[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Mehr Widersprüche. Mehr Freiraum.

Predigt MCC Köln, 26. Juli 2015
Daniel Großer

Matthäus 5, 13-16: Salz der Erde, Licht der Welt

Diese Verse aus der Bergpredigt, in denen Jesus seine Jünger und Jüngerinnen mit Salz und Licht vergleicht, sind reichlich ausgereizt und den meisten Christinnen und Christen gut bekannt.

Leider wirken beide Vergleiche auch nicht sonderlich klug. Da ist zum einen das Salz. Salz ist eine wunderbare Sache, es ist als natürlicher Geschmacksverstärker das eigentliche Geheimnis in kräftigen Suppen, aber auch in süßen Kuchen. Was sonst nur mittelmäßig bis fade schmeckt, entfaltet durch Salz sein besonderes Aroma. Nudeln ohne Salz, undenkbar.
Salz verbessert das, was schon da ist, und potenziert seinen Geschmack. Wenn Jesus seine Zuhörer nun mit dem Salz vergleicht, meint er dann damit, dass die Welt um sie herum eigentlich ganz lecker wäre, wenn man ihren Geschmack etwas verstärkt? Das muss wohl so sein, denn warum sollte man etwas würzen, was gar nicht schmackhaft und gut ist! Es ist, als würde Gott seinen riesigen langen Zeigefinger in die Suppe unserer Welt tauchen, ihren Geschmack verkosten, und dann sagen: “Schon ganz gut, aber mit ein paar Gotteskindern wäre es noch besser!”
An dieser Stelle beginnt der Vergleich schon zu wanken.
Es beginnt damit, dass die Bibel über weite Strecken damit beschäftigt ist, die Boshaftigkeit der Welt zu schildern. Auch Jesus bereitet an anderer Stelle seine Jüngerinnen und Jünger auf eine geschmacklose und bittere Welt vor. Es ist verwirrend, wenn er nun ein Gleichnis wählt, in dem der Geschmack eben dieser Welt verstärkt und verfeinert wird.
Genauso verwirrend ist der Vergleich mit dem Salz, weil das Salz überhaupt keinen Einfluss auf seine Eigenschaften hat. Salz kann nicht morgens aus dem Bett steigen und sich vornehmen: “Heute bin ich besonders salzig!” oder “Heute bin ich fade!” Es ist die Natur des Salzes, salzig zu sein, es kann nichts dagegen und nichts dafür tun. Wieso aber warnt Jesus seine Menschen dann vor dem, was passiert, wenn das Salz nicht mehr salzt? So etwas passiert schließlich nur dann, wenn das Salz nicht eingesetzt wird oder falsch gelagert wird. Und wer ist dafür verantwortlich? Der Koch! Und wer mag das nun sonst sein, als Gott selbst? Jesus mahnt an, dass das Salz von den Leuten zertreten würde – eine schreckliche Vorstellung, wenn die eigentliche Schuld beim Koch zu suchen ist.
Noch ein dritter Aspekt am Vergleich mit dem Salz ist störend: Es ist tödlich. Wer einen Teller voller Salz aufessen wollte, würde sich recht bald übergeben, sich kräftig verschlucken, oder in letzter Instanz zu Tode vertrocknen. Salz entfaltet seine Wirkung in sehr geringen Mengen – in hoher Dosis ist es todbringend. Wenn Jesus seine Nachfolgerinnen und Nachfolger mit Salz vergleicht, will er dann damit auch zum Ausdruck bringen, dass es ja nicht zu viele von ihnen geben solle, weil sonst die Welt vergiftet wird? Wie soll das passen zu einem Gott, der für sich den Anspruch erhebt, für alle Menschen da zu sein?

