[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

(Nicht-)Glauben: Mehr eine Frage der Umstände als der Entscheidung?

Predigt MCC Köln 31. Jan. 2016
Ines-Paul Baumann

Markus 4,1-20 / Matthäus 13,1-23 / Lukas 8,4-15:
„Das Gleichnis vom Sämann / vom vierfachen Acker“

„Und als die Sonne aufging, wurde es versengt.“ (Markus 4,6)

Dies ist vielleicht der „seelsorgerlichste“ Satz in dem ganzen Gleichnis. Jesu Blick auf die Erfahrungen der Menschen hält auch solchen Erfahrungen stand, die anders laufen als gewünscht oder erwartet. „Da ging die Sonne auf“, das ist meistens eine Erfahrung von Glück, Wärme, Erfüllung. Wo die Sonne aufgeht, geht das Leben auf. Hier aber führt die aufgehende Sonne zu einer Erfahrung von Leid und Verlust.
Hier geht Leben nicht auf, hier geht Leben verloren.
Hier grünt Hoffnung nicht, hier erstirbt Hoffnung.
Hier werden Gaben nicht entfaltet, hier verkümmern sie.
Hier blüht jemand nicht auf, hier geht jemand ein.
Der Ruf Gottes ins Leben, das Reich Gottes selbst, kommt hier nicht zum Ziel. Es wird versengt ausgerechnet von der Energiequelle, ohne die es kein Leben auf Erden geben würde. Statt ein Quell von Freude wird die Sonne hier zu einem Quell des Leids.

Und es nützt überhaupt nichts, sich danebenzustellen und aufzuzählen, wie oft die Sonne doch anderen Gutes getan hat. HIER trägt sie NICHT zu einem guten Ende bei, sondern führt zum Ende.

Jesus kann das anerkennen. Er redet es nicht schön. Er redet es nicht klein. Er redet es nicht glatt. Er weiß um solche Erfahrungen, er benennt sie, er findet Worte für sie. Und er kann sie stehenlassen.

Dass es auch die freudigeren Erfahrungen gibt, wo Samen aufgehen und vielfache Frucht bringen, steht bei Jesus nicht ÜBER der Erfahrung, dass das nicht immer so ist. Beide Erfahrungen stehen NEBENeinander. Beide sind Teil der menschlichen Erfahrungen mit den Gottesworten, die in unserem Leben gesät werden.

Welche Erfahrungen sich entwickeln, hängt im Gleichnis von mehreren Umständen ab – und davon, wie diese Umstände aufeinandertreffen. Das eine Mal versengt die Sonne die zarte Pflanze – das andere Mal könnte die Pflanze aber ohne Sonne nicht wachsen.

Der Sämann kann weder das eine noch das andere „entscheiden“. Weder über die Beschaffenheit des Bodens noch über das Aufgehen der Sonne entscheidet er. Ob der Same wächst oder nicht, liegt einzig und allein am Aufeinandertreffen der Umstände.

Das Einzige, was der Sämann beeinflussen könnte, ist die Auswahl bei der Aussaat: Er könnte den Samen „gezielter“ streuen. Er könnte nur da säen, wo es sich „lohnt“. Wo Aussicht auf Erfolg besteht. Wo sich der Boden bewährt hat. Aber genau das tut der Sämann nicht. Er schränkt nicht schon vor vornherein ein. Er trifft keine Vorauswahl.

Mir ist ehrlich gesagt nicht ganz klar, wer, was oder wo Gott selbst in diesem Gleichnis sein soll. Aber einen Gott, der auswählt und vorherbestimmt und verwirft, kann ich hier nirgends erkennen.

Ob Glaube wachsen kann oder nicht, ist hier nicht ein Ergebnis von „Entscheidungen“. Hier fehlt sowohl ein Gott, die „entscheidet“ – hier fehlen aber auch Menschen, die „sich entscheiden“. Keiner der Böden entscheidet über seine Beschaffenheit. Und kein Boden kann sich dafür entscheiden, dass nun etwas auf ihm wachsen soll (oder nicht!). Entweder es passt (und es wächst etwas), oder es passt nicht (und nichts wächst).

Ob es passt oder nicht, wird hier immer als ein Zusammenspiel mehrerer Umstände geschildert. Du bist nicht an sich ein „guter“ oder ein „schlechter“ Acker – du bist schlichtweg nicht „der Acker“ an sich. Dieser Acker ist vielmehr der Boden, auf dem dein eigenes Leben sich erst mal entwickelt.

Der Acker ist Teil (!) deiner Lebensumstände. Dazu kommen dann Vögel, Sonne, Dornen … auch das alles „ganz natürliche“ Vorgänge. Auch davon ist nichts an sich „gut“ oder „schlecht“. In einem günstigen Zusammenspiel sind sie alle Teil eines blühenden Lebens. Im ungünstigen Fall kommen sie so zusammen, dass der Ruf ins Leben in einer Erfahrung des Nichts endet.

