[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Harfen statt Gasmasken

Predigt MCC Köln, 18. Mai 2014
Daniel Großer

Offenbarung 15,2-4

Von den Tempelrittern über die Illuminati bis zum Davinci-Code: nicht wenige Verschwörungstheorien finden ihren Ursprung in der Offenbarung des Johannes, die das Neue Testament abschließt. Für viele Christen ist das Buch der Offenbarung ein Buch mit sieben Siegeln, voller schwer verständlicher Gleichnisse und Bilder, Zahlensymboliken und düsterer Andeutungen. Unsere heutigen Klischees von Endzeit und Armageddon verdanken wir zu einem guten Teil der wörtlichen Auslegung dieses Buches. Wir nähern uns heute behutsam einem Teil davon.

Der Autor der Offenbarung wird alle Verschwörungs- und Endzeittheorien wohl kaum beabsichtigt haben. Die Offenbarung wird einem Mann namens Johannes zugeschrieben, der vermutlich nicht der Johannes-Evangelium-Johannes ist. Der Offenbarung-Johannes saß wahrscheinlich im ersten oder zweiten Jahrhundert nach Christus auf der kleinen Insel Patmos in der Ägäis fest. Viele andere Christen und Christinnen seiner Zeit fanden den grausamen Tod unter römischer Unterdrückung, andere wurden in den Untergrund gezwungen. Nicht so Johannes von Patmos, der stattdessen auf eine Insel verbannt wurde. War Johannes vielleicht zu bedeutsam, als dass man ihn einfach einsperren und töten lassen können hätte? Wir wissen es leider nicht. Auf jeden Fall ist Johannes ein Ohnmächtiger auf einer winzigen Insel, der anderen ohnmächtigen in Kleinasien und im Mittelmeerraum Post zubringen lassen kann, darunter die Gemeinden, die Paulus auf seinen Missionsreisen geprägt hat. Selbst das mächtige römische Imperium kann offenbar keine Ideen einsperren. Deswegen sind uns heute die Eindrücke und Visionen des frühchristlichen Propheten Johannes überliefert. Prophet sein bedeutet, dass Johannes Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft in Gottes Gegenwart und Wirken einordnen kann. Leider tut Johannes dies sehr verschlüsselt.

Wie wir alle wissen ist die Wikipedia die einzige wahre und ergründliche Quelle aller Erkenntnis :) , deswegen möchte ich daraus zitieren. Die Wikipedia sieht vier Wege, auf denen man sich den Prophezeiungen des Johannes nähern kann:

    1. Der Präterismus geh[t] davon aus, dass sich die Aussagen der Offenbarung bereits in den ersten christlichen Jahrhunderten erfüllt haben.
    2. Die historische Auslegung geh[t] davon aus, dass der Verlauf der Kirchengeschichte in der Offenbarung vorgeschattet [wird].
    3. Für die idealistische Auslegung [ist] die Offenbarung eine bildhafte Darstellung, welche geistliche Prinzipien aufzeige.
    4. Bei der futuristischen Auslegung [wird] das Buch ab Kapitel 4 als Bericht von heute noch nicht eingetroffenen Ereignissen interpretiert.

Wenn dir also jemand etwas über die Offenbarung erzählt, dann schadet es gewiss nicht zu wissen, welchen dieser Wege er oder sie bevorzugt. Ich für meinen Teil möchte keinem dieser Zugänge seine Berechtigung oder Richtigkeit absprechen, schließe mich heute aber eher dem dritten Zugang an. Es gibt also heute keine Aussage von mir darüber, was morgen in der Welt passieren wird, oder wie Christi Wiederkunft konkret aussieht.