Nicht viel besser sieht es mit dem Vergleich des Lichtes aus. Licht ist eine wunderbare Sache. Schon das blasse Sternenlicht genügt, um den Weg unter den Füßen zu erahnen, Licht macht Mut, Licht kann Aufmerksamkeit an die richtigen Stellen lenken, Licht kann die Stimmung anheben, Gefahren sichtbar machen, Stahl zerschneiden und Blumen und Pflanzen nach einem dunklen Winter hervorbringen. Ein Leben ohne Licht – undenkbar.
Licht macht unsichtbares sichtbar. Wenn Jesus seine Jünger nun mit Licht vergleicht, meint er, dass das, was dann von der Welt zu sehen ist, schön und sehenswert ist? (Ich käme jedenfalls nicht auf den Gedanken, im Zimmer eines Vierzehnjährigen das Licht anzumachen, wer weiß was da alles sichtbar würde? Dann doch lieber Dunkelheit…) Eine Welt, die nicht sehenswert ist, muss nicht beleuchtet werden. Ausgerechnet in den Versen vor dem Licht-Vergleich machen die Seligpreisungen aber nicht allzuviel Freude an dieser Welt, sie verorten das wirkliche und sehenswerte Leben in Gottes Realität, womöglich im Jenseits oder sonstwie fern dieser Welt. Wozu dann diese Welt beleuchten?
Außerdem ist – wie schon beim Salz – auch das Licht in keinster Weise für seine Eigenschaften verantwortlich. Licht leuchtet nicht aus sich heraus, es benötigt eine Quelle. So bald es aus dieser Quelle hervorgegangen ist, kann es weder seine Leuchtstärke, noch seine Farbe, noch seine Richtung ändern. Es treibt praktisch willenlos durch den Äther, bis es von irgendeinem Gegenstand absorbiert oder reflektiert wird. Da nun aber das Licht wenig dafür kann, dass es Licht ist, wieso mahnt Jesus dann das Gleichnis vom Licht unter dem Scheffel an? Ein Licht unter den Scheffel stellen, das macht schließlich nicht das Licht, oder gar die Kerze: der Hausherr tut es. Es erübrigt sich die Antwort auf die Frage, wer der Hausherr sein könnte.
Wie auch das Salz, so hinkt auch der Licht-Vergleich an einer weiteren Stelle: Was wäre, wenn wir alle Licht wären? Jeder und jede, die schon mal in einen Bühnenscheinwerfer oder direkt gegen die Sonne geschaut hat, kann diese Frage beantworten: Man sieht nichts mehr. Schatten und Beleuchtungsunterschiede sind unfassbar wichtig, damit man Form, Kontur, Farbe, Bewegung und Beschaffenheit von Gegenständen mit den Augen wahrnehmen kann. Eine Welt, in der alles Licht ist, ist gewisslich grell – aber nicht schön. Meint Jesus, dass diese Welt möglichst viele dunkle Flecken braucht, damit das Licht besser zu Geltung kommt?

Die Vergleiche von Salz und Licht lassen uns über vieles im Unklaren. Welchen Aspekt sollen diese Gleichnisse hervorheben? Inwiefern sind wir in diesen Vergleichen verkörpert? Inwiefern ist Gott in diesen Vergleichen verkörpert? Was können wir aus den Gleichnissen lernen über unsere Zielsetzung, über Gottes Gedanken an uns?

Moslems verwehren sich strikt dagegen, Gott in Bildern zu fassen, und seien es Sinnbilder. Die Bibel hingegen ist voll von Sinnbildern und Gleichnissen, so auch das Gleichnis von Salz und Licht. Wie kleine Mosaiksteinchen setzen diese Gleichnisse uns einen Eindruck von Gottes Wesen zusammen. Und wie ein Mosaiksteinchen könnten die Gleichnisse auch in ganz andere Zusammenhänge gebracht werden, um uns ein Gottesbild zu zeigen. Die Bibel wartet in ihren Gleichnissen oft nicht mit einfachen oder gar eindeutigen Antworten auf. Wir können die Bildnisse, Parabeln und Vergleiche von unterschiedlichen Seiten betrachten, und kommen dabei auf neue Gedanken – und auf neue Widersprüche. In dieser Schwebe entsteht für uns Freiraum, gute Gottesbilder zu sammeln, und zerstörende Gottesbilder aufzubrechen. In dieser Schwebe entsteht für uns auch Freiraum, unser eigenes Dasein einzuordnen, zerstörende Selbstbilder aufzubrechen.

Ich kann es z.B. durchaus befreiend finden, dass das Salz nicht selbst für seine Salzigkeit sorgen muss, und dass das Licht nicht aus sich selbst heraus leuchten muss – so stelle ich mir natürliches, authentisches Glaubensleben vor, das ohne Druck auskommt.

