[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Weder fehlende noch falsche Mittel können Jesus davon abhalten, Heil zuzusagen und zu verwirklichen.

Predigt MCC Köln, 24. Nov. 2013
Ines-Paul Baumann

Lk 23,32-43

Dieser mittellose Jesus um Kreuz passt nicht so recht in unsere Zeit, in der Mittel so oft im Mittelpunkt stehen: Manpower, Ressourcen, Einflussmöglichkeiten… Mittel können Machtmittel sein, auch für und in Kirchen.

Der mitgekreuzigte Verbrecher damals aber kann sich nur an Jesus am Kreuz wenden; er hatte gar keine Wahl.

Jesus am Kreuz – ein schwieriger, ein umstrittener Anblick. Auch für viele Glaubende. Jesus ist doch auferstanden! Seine Hinrichtung am Kreuz, das war doch nur eine Übergangsphase, ein Mittel zum Zweck, nichts von eigenem Wert!

Nun dürfte sowohl bei den Gegnern als auch den Verfechtern von den Kreuzen mit dem Gekreuzigten der eigene Bezug zum Leid oft ausschlaggebender sein als alle vorgetragenen Glaubensargumente. Der Umgang mit Leid ist schwierig, und wo die einen dazu neigen, es zu verdrängen, gibt es auch andere, die sich davon schon wieder auf ungesunde Weise angesprochen fühlen.

„Menschen begegnen, Christus erleben, Community gestalten“ haben wir uns als MCC Köln auf die Fahnen geschrieben, und wir tun so einiges, um dem Gestalt zu verleihen. Wir investieren Zeit und Geld. Wir freuen uns über Bündnisse. Über Anerkennung als Erfolg unserer Arbeit und als gute Grundlage für weitere Entwicklungen. In all dem, so sind wir gewiss, können wir Gottes Wirken wahrnehmen und mitgestalten.

Und nun hängt da Jesus am Kreuz, und er hat so gar nichts von all dem, was uns immer so wirksam zu machen scheint. Alle Möglichkeiten und Mittel, irgendetwas zum Guten zu wenden, auf die wir sonst zurückgreifen als Einzelne und als Kirchen, stehen Jesus am Kreuz nicht zur Verfügung:

– Probleme anpacken, Tatendrang und Action, für die man Hände und Füße braucht? Wie soll mensch sonst etwas wenden, sich und andere retten können? Keine Chance, Hände und Füße waren festgenagelt, auch mit noch so viel Tatendrang war hier nix mehr zu holen.

– Politische Macht und Einflussnahme? Für Kirchen und Religionen immer wieder eine wichtige Frage. Religionsunterricht, Sendezeiten, Symbole in Schulen und Gerichten, Feiertage und ihre Benennung, religiöse Erziehung, Verbände, Parteien, Gesetze zu Familienbild und Homoehe,… Jesus hatte zu keinem Zeitpunkt seines Lebens politische Machtoptionen angestrebt oder genutzt; und hier am Kreuz schon gar nicht mehr.

– Wenigstens Autorität, ein Umfeld der Andacht, des Respekts, der Stille? Wie viel Einfluss erlauben Menschen einem, den sie respektieren! Den sie achten, dem sie gerne zuhören, der mit Worten und mit ihrer Ausstrahlung ihr Innerstes berührt! Hier am Kreuz aber hängt kein geachteter geistlicher Führer, von dem die Menschen in seiner letzten Stunde noch eine weise Offenbarung erwarten. Hier hängt einer, der begafft wird, der ausgelacht wird, mit dem Spott getrieben wird. Das ist nicht der geachtete geistliche Weise, das ist der wehrlose Außenseiter, mit dem Späße getrieben werden. Geistliche Autorität gleich Null.

– Naja, aber es war doch Jesus! Der hatte sich doch einen Namen gemacht, alle wussten, wer er ist, sowas zählt doch bis zum Schluss! Die mit den größten Namen und Titeln haben die größten Todesanzeigen in unseren Zeitungen! Namen und Titel stellen etwas dar und verlieren ihre Bedeutung nicht! Auch wenn der Papst im Sterbebett liegt, ist er immer noch Papst! (Zumindest war das so, bis der Revolutionär aus Deutschland kam – und wieder ging, allerdings in die Residenz und nicht ins Paradies.) Päpste gab es zu Jesu Zeiten nicht, aber der Titel an Jesu Kreuz war auch kein kleiner Fisch: KÖNIG stand da. „König der Juden“. Toller König! Im Judentum seiner Zeit war Jesus das Gegenteil von einem König. Von einem König haben Menschen damals politische und militärische Macht über Menschen und Länder gekannt. Nein, hier hing kein König am Kreuz. Hier hing der, der mit den Fressern und Säufern zusammen gewesen war, mit den Kranken und Ausgestoßenen, mit den Verhassten und Verachteten. Ein König, ein Messias, ein Auserwählter? Die Namen und Titel, die sie ihm gaben, waren ihnen nur noch mehr Anlass, ihren Hohn und ihren Spott über ihm auszugießen.

