[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Heil-Land auf verlorenem Boden

Predigt MCC Köln 27. Sept. 2015
Daniel Großer

Mt 15,21-28 Die kanaanäische Frau

Der Heiland heißt Heiland, weil er heilt und Heil bringt. Die Kanaaniterin hat sich selbst erkannt als eine Frau, für die dieses Heil geschehen kann, und in dieser Erkenntnis bat sie Jesus um Hilfe, nichtsahnend, um wie viel größer und umfassender das Heil sein würde, das Jesus spendet.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass dieser Bibeltext aus dem Matthäusevangelium Mittelpunkt einer Predigt unseres Pastors Ines-Paul war („Müssen wir heute Jesu Meinung ändern?“). Darin erlebten wir Jesus als jemanden, dessen Gedanken nicht in Stein gemeißelt ist, der fähig dazu ist, zu lernen, sich zu ändern, und zu lieben.

Doch nicht nur die Wandlungsfähigkeit Jesu ist bemerkenswert. Wir wollen uns heute dem Text von einer anderen Seite nähern.

Das Matthäus-Evangelium, aus dem der Predigttext stammt, hat zwei Schwerpunkte. Einerseits erzählt es von den Lehren und Taten Jesu Christi. Andererseits unterstreicht es seine dreifache Identität als Gottessohn, Menschensohn, und Heiland Israels. Diese drei Aspekte gehen bereits aus dem ersten Kapitel des Matthäusevangeliums hervor. Es betont:

  1. Jesus ist der Gottessohn
    Maria wurde durch den Heiligen Geist schwanger.
  2. Jesus ist der Menschensohn
    Seine leibliche Mutter Maria brachte ihn in Bethlehem zur Welt und zog ihn in Nazareth auf.
  3. Jesus ist der Heiland des Volkes Israel
    Er hat einen Stammbaum, der bis zu David zurückreicht, und wurde geboren in der religiös wichtigen Stadt Bethlehem, im Kerngebiet Judas.

Dieser dreifache Jesus begegnet uns nun in der Erzählung von der Kanaaniterin, die ihn um die Heilung ihrer Tochter bittet.

Auffällig ist, wo sich die Geschichte zuträgt: Im Gebiet zwischen Tyrus und Sidon. Einige hundert Jahre vor Jesu Geburt war dieses Gebiet von den Stämmen des Volkes Israels teils kriegerisch in Besitz genommen worden. Die Stämme, die sich ursprünglich wie ein loser Staatenbund verhielten, spalteten sich bald in ein Nordreich und ein Südreich. Das Südreich, bestehend aus den Gebieten der Stämme Juda und Benjamin wurde namensgebend für die jüdische Kultur und die spätere römische Provinz Judäa. Das Nordreich, bestehend aus den Gebieten der anderen Stämme, ging in den Wirren der Geschichte unter, wurde von verschiedenen Weltmächten erobert und verlor große Teile seiner israelitischen Identität. Diese Stämme werden in der jüdischen Geschichte auch “die verlorenen Stämme” genannt.

Jesus bewegt sich also in einem Land der Verlorenen. Er befindet sich im Land eines früheren Teilstaates Israels. Längst haben sich die Phönizier darin niedergelassen und ihre eigenen Götter und Bräuche mitgebracht.
Die Frau jedoch, die zu Jesus kommt, ist keine Phönizierin, sondern eine Kanaaniterin, sie stammt also aus dem Gebiet der verlorenen Stämme. Der Begriff “Kanaan” umschreibt das Gebiet westlich des Jordans, auf dem sich einst die israelitschen Sippen niederließen.

Jesus reagiert auf das Flehen der Frau jedoch überraschend: “Ich bin gesandt worden, um dem Volk Israel zu helfen – Gottes verlorenen Schafen – und nicht denen, die keine Juden sind.”

An dieser Stelle müssen wir fragen: Jesus, was tust du da?
Du, der du selbst nicht im Land der Juden aufgewachsen bist?
Du, der du deine Jünger nicht in Juda berufen hast?
Du, der du in die entgegengesetzte Richtung Judas wanderst, ins Land der Phönizier?
Es ist, als würde die Königin von England nach Korea fliegen, um dort jedem Koreaner eine Audienz zu verwehren.

Jesus hat einen erstaunlich schwachen Standpunkt!
Als Menschensohn ist er der kanaanitischen Mutter verpflichtet, denn er hat selbst eine Mutter und muss ihre Sorgen sehr gut verstanden haben.
Als Gottessohn ist er der kanaanitischen Mutter ebenso verpflichtet, denn noch gut zwei Kapitel zuvor predigt er den Leuten: “Wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt, ist mein Bruder, und meine Schwester, und meine Mutter.” (Mt. 12, 50) Mit ihrer mutigen Liebe für ihre Tochter tut die Kanaaniterin definitiv den Willen seines Vaters im Himmel, wodurch sie in die himmlische Familie Jesu eingereiht wird.
Selbst als Heiland Israels ist Jesus der Kanaaniterin verpflichtet! Er selbst sagt: “Ich bin gesandt worden, um dem Volk Israel zu helfen – Gottes verlorenen Schafen” (Mt. 15, 24a). Während er diese Worte spricht, steht er auf verlorenem Boden Israels vor einer Frau, die mutmaßlich den verlorenen Stämmen Israels entspricht, und die in der Angst um ihre Tochter umso verlorener erscheint. Diese Frau ist in vielerlei Hinsicht ein verlorenes Schaf Gottes.

