[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Gott steht nicht hinter dem Unglück.

Predigt MCC Köln, 7. September 2014
Manfred Koschnick

Lk 15,11–32: Der verlorene Sohn

Liebe Gemeinde,
wer geht mit seinem Erbe oder den anvertrauten Pfunden und Talenten schon optimal um?, vor allem dann, wenn er der Jüngste in der Geschwisterfolge ist und von allen so sehr viel bekommen hat, dass es ihm schwer fällt, für all das angemessen dankbar zu sein und angemessen Verantwortung zu übernehmen.
Ich selbst bin der Jüngste und mir fällt das ehrlich gesagt schwer. Ich habe meinen Eltern u.a. auch versagt, ihrem heterosexuellen Vorbild zu folgen. Ich habe dieses Geschenk der Heterosexualität, der ich meine Geburt verdanke, gering geachtet. Diese Missachtung fühlte sich meinem Vater gegenüber wie Verrat an. Ich kann mich mit dem verlorenen Sohn daher gut identifizieren, aber auch mit dem älteren Sohn, der neidisch ist auf das Glück eines anderen.

Manchmal werden wir vom Leben, d. h. von Gott so sehr beschenkt und unverdient verwöhnt, dass uns dies nachträglich so in die Pflicht nimmt, dass wir das alles unmöglich in Gänze annehmen können. Der verlorene Sohn hatte lieber finanzielle Einbußen, als dem Vater etwas moralisch schuldig zu sein.

Menschen sagen über solche Geschenke: „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!“ oder wie diese Sprüche alle heißen, mit denen wir höflich die guten Gaben gering schätzen und abwerten, bis sie uns passend erscheinen. Wie traurig, wenn unsere Herzen so eng sind, dass sie die weite große Liebe Gottes nicht fassen können…….. aber so ist das.

Es gibt so viele Fragen an den Text. Es gibt den wiedergefundenen Vater, Geschwisterrivalität, die Frage nach Gerechtigkeit, Migration, Prasserei, Macht und Ohnmacht, Gehorsam und Widerstand, der gütige Gott, der reuige Sünder, das Himmelreich und warum die Geschichte den Pharisäern erzählt wurde und was eigentlich Jesu Botschaft an uns ist.

Angesichts unserer 20-jährigen MCC-Köln-Geschichte wäre die Vielfalt der Themen und Fragen vielleicht angemessen, wenn, ja wenn wir 2 Stunden Zeit für die Predigt hätten. Grundlegende Regel für Predigten ist aber diese: Man kann über alles predigen, nicht aber über 30 Minuten. So werde ich mich leider nur einem der vielen Themen dieses Gleichnisses widmen können. Was könnte angesichts unserer schönen Jubiläums- und Jubelfeier besser passen, als das Thema: Scheitern, Ohnmacht und Kapitulation?! (grins)

Wir fürchten und hassen die Ohnmacht, die Machtlosigkeit, die Niederlage – nicht wahr?!
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
positiv denken
auf keinen Fall scheitern
kein Opfer sein
wenn man hinfällt, sofort wieder aufstehen
tritt auf Dein Unglück und Du stehst höher
sich von nichts und niemandem demütigen, erniedrigen, beleidigen lassen
selbstbestimmt unabhängig sein
sei Deines eigenen Glückes Schmied, autonom und erwachsen
Das Kind glaubt und vertraut. Der Erwachsene prüft, entscheidet und weiß
Nicht wahr? – Glauben ist nicht wissen
Und was Du ererbt von Deinen Vätern erwirb es (neu), um es zu besitzen
Ach ja ……….
Unerträglich die Vorstellung, z. B. hilflos in der Intensivstation nur noch an Maschinen zu hängen, die das Atmen und Essen übernehmen. Dann doch lieber die Maschinen abstellen lassen, wenn der Schmerz oder der Ekel so entsetzlich werden, dass selbst die Palliativmedizin nichts weiter kann, als das unmenschliche Leiden versuchsweise schmerzlindernd zu kaschieren. Wir hassen den Tiefpunkt, die letzte Kapitulation. Es ist der Verlust der menschlichen Würde, dass man sich selbst nicht wiedererkennt. Man ist nicht mehr der Mensch, so wie man glaubte, als Mensch gedacht zu sein, gleich an Rechten – unveräußerlich, integer, ein Unikat, wertvoll, echt und unersetzbar.
Ober wenigstens ein gewisser Typ sein…
wie Batman, Spider(wo)man oder Superman.
Unendlich frei und stark oder unwiderstehlich wie James Bond und seine Frauen. Nicht ein Zwerg der eigenen Ängste sondern ein Riese der Träume.
Fiktive Typen für fiktive Träume.
Und die Realität?