Hören wir noch einmal auf den Predigttext:

Ich sah vor mir etwas, das wie ein mit Feuer vermischtes Kristallmeer aussah. An seinem Ufer standen alle Menschen, die über das Tier und sein Standbild und die Zahl seines Namens gesiegt hatten. Alle hatten von Gott Harfen bekommen ,
und sie sangen das Lied Moses, des Dieners Gottes, und das Lied des Lammes: »Groß und wunderbar sind deine Taten, Herr, Gott, Allmächtiger. Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, König der Völker.
Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig. Alle Völker werden kommen und vor dir anbeten, denn deine gerechten Taten sind offenbart worden.«
(Offenbarung 15, 2-4)

Wie das Volk Israel nach der Durchquerung des Schilfmeeres am Ufer steht und über seine erfolgreiche Flucht vor den ägyptischen Truppen jubelt, so ähnlich beschreibt uns auch dieser Text eine Gruppe von Menschen. Hinter ihnen liegen schauerliche Ereignisse, angsteinflößend und gewaltig beschreibt Johannes ungeheuerliche Bilder: Der unverdünnte Zorn Gottes im Kelch der Verdammnis, Feuer und Schwefel für die Anhänger des Tiers, gehörnte Fabelwesen und todbringende Drachen, Katastrophen und Elend. Für einen Christen der damaligen Zeit, der zurecht fürchten musste, von wilden Tieren bei lebendigem Leibe zerfleischt zu werden in einer Arena voller Zuschauer im Blutrausch, für solch einen Christen müssen diese Schilderungen weniger weit entfernt gewesen sein, als sie es für uns heute vielleicht sind.

Beinahe möchte man da aufatmen, wenn man dann die Beschreibung des Kristallmeeres hört, an dessen Ufer Menschen mit Harfen stehen und zu singen beginnen. Es hat fast etwas friedliches, die Vorstellung von den singenden Menschen am Meer, besonders nach all den schauerlichen Ereignissen zuvor. Was ist das aber für ein Lied, das gesungen wird?

Mich erinnert dieses Lied sehr an die Psalmen im Alten Testament. Nicht die Art von Lied, die man singt, wenn man in den dunklen Keller gehen muss und sich mit Singen die Angst nehmen will. Nicht die Art von Lied aus Disney-Filmen, wo auch in den verrücktesten Situationen plötzlich irgendwer zu singen beginnt und auf einmal alle tanzen und fröhlich sind. Dieses Lied ist ganz auf Gott gerichtet mit Lob und Ehrerbietung, es handelt nicht vom elenden Schicksal der Singenden, nicht von der Furcht, nicht von Rache, nicht von Schmerz, nicht von Frieden, nicht von Barmherzigkeit. Es enthält keine Bitte und auch keine Forderung an Gott. In seinem vollständigen Bezug auf Gott und ihre Taten, ihre Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit bringt dieses Lied die persönlichen Belange der Sänger und Sängerinnen ganz zu Ruhe, sie dürfen in diesem Moment schweigen, es geht ausschließlich und umfassend nur um Gott.

Unmittelbar nach diesem Lied berichtet die Vision des Johannes von sieben Engeln, die schreckiche Plagen über die gesamte Welt bringen. Aber auch davon oder von der Angst davor ist im Lied keine Rede, die Worte Sänger und Sängerinnen ruhen tief und unverrückbar bei Gott.

Wie kann ich nun diese Vision auf meine eigenen Erfahrungen, meine eigene Glaubensbeziehung, meine eigene Lebensrealität beziehen? Ich möchte euch von meiner Sichtweise darauf erzählen, sie kann ein Deutungsvorschlag sein. Prüfet alles, das Gute behaltet.

Drei Bilder

1. Ein Veränderungsprozess.

Ich stelle mir das mit Feuer vermischte Kristallmeer vor. Feuer wird benötigt, um aus minderwertigen Materialien höherwertige herzustellen. Stahl kann nur bei hohen Temperaturen zu gutem Stahl werden, Glas muss gleichmäßig erhitzt werden zu seiner Herstellung und Formung, Ziegel und Tongefäße sind erst nach dem Brennvorgang für ihren Einsatz geeignet. Feuer vernichtet, Feuer verändert, Feuer ist Teil der Umgestaltung. Dieses Bild verbindet sich mit dem kristallenen Meer. Kristalle, edel und kostbar, Zeichen von Reinheit und Wert. Das Meer, unberechenbar, stark, vernichtend und neuschaffend reißt es Küstenlinien ein und gestaltet andernorts neue Strände. Im Meer fahren und versinken Schiffe, seien sie nun gefährliche Kriegschiffe oder schwerbeladene Frachter.

