[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Ich bin dabei, mich vom Glauben und den Glaubenden zu entfernen.

Predigt MCC Köln, 4. Mai 2014
Ines-Paul Baumann

Lk 24,13-36 „Die Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus“

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Ich bin einer der beiden „Emmaus-Jünger“. *)

Nicht der Kleopas, sondern der andere.

Ich bin der Andere.

Ich bin die Andere.

Ich bin die Anderen.

Ich bin die ohne Namen.

Ich habe viele Namen.

Ich bin du.

Ich bin die Resignation in dir, die nicht weiß, ob sich das mit dem Glauben und der Kirche wirklich noch lohnt nach all dem, was passiert ist.

Ich bin der Zweifel im Jugendlichen, der inmitten von Frust und Wut noch gar nicht weiß, welche Wege und Ziele das Leben für ihn bereit halten soll.

Ich bin der Gesprächsbedarf der Beobachtenden, die nicht einverstanden waren mit dem Verhalten der eingeschworenen Anhänger Jesu, als es zur Auseinandersetzung mit dem Status Quo kam.

Ich bin die Enttäuschung im Fortgehenden, der sich abwendet vom inneren Zirkel einer Glaubensgemeinschaft, die sich selbst eingeschlossen und die Türen verriegelt hat.

Ich bin die Hoffnungslosigkeit der Verlorenen, die nicht genug Glauben aufbringen können, um aus alten Geschichten neue Kraft zu ziehen.

Ich bin die Mattheit der Enttäuschten, deren positive Gedanken tiefer denn je in der Ratlosigkeit gestrandet sind, nachdem alle Träume geplatzt sind.

Ich bin die Unbekannte und Unbenannte aus der Mitte der ehemals Gläubigen, die nicht mehr dazu gehört und der nicht mehr zugehört wird.

Ich bin der ehemals Glaubensbezogene auf dem Weg zum Atheisten,
ich bin die ehemals Gutgläubige auf dem Weg zur Skeptikerin,
ich bin der ehemals Neugierige auf dem Weg zum Zyniker.

Ich bin dabei, mich vom Glauben und den Glaubenden zu entfernen.

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Nun werde ich zugetextet?
Soll überzeugt werden?
„Die Schrift sagt…“
Eine Bibelstelle nach der anderen wird mir erklärt, ausgelegt, … vorgehalten?
Aber in der Stimme des Fremden liegt mehr Wärme als Werben.

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Manchmal wünschte ich mir, es wäre wahr, was da steht.
Manchmal wünschte ich mir, ich würde nur ein bisschen von dem verstehen, was da steht.
Manchmal wünschte ich mir, in all diesen Verheißungen eine Erfüllung zu finden.
Ab und zu flackert etwas auf in mir, ein Funken Wärme, eine brennende Sehnsucht.

Aber das reicht nicht.
Ich weiß jetzt, was in der Bibel steht.
Ich weiß, was Jesus und die Jüngerinnen und Jünger getan haben.
Aber der Buchstabe bleibt tot. Die Erkenntnis bleibt aus. Mein Verstand versteht nicht.
Das ganze Bibelwissen, das ich nun habe, erfüllt mich nicht mit Leben.
Im Gegenteil. Ich bin müde geworden.
Lass uns aufhören und eine Pause machen.

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Fremder, du willst weiterziehen?

Deine Gesellschaft hat mir gut getan.

Wie befreiend war es, mit meinen Glaubenszweifeln Gehör gefunden zu haben.

Wer auch immer du bist: „Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“

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„Und er nahm das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.“

2000 Jahre später werden viele an das Abendmahl denken bei diesen Worten. Es wird als der Moment gelten, an dem Kleopas und ich Jesus wiedererkannt haben. Eine ganz klassische Wiedererkennung, wie sie in der römischen und griechischen Literatur unserer Zeit gang und gäbe war als Wendepunkt der Geschichte. Der Bekannte wird wegen etwas Bekanntem wieder erkannt (nicht zum ersten Mal erkannt).