Nicht DU bist also „gut genug“ oder „zu schlecht“, um zu den Glaubenden zu gehören. Sondern ob du glauben kannst oder nicht, wird vor dem Hintergrund deines Lebens verständlich. Nicht als Belohnung oder Strafe Gotes, sondern als nachvollziehbare Folge deiner Lebensumstände.

Jesus sieht und anerkennt die Lebensgeschichten und Lebenseinstellungen, die Menschen dabei im Wege stehen, glauben zu können: Traumatische Erfahrungen, Resignation, Hoffnungslosigkeit, aber auch die gesellschaftliche Normalität: Sorgen, Reichtum, „weltliche“ Freuden, …

Mit diesem Gleichnis sagt Jesus also nicht: „Glaube und alles wird gut“. Manchmal muss vielleicht erst manches gut werden, damit Glaube wieder möglich wird.

Das heißt aber umgekehrt auch nicht, dass es – quasi aus „Rücksicht“ – keine Glaubenden geben darf. Diejenigen, die (immer, noch oder wieder) glauben, sollen dies auch ihrerseits in vollem Maße tun können.

Ein Beispiel aus der Bibel illustriert das. Hierfür möchte ich das Gleichnis vom Sämann (oder vom vierfachen Acker, wie es auch oft genannt wird) als Grundlage nehmen für einen Blick auf Petrus. Petrus wurde von Jesus in den engsten Jüngerkreis berufen und wurde eine der auffälligsten Stimmen darin. Die frühe Kirche fand ihn so bedeutsam, dass sie beschloss, sich in ihrer Gründung auf ihn zu berufen. Im Licht des Gleichnisses bekommen wir hier allerdings ein Leben zu sehen, das auch Abgründe kennt:

Beispiel Petrus: Fels, Satan, Verleumder – und gutes Land

Petrus macht innerhalb kürzester Zeit verschiedenste Erfahrungen mit, die in dem Gleichnis beschrieben werden:

Auch in Petrus‘ Leben kommen mal die „Vögel“ und wollen entreißen, was Jesus ihm mitgeben möchte. Als Jesus die Jünger über sein nahendes Leiden aufklärt, stellt sich Petrus ihm entgegen „und fing an, ihm zu wehren“. Jesus reagiert genau anhand der Sichtweise, die er hier im Gleichnis darlegt: Er sieht hier „den Bösen“ am Werk. Seine Reaktion auf Petrus fällt dementsprechend deutlich aus: „Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“ (Markus 8,31-33)

Petrus macht auch die Erfahrung, inmitten von Bedrohung und Verfolgung zum Wendehals zu werden. Als Jesus gefangengenommen wird, verleugnet Petrus ihn mehrmals (Markus 14,66-72). Im Gleichnis ist das der felsige Boden.

Tatsächlich heißt Petrus „der Fels“! Freilich wird dieser Name normalerweise nicht aus diesem Gleichnis heraus verstanden, sondern anhand der Szene, die in der Kirchengeschichte so bedeutsam geworden ist. Darin sagt Jesus zu Petrus: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen“ (Matthäus 16,18)

Diese „Felsigkeit“ ist ein schönes Beipsiel dafür, wie abhängig Teile unseres Daseins von dem Zusammenhang sind, in dem sie stehen. „Felssein“ ist nicht an sich „gut“ oder „schlecht“ – erst im Zusammenspiel der Umstände erweist sich seine Bedeutung und sein Wirken!

In der weiteren Geschichte zeigt sich Petrus dann tatsächlich auch noch als „gutes Land“, das vielfache Frucht bringt. Bis heute wird ihm hohe Anerkennung als Apostel zuteil.

Auch Petrus war also nicht an sich „gut“ oder „schlecht“. Petrus ist vielmehr ein prominentes Beispiel dafür, wie sich auch Glaubensbezüge je nach Umständen ändern können.

Wie sind Jesus und die anderen Jünger mit diesem Mehrfach-Acker-Petrus umgegangen?
– Petrus war trotzdem und immer Teil der Jünger.
– Jesus hielt das Letzte Mahl mit ihm.
– Jesus gab ihn nicht auf, im Gegenteil: Er setzte auf ihn.

Vierfacher Acker – nicht vier verschiedene Äcker

Das Beispiel des Petrus macht deutlich, dass die verschiedenen Ackerböden nicht immer getrennt voneinander existieren.

1) Nacheinander in mir (zu verschiedenen Zeiten):

Bei Petrus zeigen sich die verschiedenen Bodenbeschaffenheiten nacheinander in seinem Leben.

In meinem Leben kann es verschiedene Phasen geben. In manchen Zeiten ist mir alles mit Gott vielleicht fern, oder ich kämpfe dagegen, oder ich will nichts davon hören – und zu einer anderen Zeit bin ich voll dabei. Das kann wechseln! (Nicht nur von „ungläubig“ zu „gläubig“… oder von „gläubig“ zu „ungläubig“… Manchen möge das Hoffnung machen. Andere möge es vor zu viel Sicherheit bewahren.) So oder so: Ohne Kenntnis der Lebensumstände können wir nicht verstehen, wie sich Einzelne gerade zu ihrem Gottesverständnis verhalten!