Jesus ist gerade weit weg von allen Ressourcen und Möglichkeiten. Und genau an diesen so hilflosen und mittellosen Jesus wendet sich nun der Verbrecher und sagt: „Bitte, Jesus, denk an mich, wenn du in dein Land kommst“.

Kein schlechter Anfang, würde er damit heuzutage an eine Gemeinde herantreten. Je nach Gemeindekultur würde jetzt das passende Programm beginnen: Übergabegebet. Schuld bekennen, um Vergebung bitten. Drei Ave Maria und den Rosenkranz. Glaubensgrundkurs. Taufe. Kirchenbeitritt. Abendmahl. Ab sofort ein guter Mensch sein. Wenn er alles richtig gemacht hat und es ernst genug gemeint hat, darf er sich ab sofort darauf freuen, vor dem Jüngsten Gericht zumindest nicht gänzlich durchzufallen. Halleluja, da bebt das Lebensgefühl vor Freude.

Der Verbrecher weiß nichts von diesen christlichen Regeln. Er bittet nicht um Vergebung. Er spricht kein Glaubensbekenntnis. Und entweder weiß er auch nichts vom Himmel, in den sich die Christen retten (lassen) wollen, oder er schert sich nicht drum, oder er rechnet gar nicht erst mit der Chance, dort Aufnahme zu finden. Jedenfalls sagt er einfach nur: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“

Immer wieder kommen Menschen auch auf uns so zu.
„Bitte denkt an mich in euren Fürbitten, wenn ihr am Sonntag Gottesdienst habt.“
„Denkst du die Woche mal an mich, wenn du betest?“

Ich war in Gemeinden, da waren solche Bitten gern gesehen – als der Anfang der nun bald zu erwartenden Bekehrung. Heute prüfe ich nicht mehr, ob der Mensch schon weit genug ist in seinem Glauben, um auf die Erfüllung seiner Anliegen hoffen zu können. Ich glaube, dass die Reaktion und die Zusage Jesu dem Verbrecher gegenüber eine Verheißung enthält, die stärker und wichtiger ist als alle Mächte und Kirchenregeln dieser Welt:

Mit dem Tod ist das Leben nicht zu Ende. Jesus denkt an mich und nimmt mich mit in sein Land, ins Paradies. Machtvolle Demonstrationen von Glaubenswundern sind dazu nicht nötig, weder von Jesus noch von mir. Selbst wenn ich resigniere und auf nichts mehr hoffe und verinnerlicht habe, nichts Gutes mehr verdient zu haben: Was Jesus mir frei von allen Mächten der Welt gibt, kann mir auch keine Macht der Welt mehr nehmen. Existenzsorgen? Ängste? Kein Job, keine Beziehung, keine Anerkennung, kein Lob von anderen? Was wollt ihr, Jesus denkt an mich und nimmt mich mit in sein Land, ins Paradies!

Dieses Land Jesu ist nicht erst nach dem Tod zugänglich. Überall, wo Jesus auch schon vor seinem Tod aufgetaucht ist, hat er gesagt: „Seht her, das Reich Gottes ist nahe, ich bin bei euch!“ Und auch nach seinem Tod haben das die Gläubigen weitergeführt: Wir sind Bürger des Himmels und nur Gast auf Erden, nichts kann uns mehr trennen von Gottes Liebe – also auch dieses Leben nicht, in diesem Körper, mit diesen Sorgen, mit diesen Problemen, mit diesem Leiden, nichts! Jesus denkt an mich, also bin ich jetzt schon in seinem Land!

Was also brauchen wir, um Heil, Heilung und Heiligung in unserer Welt zu erleben und zu gestalten? Geld, Ressourcen, Manpower, Einfluss? Kann alles nützlich sein. Aber auch, als Jesus nichts davon hatte, konnte ihn das nicht davon abhalten, den Leidenden neben ihm der Nähe Gottes zu versichern.