Sie werden nicht fragen, wo Kleopas und ich schon mal erlebt hätten, dass Jesus das Brot nimmt, dankt, es bricht und und uns gab. Sie werden sich nicht darüber wundern, dass in ihren Vorstellungen eigentlich nur der innere Zirkel des Zwölferkreises dabei war, als Jesus das Abendmahl einsetzte. Es wird ihnen nicht auffallen, dass Kleopas und ich offensichtlich nicht zu diesem inneren Kreis gehört haben.

Sie werden es selbstverständlich finden, dass Menschen nicht bei ihrem Abendmahl dabei sein werden, die sich wie Kleopas und ich gerade fortbewegen von dem, wo sie Glauben erwartet hatten.

Die Zweifelnden, die Enttäuschten, die Fragenden, die Gefrusteten, alle diejenigen, die sich abwenden: wer wird sie vermissen beim Abendmahl?

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Sie werden sich auch nicht darüber wundern, dass wir „unser Abendmahlserlebnis“ mit einem Fremden hatten, den wir gar nicht gekannt haben. Sie werden es vielmehr für ein wichtiges Prüfkriterium halten, ob das Abendmahl genau so gefeiert wird, wie sie es kennen. Sie werden nur dort das Abendmahl mitfeiern, wo alles dem Gewohnten entspricht. Und sie werden die Anwesenden bitten, sich vorher zu prüfen, und ihre Sünden sowie ihren Glauben in der richtigen Weise zu bekennen – keine dieser Fragen hat Jesus uns gestellt, bevor er das Brot mit uns brach.

Das Abendmahl wird selten etwas sein, worin solche Leute Jesus erkennen können, die sich wie ich gerade fortbewegen von dem, wo sie Glauben erwartet hatten. Das Abendmahl wird meist nur denjenigen offenstehen, die davon überzeugt sind, dass sie Jesus kennen – und ihnen genau dieser Jesus beim Brotbrechen wieder begegnet. Nicht ein unbekannter, fremder Jesus. Nicht ein Jesus, der danach direkt wieder verschwindet.

Sie werden es selbstverständlich finden, genau so an Jesus festzuhalten, wie sie ihn mal kennengelernt haben.

Wo werden diejenigen zu finden sein, denen Jesus nicht nur im Gewohnten begegnet, sondern auch im Fremden?

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Jesus selbst wird Wege dafür finden.

Jesus selbst wird Wege zu ihnen finden.

Jesus wird Gemeinden gründen, in denen er genau das weiterführt, was er auch mit Kleopas und mir getan hat:

  • Gemeinden, wo Jesus auch an die Seite derjenigen tritt, die dabei sind, sich abzuwenden vom Glauben und den Glaubenden.
  • Gemeinden, wo Bibelwissen vermittelt wird, nicht um andere durch Wortgefechte überzeugen zu wollen, sondern als Grundlage zum Wiedererkennen der Gegenwart Jesu in ihrem eigenen Tun.
  • Gemeinden, wo nicht nur die aus dem inneren Zirkel der Glaubenden zum Abendmahl eingeladen sind (WEIL sie sich im Glauben bereits der Nähe und Gegenwart Jesu vertrauen), sondern auch die Zweifelnden und Müden (DAMIT sie die Nähe und Gegenwart Jesu erleben können).
  • Gemeinden, wo Menschen sich darauf einlassen, nicht nur im Bekannten mit Jesus zu tun zu haben, sondern auch dafür offen sind, dem Leib Christi im Fremden zu begegnen.

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Der Auferstandene selbst öffnet euch Bibeltexte dafür, dass ihr sein Wirken unter euch wiedererkennt.

Ob ihr ihn immer wahrnehmt oder nicht: Jesus selbst ist bereits an eurer Seite.

Genau da, wo du gerade bist.
Und mit genau denen, die gerade an deiner Seite sind.

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*) “13: Two of them, Cleopas (V. 18) and an unidentified follower, who may be a woman.” (The Jewish Annotaded New Testament, New Revised Standard Version, Oxford University Press 2011)

Anmerkung zu “Ich bin dabei, mich vom Glauben und den Glaubenden zu entfernen.

  • Udo sagt:

    Schöne Predigt Ines-Paul….teils finde ich mich darin wieder, wie wohl fast jeder Mensch. :)
    Schön, dass Jesus immer da ist, egal ob wir uns nah bei ihm fühlen oder nicht. Sehr mut machend!

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