2) Miteinander in mir (gleichzeitig):

Manches von den verschiedenen Anteilen tragen wir oft gleichzeitig in uns herum. Manches kann ich glauben, anderes nicht. Vielleicht kann ich mit Glauben schon ganz viel anfangen, aber mit der traditionellen Anrede Gottes als „Vater“ tue ich mich unendlich schwer – und auch damit, überhaupt andere Gottesbilder aufzugreifen. Wie viel hängt hier von den Umständen ab, die in mein Leben eingeschrieben sind!

3) Nebeneinander in Kirche

Drittens sollte das Nebeneinander unterschiedlicher Bodenbeschaffenheiten auch in jeder Kirche zu finden und anerkannt sein.

Petrus war jederzeit ein anerkannter Teil des Jüngerkreises. Er gehörte nicht nur in den Phasen dazu, als er vor Glauben strotzte. Auch als er sich Jesus entgegenstellen wollte (als er „Satan“ war) und als er keinen Glauben bekennen konnte (Verleugnung Jesu bei dessen Gefangennahme), wurde er nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Evangelien zeichnen einen Jesus, der auch mit diesem Petrus, der solche Anteile in sich trug, das Letzte Mahl feierte. Wie sollte Kirche heute „im Namen Jesu“ das Gegenteil davon tun können?

Der Sämann grenzt keine Teile des Ackers davon aus, mit dem Samen in Berührung zu kommen. Nicht nur probeweise oder als Testphase, sondern er vertraut jeder Art Boden den Samen an – unabhängig davon, was der jeweilige Boden daraus macht. Mögen Samenkörner dabei verloren gehen – von den Böden ist keiner ein verlorener Boden. Lieber gibt er manche seiner wertvollen Samenkörner auf, als dass er einen der Böden aufgibt. Dabei drängt er nicht. Er drückt nicht. Er nimmt den Boden so, wie er ist. Und gibt ihm, was er zu geben hat – ohne zu berechnen.

Das hat Konsequenzen dafür, mit wem und wie sich Kirche gestalten sollte:

Kirche für Christen, „Anti-Christen“ und Gelegenheits-Christen

Hier ein paar Punkte, wo sich die Realität der verschiedenen Ackerbeschaffenheiten mit der Realität von MCC als Kirche berührt:

  • Wir haben durchaus viele Erstbesucher_innen pro Jahr. Nur wenige davon bleiben. Mit dem Gleichnis ist das verständlich: Nur für wenige „passt“ es halt gerade. (Und wer weiß, was später draus wird!) Auch wer sich nicht für die MCC (oder gar nicht für Glauben) entscheidet, verdient Verständnis und Respekt. Der Boden hat halt gerade nicht gepasst – und was wissen wir schon davon, auf welchem Boden ein Mensch sein Leben bestreiten muss!
  • So einige in der MCC haben sich erst nach einer langen Zeit wieder dem Glauben zugewandt. Manche davon hatten sich allem Spirituellen insgesamt abgewandt, andere wandten sich z.B. dem Buddhismus zu. Und so einge von denen, die swich nach langer Zeit dann weder dem christlichen Glauben zuwandten, sind heute voll dabei und tragen viele Früchte.
  • Viele Depressive machen die Erfahrung, dass Depression auch Glaubensgefühle wegnimmt. Kirche sollte wissen, wie schwer ein Glaubensleben auf so einem Acker sich entwickeln kann. Anstatt zu verurteilen, sollte sie auch Depressive mit der gleichen Sorgfalt und Großzügigkeit beachten wie es der Sämann mit den unwirtlichen Bodenteilen tut!
  • Dasselbe gilt für andere schwere Lasten beim Aufbau eines gut verwurzelten, fruchtbringenden Glaubenslebens: Geistlicher Missbrauch, Verurteilungen, Denkverbote, Selbsthass, gesellschaftliche Erwartungen an Normailtät, …
  • Mitten in all dem ist Kirche aber eben auch Nährboden, Lebensumfeld und Arbeitsacker für Glaubende, die voll dabei sind: mit „aufrichtigem und bereitwilligem Herzen“ das Wort hören, daran festhalten, sich nicht entmutigen lassen und Frucht bringen (wie es Lukas in seiner Version des Sämann-Gleichnisses ausdrückt; s. Lukas 8,15).

Auch heute laden wir deswegen ein zum offenen Abendmahl, zu dem alle Menschen und alle Anteile unseres Daseins willkommen sind. Der Sämann streut seine Saat aus, ohne sich wegen kleiner oder großer Erfolgsaussichten zurückzuhalten. Bring also alle deine Lebensumstände und Einstellungen mit. Hier finden sie Anerkennung und Raum – und Gemeinschaft.

 

 

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