In Wirklichkeit könntest Du immerhin im Lotto gewinnen. (*grins*) Mit einigen Millionen Euro könntest Du ein ganzes Jahr auf Hawaii leben oder es unter den Oligarchen in Moskau verbringen oder 4 Wochen in Singapur ein perfektes Leben genießen. Mit Deinem Geld könntest Du schöne Männer und starke Frauen begeistern, verführende Parfums benutzen, deren Preis für die meisten Menschen unvorstellbar ist oder z. B. ein Bentley-Cabriolet für 200.000 Euro fahren. Ihr merkt schon, ich hätte da so meine eigenen Träume vom großen Geld.

Aber – Ich glaube, so etwa dachte auch der verlorene Sohn, als er nicht als Verlierer sondern Gewinner das elterliche Haus verließ. Wahrscheinlich hatte er nicht nur die Starken sondern vor allem die schönen Frauen an seiner Seite (was ja kein Widerspruch ist) und die starken Männer beneideten ihn deswegen. Es war ein Leben in Saus und Braus, in Schönheit, Kraft und endloser finanzieller Freiheit……. bis dummerweise die Hungersnot kam und man nichts mehr kaufen konnte für das viele Geld. Außerdem hatte er viel Geld für das ausgegeben, was ihm das Wichtigste war : Sex. Das Geld war weg. Er hatte nicht vorgesorgt, keine Vorräte eingekauft. Die 8. Todsünde ist die Naivität. Er musste irgendwie irgendwo arbeiten, wie die Landarbeiter seines Vaters. Und das tat er dann notgedrungen auch – als Schweinehirt. Aber wieder hatte er Pech! Er wurde ausgebeutet, bekam kaum etwas zu essen und musste darum betteln, wenigstens mit den Schweinen deren Futter essen zu dürfen. Es war der Tiefpunkt seiner „Karriere“.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und als auch sie tatsächlich starb,
…durfte ein Wunder geschehen.

Wir kennen solche Tiefpunkte, an denen unser Ego zusammenbricht, eine Welt zusammenbricht, der Glaube zusammenbricht, Angst und Scham die Seele fressen. Wenn Teenager merken, dass sie (z. B. so eine „schwule Sau“ ) zu sein scheinen, wie jene, die von allen gemobbt und verachtet werden, oder wenn sie merken, dass ihr Körper gar nicht ihrer inneren weiblichen oder männlichen Natur entspricht, wenn Alkohol das Leben zerstört oder eine plötzliche Behinderung es für immer radikal verändert.

Dann heißt es: Das darf doch gar nicht wahr sein! Wir wollen erstens und vor allem, dass es nicht wahr ist. Es ist ein Schock. Manche wollen nicht wahrhaben, dass sich das eigene Leben geändert hat, andere sind so traumatisiert, dass alle ihre Gedanken ständig nur noch um das eine Thema kreisen.

Wir würden dem Schicksal, diesem miesen Verräter, gern verbieten, unser Leben zu bestimmen. Wir kämpfen dagegen an, verlieren die Fassung, sind fassungslos angesichts der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens. Wir zweifeln an allem und verzweifeln, wenn irgendwo doch noch der Glaube lauert, es könnte einmal ein Wunder gescheh`n und dann würden 1.000 Märchen wahr. Der Glaube bzw. die Hoffnung kämpfen gegen Zweifel und bessere Einsicht. Und ihr wisst schon, wie der Kampf ausgeht: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und dann geben wir uns und überhaupt alles auf. Alles was wir über uns, die Welt und Gott dachten, liegt in Trümmern. Scheinbar haben wir keine Zukunft mehr, nur noch den Augenblick des Schmerzes und der Einsamkeit. Verloren der Sohn, die Tochter, der Vater, die Mutter, das Leben bzw. Gott, wenn es ihn je gab.

Geworfen in das unfühlende „Dass“ der Existenz und niemand, der uns zeigen und spiegeln könnte, dass man lebte, als der, der verehrt und geliebt wurde. Nicht einmal mehr Huren hatte der verlorene Sohn, die er dafür hätte bezahlen können. Das war wie ein hilfloses Sterben, dem man vielleicht nur noch durch selbstgewählten Freitod zuvor kommen könnte. Das ist das Ende, die Kapitulation, nicht zu ändern, nicht zu bekämpfen, zu verstecken oder zu leugnen, ohne Selbstmitleid ohne Mitleid nicht nachvollziehbar, allen vernünftigen Zusammenhängen entzogen, nicht vermittelbar.

Musik:
„Der Leiermann“ aus dem Liederzyklus DIE WINTERREISE von Franz Schubert.
Die Musik klingt in der anschließenden Stille nach.