Für mich bedeutet das mit Feuer vermischte Kristallmeer einen Veränderungs- und Gestaltungsprozess, in dem mir viel genommen werden kann, indem tiefgreifende Veränderungen geschehen können. In diesen Veränderungsprozess gehen meine Zweifel ein, meine Menschenfurcht, meine Unfähigkeit zu Glauben, meine Stagnation in den immer gleichen Fehlern, mein Leiden, meine Ohmacht und mein Frust angesichts einer unfriedlichen und hassenden Gesellschaft; Teil des Veränderungsprozesses sind aber auch so manche liebgewordenen Menschen, die ich loslassen muss, unerfüllte Träume und offene Rechnungen. Meine guten und bösen Anteile gehen ein in das Feuer-Kristallmeer, werden versenkt, verschmolzen, verwandelt.

Wenn ich am Ufer dieses Meeres stehe, dann bedeutet das für mich, dass Gott mich empor nimmt aus all diesen Dingen, damit ich ohne Angst und Furcht einfach beobachten und betrachten kann – sollte sich in einem kristallenen Meer nicht auch dein und mein Gesicht spiegeln? Das weckt in mir die Neugier auf den Menschen, zu dem Gott dich und mich gestaltet. Wie mag dieser Mensch wohl aussehen?

2. Ein unnützes Werkzeug entpuppt sich als goldrichtig.

Die Harfe in den Händen derer, die am Ufer stehen, ist für mich eine Gabe, ein Geschenk Gottes. Aber für den Weltuntergang würden sich die meisten Menschen sicherlich einen Bunker, Konserven, Trinkflaschen, Gasmasken oder Nahkampfwaffen wünschen – was soll man da mit einer Harfe anfangen? Die Harfe, das ist in dieser Situation ein scheinbar nichtsnutziges Werkzeug, um das ich nicht gebeten habe, das sich aber als genau das richtige Werkzeug entpuppen wird. Vielleicht habe ich mir gewünscht, ein überzeugender und selbstbewusster Christ zu sein – stattdessen liegen in meiner Hand Zweifel und Skepsis an Gott und ihrem Bodenpersonal? Vielleicht wäre ich gerne ein kluger und wortgewandter Theologe, stattdessen lenkt mich das Singen der Vögel ab? Vielleicht habe ich nicht genug Geld in der Tasche und begegne nun ständig Menschen, die mir nach Hilfe zu suchen scheinen? Vielleicht fühle ich mich oft wie ein kalter und gefühlloser Stein in einer Gemeinde voller emotional begabter Geschwister?

Kann man doch alles nicht gebrauchen, oder? Vielleicht ist aber auch all das eine Harfe, die darauf wartet, dass jemand ihr Töne entlockt. Die Harfe ist für mich eine Einladung, nach den vermeintlich unnützen Werkzeugen Ausschau zu halten, die Gott mir in die Hand gegeben hat, damit mein Leben zu einem Lied für sie wird.

3. Ankommen, wo der Kummer schweigt, aber die Seele singt.

Zuletzt ist da die Gemeinschaft der Sänger und Sängerinnen und ihr Lied. Hier erkenne ich auch uns und unsere Gemeinde in Köln wieder. Die MCC Köln und alle durch Jesus Christus mit ihr verbundenen Geschwister eint der Wunsch nach Menschen in Freiheit. Wir teilen die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der jeder einzelne nicht an sich selbst verzagt, in der jede sich aufgenommen und gebraucht weiß, in der unsere engen Grenzen hinter Gottes Möglichkeiten treten. In der die Stimmen der Welt in uns zum Schweigen kommen dürfen, damit wir eins werden im Lob Gottes.

Nachklingen lassen…

  1. Erkennst du im Rückblick auf dein Leben Veränderungsprozesse, die sich mal wie Feuer, mal wie Meeresrauschen zeigen?
  2. Gibt es etwas an oder in dir, was dir gänzlich nutzlos erscheint? Was könnte die Harfe sein, die Gott in deine Hand drückt?
  3. Wie sieht ein Ort oder eine Gemeinde aus, wo deine Seele mutig und frei singen kann?

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.