus berichtet wird. „Gott sagt JA zu mir! Gott nimmt mich an, Gott liebt mich, nicht OBWOHL ich so bin, wie ich bin, sondern WEIL ich so bin, wie ich bin. Gott erträgt mich nicht nur in unendlicher Güte und Geduld, Gott hat Wohlgefallen an mir!“

Nun ist es vielleicht sehr menschlich, dass daraufhin nicht wie von selbst eine liebevolle Selbstannahme folgt und eine neue realistische Selbstfindung einsetzt. Manche scheinen erst mal geradezu wiedergutmachen zu müssen, was sie und andere ihnen so lange verweigert hatten – das eigene Selbst wahrzunehmen und anzunehmen kippt dann schon mal in eine Selbstbeschau und Selbstdarstellung, die nun auch nicht mehr wohltuend ist. Wenn sich die ganze Welt plötzlich NUR noch um mich dreht. Wenn ich alles und jeden nur noch nach meinen eigenen Maßstäben bewerte und dabei die einen extrem abwerte und andere extrem aufwerte. Wenn ich denke, ich bin der Mittelpunkt der Welt und alles muss meinen Bedürfnissen dienen und zu meinen Vorstellungen passen. Diese Phase ist anstrengend nicht nur für die Mitmenschen, sondern auch für sich selbst. Wie schön, wenn sie wie bei Jesus nur 40 Tage dauert ;)

Stattdessen ist es für uns eher ein lebenslanger Prozess, die eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten einschätzen zu lernen. Wie sonst sollen wir die eigene Wichtigkeit und die Möglichkeiten Gottes so verbinden lernen, dass wir Jesus auf heile und heilende Weise in seinem heiligen und heiligenden Dienst nachfolgen können?

Aufgaben übernehmen ohne mich zu übernehmen

Und dann passiert immer wieder das, was Jesus passiert ist: Du fühlst dich als gerade auf einem guten Wege, orientierst dich gerade neu, hast die schlimmsten Zweifel überwunden, kannst Gottes Liebe annehmen, ohne dich selbst zu übernehmen – und dann kommt ein „schlechtes Zeichen“. Irgendein Problem tritt auf. Irgendwas fehlt. Irgendjemand fällt aus. (Vielleicht fällst sogar du selber aus.)

Wundert euch nicht. Wenn wir als Gemeinde in der Nachfolge Jesu stehen, stehen wir auch mit unseren Berufungsgeschichten in der Nachfolge Jesu: von der Zusage der Liebe Gottes über die Fragen nach unserem Selbst bis hin zu solchen Krisenmomenten – wenn auch nie so schön nacheinander, wie es für Jesus geschildert wird. Bei uns greifen alle drei Aspekte immer wieder ineinander:

  • (Nachfolge im Tauferlebnis Jesu:)
    Menschen in der MCC (und in anderen Gemeinden glücklicherweise auch) erfahren, dass Gott sie nicht bloß „erträgt“, sondern Wohlgefallen an ihnen hat.
  • (Nachfolge in der Versuchung Jesu:)
    Menschen in der MCC erfahren manchmal die schlimmsten Momente der Selbstfindung zwischen Selbsterniedrigung und Selbsterhöhung. Sie lernen, ihre Macht und ihre Möglichkeiten im Lichte Gottes in den Dienst anderer zu stellen.
  • (Nachfolge im Dienst Jesu zum gekommenen Zeitpunkt:)
    In einer gesunden MCC sollte es immer wieder genug Menschen geben, die eine Aufgabe übernehmen, damit andere nicht einfach nur der Not zu gehorchen müssen, sondern abwarten können, bis ihre Zeit gekommen ist.
    Wenn es so weit ist, sollten wir einander Mut machen, nicht nur das Bestehende aufzugreifen, sondern uns selber einzubringen und dadurch auch Veränderungen mitzugestalten.

Was von den Anfängen Jesu in so klarer und dichter Reihenfolge berichtet wird, gestaltet sich für uns immer wieder neu. Wir gehen nicht mal eben die drei Schritte und sind dann angekommen (also „fertig für die Aufgaben“). Die Jahre Jesu mit dem Zwölferkreis machen das deutlich. Die Fragen und die Aufgaben, die sich im Umgang mit Jesus stellen, befruchten sich gegenseitig:

  • „Gilt die Liebe Gottes wirklich allen und bedingungslos??“
  • „Wer ist der Höchste unter uns?“  („So sollt ihr nicht denken!“)
  • Aufgaben übernehmen, wenn Jesus und der Bedarf anderer dazu aufrufen.