Jesus KANN die Bitte der Frau deshalb gar nicht ablehnen, ohne in Widerspruch zu sich selbst zu geraten. Deswegen erscheint es wie ein Spiel, dass er sich dreimal von der kanaanitischen Mutter anflehen lässt, bevor er sich ihr endlich zuwendet.

Als er ihr Flehen endlich erhört, tut er dies jedoch nicht mit den Worten: “Okay, du hast recht.” Er sagt auch nicht “Gut, ich habe Mitleid mit dir.” Jesus hilft der Kanaaniterin nicht deshalb, weil sie im Recht ist – und das ist sie. Er hilft ihr auch nicht aus Mitleid, obwohl sie es gewiss verdient. Er hilft ihr wegen ihres Glaubens.

Damit spielt sich ein Dreisprung in diesem Text ab.
Zum Beginn der Geschichte ist Jesus der Heiland der Juden.
In der Begegnung mit der Kanaaniterin wird Jesus zum Heiland der Juden und aller Israeliten.
Aber mit der Aussage: “Dein Glaube ist groß” erhöht sich Jesus zum Heiland der ganzen Welt für jeden und jede, die an ihn glaubt.

“Und im gleichen Augenblick war ihre Tochter gesund.”

Mit diesem Satz endet die Geschichte.

Was ist mit uns? Erkennen wir uns als Menschen, die Heil und Heilung von Jesus bedürfen? Bringen wir den Mut und das Vertrauen auf, Jesus nach diesem Heil und dieser Heilung zu fragen? Ist uns klar, dass das Heil und die Heilung, die Jesus bringt, nicht nur uns verändert, sondern weite Kreise ziehen kann?

AMEN.

Gebetsangebot (von Ines-Paul):

Steh auf und laufe ein paar Minuten herum (die Frau aus Kanaan kam zu Jesus GELAUFEN – wie soll Veränderung geschehen, wenn wir immer am selben Platz bleiben wollen?). Suche dir dann einen Platz, an dem du beten möchtest. Wenn du magst, knicke die Arme im Ellbogen, strecke die Hände nach oben aus und öffne die Handflächen nach oben. Diese Gebetshaltung verbindet uns mit Betenden bis zu den Anfängen des Christentums (http://de.dbpedia.org/page/Orantenhaltung).

Gott, unsere Hände sind geöffnet. Wir warten auf dich. Unsere Hände verbergen nichts vor dir. Wir sind bereit zum Geben und zum Empfangen.

»Herr, du Sohn Davids“ So, Jesus, sprach dich die Frau aus Kanaan an. Sie stand vor dir als einem leiblichen Menschen. Heute bekennen wir unseren Glauben an dich als den Auferstandenen.
Über den der Tod keine Macht hat.
Der in seinem Geist mitten unter uns ist und in uns wirkt.
In dir finden wir Heil, Heilung und Heiligung.
Wir beten dich an als unseren Heiland.
Erinnere uns daran, wer du für uns bist.
Heiland.
Erinnere DICH daran, wer du für uns bist.
Heiland.
So wollen wir uns in deiner Gegenwart dem Geheimnis deines Heils nähern. Mach den Boden, auf dem wir stehen, zu einem Heil-Land – einem Land des Heils, der Heilung und der Heligung.
In unserem Inneren und über unsere Zungen kommen Worte des Lobs und rufen dich an als unseren Heiland.
(…)

„Herr, du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Meine Tochter wird von einem Dämon furchtbar gequält.« Heiland, auch wir wollen unsere Sorgen nun mit dir teilen. Vor dich bringen, welche Probleme und Menschen uns am Herzen liegen. Vor dir benennen, was uns quält.
(…)

»Herr, hilf mir!« muss die Frau aus Kanaan nochmal nachfassen – weil du dich nicht als Heiland zeigst.
Heiland, auch wir kennen es aus unserem Leben oder dem anderer, dass du auf all unser Beten gar nicht zu reagieren scheinst.
Dass unser Beten nichts nützt.
Wie oft wird dann gesagt, dass das an uns liegt. Und dann lassen wir ab – vom Beten, von dir, vom Glauben.
Heiland, die Frau aus Kanaan lebt es uns anders vor. Sie bleibt an dir dran und sieht nicht ein, sich abwimmeln zu lassen.
Gerade da, wo du sie im Stich lässt, lässt sie dich nicht.
Sie erinnert dich daran, wer du bist, auch und gerade im Licht dessen, wer SIE ist – eine Frau, die dich als Heiland braucht.
Auch wir brauchen dich heute als Heiland.
Die Menschen und Probleme, die wir vor dich gebracht haben, brauchen dich als Heiland.
Beharrlich wollen wir dich nicht lassen, du segnest uns denn! *

AMEN.

* 1. Mose (Genesis) 32,27

 

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