Welche Mittel also brauchen wir als Kirchen, um dasselbe zu tun? Vielleicht schlichtweg gar  nicht mehr als dieser Jesus am Kreuz: Keine Debatten, keine Überzeugungsversuche, keine Einflussnahme, keine beeindruckenden Szenarien, sondern einfach nur: (dem Nächsten) zuhören und (Gottes Nähe) zusagen.

Weder fehlende noch falsche Mittel können Jesus davon abhalten, Heil zuzusagen und zu verwirklichen. Wenn ich oder wir als Gemeinde oder als Kirchen oder als Religionen sicher oft Mist verzapfen und die Namen und Titel, die wir Gott geben, so daneben liegen wie bei seiner Kreuzigung… – was Jesus damals nicht abgehalten hat davon, Gutes zu tun, kann ihn heute auch nicht davon abhalten, Gutes zu tun.

Die Macht Jesu liegt schon in unseren unausgesprochenen Sehnsüchten, in unseren zögerlichen Bitten, und in seinem Denken und Gedenken. Ganz ohne weltliche Mittel, inmitten von Leere und Aussichtslosigkeit ist Jesus einfach nur da, hört zu, und sagt Heil zu.

Ist das unser Selbstverständnis von Gottes Möglichkeiten? Oder messen wir Gottes Wirken auch an der Menge der Wunder, der Gottesdienstbesuchenden, der Höhe der Kollekteneinnahmen, unserer Würdigung in der Öffentlichkeit? Wen interessiert das auf der Suche nach Gott, nach Versöhnung, nach Vergebung? Interessiert das wirklich irgendeinen Menschen, der sich einfach nur wünscht, das Gott an ihn denkt?

OK, NSA und Google und Apple und Facebook denken auch dauernd an mich.
Mein Arbeitgeber und die Werbeagentur denken auch dauernd an mich.
Verfechter traditioneller Rollenmuster innerhalb und außerhalb von religiösen Glaubensgemeinschaften denken auch dauernd an mich.
Aber will ich da hin, wo sie mit mir hinwollen?

Wenn Jesus selbst einen Verbrecher allein deswegen mit ins Paradies nimmt, weil der ihn bittet, an ihn zu denken – wo bringen meine Gedanken mich und meine Mitmenschen hin? Denke ich im Namen Jesu? Wohin nehme ich sie mit, wen sehe ich in ihnen, was mache ich aus ihnen?

Stelle ich mich auf die Seite der Auslachenden? Jesus wurde ausgelacht, hat aber nie ausgelacht. Selbst in der Situation, in der er ausgelacht wird, nimmt er den Menschen an seiner Seite wahr und sieht ihn schon mit sich im Paradies.
Stelle ich mich auf die Seite der Spötter? Jesus wurde verspottet, hat aber nie verspottet. Selbst in der Situation, in der er verspottet wird, nimmt er den Menschen an seiner Seite wahr und sieht ihn schon mit sich im Paradies.

Auslachen, Spott, Medienhetze, Shitstorm, … Gruppenzwang, Öffentlichkeit und Anonymität machen Menschen zu Tätern und zu Opfern. Jesus nimmt beide Seiten nicht an.

Seine Macht liegt nicht im Ausüben oder Abwehren von Gewalt, Kraft und Einfluss: Seine Macht liegt darin, dass wir ihn bitten können, an uns zu denken.

Nur dafür sind Gottesdienste so wichtig, unser Gebetsleben, unsere Kenntnis des Wirkens Jesu. Nicht, um Macht auszuüben. Nicht, um Gott zu beeindrucken oder zu beeinflussen. Sondern damit wir uns daran erinnern, dass Jesus an uns denkt – und dass das reicht.

Jesus nimmt mich mit. Er bereitet einen Platz für mich. Es gibt einen Ort, wo ich sein darf: Bei Gott. In Gott. Nicht erst in Ewigkeit, auch heute schon.

Auch wenn wir manchmal nur sehen, was vor Augen ist – Spott, Gewalt, Tatenlosigkeit, völlig unpassende Gottesnamen, Verbrecher am selben Ort wie der Sohn Gottes: Jesus sieht uns schon in seinem Land.

Keine Macht der Welt kann dich daran hindern, Jesus darum zu bitten. Und die Zusage Jesu gilt auch dir: Du wirst mit ihm im Paradies sein. Und es gibt keine Macht der Welt, die dir das nehmen kann.

 

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