Es ist, als würde Gott es geradezu genießen, uns immer wieder neu ins Fragen und Suchen zu entlassen, damit wir uns nicht auf ein Bild von ihr einschießen – und auch nicht auf ein Bild von uns. Jesu Gleichnisse durchbrechen unsere Einfalt und unsere schmalspurigen Gedanken, fordern uns immer wieder zum Neustart auf.

Seid ihr bereit für ein Experiment? Nehmen wir uns die Gleichnisse von Salz und Licht wieder her und vergessen wir das, was wir in den vergangenen Minuten gehört haben. Wir werden gleich verschiedene Worte und Aspekte aus den Gleichnissen an die Wand projiziert bekommen, sowie auf Papier gedruckt mit Stiften zum Verbinden, Durchstreichen, Notieren.

Ich lade euch ein, die Bauteile der Gleichnisse heute in die Zusammenhänge zu bringen, die Gott euch zeigt. Wen erkennt ihr heute in den jeweiligen Rollen, wen habt ihr früher darin erkannt, welche Rollenzuordnung erscheint euch vollkommen abwegig? Könnte Gott z.B. auch das Salz sein? Was macht das mit dem Gleichnis? Vielleicht möchtet ihr auch ein eigenes Gleichnis aufstellen?
Diese Minuten gehören euren Gedanken und dem, was Gott euch dazu gibt.

AMEN.

Der Gleichnis-Bastelbogen

Wen kannst du in welchen Rollen erkennen? Was findest du gut daran, was wirkt auf dich bedrohlich? Welches Selbstbild spricht aus dem Gleichnis zu dir? Welches Gottesbild spricht aus dem Gleichnis zu dir?

Küche
Koch/Köchin
Straße
(Wohl-)Geschmack
Würzigkeit
Zertreten-Werden
Dosierung
Wert
Nahrung
Gott
Jesus
Ich
Mein Leben
Meine Freunde
Meine Feinde
Dunkelheit
Lichtquelle
Lampenständer
Stadt auf dem Berg
Scheffel
Gute Taten
HausherrIn
Helligkeit
Gesehen Werden

Gebet

Gott, du hast uns berufen, das Salz der Erde zu sein.
Hilf uns, dieser geschmacklosen Welt Geschmack zu verleihen.
Lehre uns Freundlichkeit, Gnade, Sanftmut, Aufrichtigkeit und Liebe.
Lass uns nicht verzagen vor Fremdenhass, Egoismus und Gleichgültigkeit.

Gott, du hast uns berufen, das Salz der Erde zu sein.
Setze du uns ein, wo wir gebraucht werden.
Zeige uns als Gemeinde, welche Berufung du für uns bereit hast.
Zeige jedem und jeder von uns die Räume, in denen du unsere Gaben empfangen willst.

Gott, du hast uns berufen, das Salz der Erde zu sein.
Lass uns nicht unsere Salzigkeit verlieren.
Wo unser Glaube müde wird, wecke uns auf.
Wo wir uns mit falschen Antworten begnügt haben, mach uns hellhörig.
Wo wir uns verausgabt haben, hilf uns.

Gott, du hast uns berufen, das Licht der Welt zu sein.
Stelle uns nicht unter den Scheffel, sondern auf auf die Leuchte.
Lass uns nicht verzagen an den Stimmen des Selbstzweifels und der Machtlosigkeit.
Gib unserem Glauben Freude und Mut, der andere Menschen stärkt.

Gott, du hast uns berufen, das Licht der Welt zu sein.
Lass uns in die richtige Richtung leuchten.
Hilf uns, aufzudecken, wo wir uns in Dunkelheit verstrickt haben.
Hilf uns, falsche Gottes- und Menschbilder zu erkennen und ihnen deine Liebe entgegen zu setzen.

Gott, du hast uns berufen, das Licht der Welt zu sein.
Gib unserem Leuchten Kraft.
Schenke uns Kraft zu Vergeben, zu Lieben, zu Trösten.
Gib uns Mut für die Wege, die du für uns vorbereitet hast. Wir wollen sie gehen.

Gott, du hast uns berufen, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.
Wir wollen uns dieser Berufung stellen.
Wirke das Deine in uns.

AMEN

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