Es ist der Vorteil der Sünde gegenüber dem unverschuldeten Leid, dass man jemandem die Schuld geben kann, eine Zuständigkeit, einen irgendwie gearteten Sinn, eine Art Gerechtigkeit. So wird auch Gott gern zum Sündenbock gemacht. Die Schuldgefühle bauen eine Brücke von der Ursache zu einer möglichen Lösung (Die meisten Theologen sagen, dass Jesu Kreuzestod geschah, weil Gott es so wollte und zu verantworten hat – „…aber nicht wie ich will, sondern wie Du willst“). Aber dem verlorenen Sohn wurde ein anderer, liebevollerer und vertrauender Gedanke geschenkt: „Ich kann die Möglichkeit en respektieren, die mir bleiben.“

Und dann wurden dem verlorenen Sohn Worte ins Herz gelegt, die jenseits seiner bisherigen Möglichkeiten waren. Sie sind geradezu magisch, eine leidverwandelnde Zauberkraft. Man muss sie sich auf der Zunge zergehen lassen, um die Tiefe und Stimmigkeit dieser Worte zu erfassen. Voller Ernst, Demut und Respekt sagt er: Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel – und vor Dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich Dein Sohn heiße. Mach mich zu einem Deiner Tagelöhner!“

Der verlorene Sohn anerkennt den Teil der Verantwortung, die er selbst tragen muss. Er hatte nicht geschützt, was ihm anvertraut wurde. Er hatte sein eigenes Leben, ein Geschenk der Eltern, nicht geschützt. Die Anerkennung der Schuld und des entwerteten eigenen Lebens ist der Anspruch an ihn. Zugleich ist da ein Zuspruch, eine Zuflucht in die Akzeptanz der Realität. Das nennt man wohl Beichte. Der Sohn schämt sich, wächst aber über die Scham hinaus in die Selbstverantwortung. Das ist wie ein Wunder, keines der 1.000 Märchen sondern ein Wunder, eine Gnade, ein Geschenk. Der sich verlorene Sohn findet sich in der Demut wieder, in der nüchtern erkannten und hingenommenen Wirklichkeit. Und er findet Gott wieder, den Vater, der mit ausgestreckten, offenen Armen schon auf ihn gewartet hat, während sich der Sohn in der Ferne der Heimat nähert. Da ist kein Anklopfen mehr nötig, damit eine Tür „aufgetan“ wird. Das Anklopfen ist schon im Innern des Sünders als Entwicklungsprozess geschehen.

Eines der himmlischen Gesetze lautet: „Achtet einer das gering dem er sich (seine Existenz) verdankt, – und sei es ein finanzielles Erbe – wird er die Kraft verlieren, die dahinter wirkt!“ Darum sagt der Sohn „Ich habe gesündigt gegen den Himmel …..“. Denn letztlich ist es nicht nur die Kraft der Eltern, der Ahnen, der Natur und Historie, die wirkt. Letztlich ist es die Beziehung zum Himmel, zu Gott selbst, der wir uns verdanken. Dies zu erkennen und anzunehmen ist ein spirituelles Erwachen in allen Religionen.

Buße und Umkehr werden möglich, wenn wir uns wiedergefunden haben. Auch dies ist ein Gesetz des Himmels. Der ausgestreckten Arme des himmlischen Vaters und der himmlischen Mutter dürfen wir gewiss sein, befreit von falschem Stolz, befreit von Angst und Scham und inneren Kämpfen, befreit von Selbsthass und trügerischer Hoffnung. Das sollten die Pharisäer über den Umgang mit Sündern lernen. In der jüdischen Tradition gibt es folgende Lehrgeschichte: Ein Rabbi nimmt in seinem Haus einem Sünder die Beichte ab. Draußen hören die Leute lautes Lachen, das aus dem Hause dringt. Sie sagen dem Rabbi, dass dies doch wohl keine rechte Beichte sei, wenn der Sünder lache. „Doch,“ – sagt der Rabbi „erst wenn der Sünder wieder lacht, hat er die Sünde hinter sich gelassen“. Darum feiert der Vater mit dem verlorenen Sohn ein Fest, denn siehe, dieser war tot und ist zum Leben erwacht.

Der Vater ist nicht schuldig am Unglück des Sohnes. Er steht nicht hinter dem Unglück. In dieser Geschichte steht er dem Unglück, das der Sohn in der Fremde erleidet, gegenüber. Gott im Symbol des Vaters umarmt den Sohn mitsamt dem Unglück.

Wahrnehmbar ist das aber nur, wenn Menschen dies glauben wollen, sich aufmachen und zu ihm gehen, wenn sie dazu noch in der Lage sind. Depressive z. B. schaffen das leider oft nicht.

Gott, wenn der Wunsch in meinem Herzen
sich still in Deinen Willen legt,
dann fühle ich trotz aller Schmerzen,
dass Deine Liebe mich umhegt.

Du lässt mich in die Tiefe gehen,
damit ich sehe, wer ich bin.
Doch Gott, Du lässt mich dort nicht stehen,
Du ziehst mich wieder zu Dir hin.

Ja Gott, Du bist bei mir – und dafür dank‘ ich Dir.
Ja Gott, Du bist da – Halleluja!.

Und wenn im eig‘nen Woll’n und Ringen
oft meine Hand ins Leere fasst,
wirst Du mich doch nach Hause bringen,
weil Du mich angenommen hast.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus! – Amen.

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