Wann ich dran bin (und wann nicht)

Auch im Gemeindeleben sollte also immer für alle drei Aspekte genug Raum sein:

  • sich als von Gott geliebt zu erfahren,
  • Zeiten der Selbstfindung miteinander auszuhalten,
  • und Aufgaben zu übernehmen, wenn die Zeit dafür dran ist.

Wenn eines davon zu kurz kommt, steht das Engagement von Menschen auf fragwürdigen und wackeligen Füßen!

  • Was können Menschen für sich und andere anrichten, wenn sie Aufgaben wahrnehmen, ohne von der Liebe Gottes für sich und ihre Mitmenschen zu wissen!
  • Was können Menschen anrichten, die nie Phasen der Selbstzweifel hatten, die weder die Versuchung der Selbsterniedrigung noch der Selbsterhöhung kennen, die nie gelernt haben, sich und die Möglichkeiten Gottes einschätzen zu lernen!
  • Und was haben Menschen nicht schon dadurch für Schaden angerichtet, dass sie den richtigen Zeitpunkt nicht erkennen konnten! Sich zu früh reinzudrängen kann genau so fatal sein wie im entscheidenden Moment den Ruf zu ignorieren.

Es ist sicher kein Zufall, dass in dem Fotoalbum Jesu ausgerechnet dieser entscheidende Auslöser fehlt, an dem die Zeit für Jesus reif war. Immerhin ist es tatsächlich ein Moment, den oft kein Mensch wirklich von außen bestimmen kann. Was für den einen der richtige Auslöser zum Handeln ist, wäre für die andere gerade der falsche Impuls.

So gerne wir auch meinen, wir wüssten von außen, wer nicht alles endlich mal was für welche Aufgaben übernehmen sollte – was wirklich gerade dran ist, hängt entscheidend davon ab, welchen Aspekt deiner Berufung Gott dir gerade anbietet.

Hilfreicher als der Blick auf andere ist der Blick auf uns selbst. Nimm dir ein bisschen Zeit und schau einfach mal bei dir nach, welche Aspekte der Berufung Gott dir gerade anbietet:

  • Ist es für dich gerade am wichtigsten zu entdecken, dass Gott Wohlgefallen an dir hat?
    (Dann solltest du vielleicht besser darauf verzichten, dir das Wohlgefallen durch Leistung zu erarbeiten. Was könnte stattdessen geeigneter sein, das Wohlgefallen Gottes für dich erfahrbar zu machen?)
  • Ist es für dich gerade am wichtigsten, in neuer Selbstfindung deine Wichtigkeit und die Möglichkeiten Gottes miteinander zu verbinden und in den Dienst an anderen stellen zu lernen?
    (Dann solltest du vielleicht besser auf Dienste verzichten, die der Wichtigkeit von dir selbst und deinen Meinungen dienen sollen. Welche Erfahrungen würden dir tatsächlich weiterhelfen um zu erkennen, wer du bist, wie wichtig und wie unwichtig du bist, wenn dein Leben anderen die Nähe des Himmelreich verkünden soll?)
  • Hast du gerade „schlechte Zeichen“ mitbekommen, die darauf hinweisen, dass der Weg nicht ohne dich weitergehen kann, den du selbst als wichtig erlebt und kennengelernt hast?
    (Dann solltest du durchaus den Schritt gehen und diese Arbeit nicht nur einfach fortführen, sondern durch dein eigenes Engagement auch Veränderungen einbringen.)
  • Und falls du der Ansicht bist, in all dem gerade vollkommen im Reinen und Klaren mit dir und Gott zu sein, dann bete jetzt einfach eine Runde für all jene, die genau jetzt eine Zusage von Gottes Wohlgefallen brauchen, inmitten ihrer Selbstfindung stecken oder sich gerade an neue Aufgaben in der Nachfolge Jesu wagen.

„Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein großes Licht. Und für alle, die im finsteren Land des Todes wohnen, leuchtet ein Licht auf!“

 

 

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