[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Immer dann, wenn Mose eine Idee hat, warum er nicht würdig oder geeignet ist, kommt Gott mit einer konkreten Hilfestellung auf ihn zu.

Predigt MCC Köln
Daniel Großer

Vorwort

“Ich bin nicht dick, ich bin nur würdevoll!” – das ist vielleicht der albernste Satz, den ich je zum Thema “Würde” gehört habe. Würdig sein im Sinne von großem Gewicht. Im Alltag nimmt es sich mit der Würde leider ernsthafter aus. Vorne an unserem Schriftenstand findet ihr eine Ausgabe des deutschen Grundgesetzes, in dem von der Unverletzlichkeit der Menschenwürde die Rede ist. Eine Würde, von der die ertrunkenen Flüchtlinge vor Europas Küsten nichts haben, geschweigedenn jene, die es geschafft haben und auf Abschiebung oder Behandlung ihres “Falls” warten. Wie grotesk, dass durch das Gesetz der Totenruhe selbst die Würde verstorbener Menschen unantastbar ist – solange sie unter deutschem Boden ruhen. Aber wir kennen in unserer Sprache noch weitere Formen von Würde. Schiller dichtet von der “Würde der Frauen” und meint damit soziales und friedfertiges Handeln des weiblichen Geschlechts. Hohe Geistliche, Adlige oder Richter lassen sich mit “Euer Hochwürden” ansprechen. Das deutsche Urwort von Würde beschreibt einen hierarchischen Rang, eine machtvolle Stellung. Ich glaube, dass unsere Vorstellung von Würde durchsetzt ist von dieser Sichtweise. Sich als würdig erweisen müssen, sich der Würde des Amtes beugen, jemandes Liebe oder Aufmerksamkeit unwürdig sein. Dabeisein – oder nicht dabeisein. In Gemeinden gibt es manchmal Streit über die Würdigkeit. Da ist die Rede davon, dass man das Abendmahl nicht durch sein Verhalten entwürdigen solle, dass man einer Verantwortung nicht würdig sei, oder dass die Tradition gewürdigt werden müsse.

Die Bibel kennt Menschen, die mit ihrer Würdigkeit hadern und ist sich nicht zu schade, uns von ihnen zu berichten. Ich möchte mit euch die Geschichten von drei Menschen betrachten, die sich unwürdig fühlten.

2. Mose 3, 1-15 + 2. Mose 4, 1-17: Die Berufung des Mose

Mose hat im Zorn einen Ägypter ermordet und ist ins Exil geflüchtet, sei es aus Angst vor Rache oder aus Furcht vor dem abfälligen Gerede seines eigenen Volkes. Nun ist er da und fühlt sich wahrscheinlich wieder wie ein Verlierer, denn er hat sein Volk im Stich gelassen und muss ferne von ihnen leben. So könnte seine Geschichte geendet haben, von Anfang an ist der Wurm drin.
Dann lesen wir aber die atemberaubende Erzählung vom brennenden Dornbusch!
Gott ruft Mose und warnt ihn: Der Boden ist heilig und Mose ginge in Gefahr, wenn er sich näherte. Danach könnte man erwarten, dass Gott in etwa so etwas sagt: “Mose, du Wurm! Da steckst du also! Wieso erschlägst du meinen Ägypter? Und wieso bist du abgehauen? Entschuldige dich gefälligst, damit ich vielleicht noch was mit dir anfangen kann!”
Doch genau das tut Gott nicht. Gott beginnt mit einer Warnung: “Sei vorsichtig, damit dir nichts passiert und zieh deine Schuhe aus!”
Auf dem steinigen Boden im nahen Osten, wo es spitze Steine, Skorpione und dornige Pflanzen gibt, käme ich bestimmt nicht auf die Idee, freiwillig meine Schuhe auszuziehen! Aber für Mose ist dieser Boden heilig, denn Gott will ihm an diesem Ort begegnen.
Also zieht Mose seine Schuhe aus.
Schuhe sind ein Doppelsymbol. Zum einen stehen sie für den Weg, den man gegangen ist. An ihnen hängt der ganze Dreck, den man auf dem Weg aufgesammelt hat. Gott möchte mit Mose einen neuen Weg gehen, also lässt er ihn den alten Weg ablegen. Weg mit den schmutzigen Schuhen, weg mit den schlechten Erfahrungen und Schuldgefühlen. Weg mit der abgenutzten Vergangenheit.
Zum anderen sind Schuhe ein Symbol für Schutz, ohne Schuhe kommt man nicht weit. In diesem Moment fordert Gott Mose auf, seinen eigenen Schutz aufzugeben, um frei für den neuen Weg zu sein. Weg mit den Schuhen, weg mit dem alten Schutz, die Zeit der Flucht ins Exil ist vorbei.

Als nächstes verhüllt Mose vor Angst sein Gesicht. Gott nennt ihn nicht einen Feigling, sie redet ihm aber auch nicht gut zu. Gott gestattet Mose seine Angst. Und sie spricht weiter mit klaren Worten zu ihm, um ihn als Führer des Volkes Israel zu berufen. Und immer dann, wenn Mose eine Idee hat, warum er nicht würdig oder geeignet ist, kommt Gott mit einer konkreten Hilfestellung auf ihn zu.
Gott sorgt dafür, dass Mose alles das bekommt, was er braucht. Mit Erfolg! Mose lässt sich auf seine Berufung ein, er scheint sich wenig später sogar darauf zu freuen, als er seinem Schwiegervater sagt: “Ich möchte gern nach Ägypten zu meinen Verwandten zurückkehren, um zu sehen, ob sie noch am Leben sind.”

Begeben wir uns ins Neue Testament zur Geschichte des Hauptmanns von Kapernaum.

Matthäus 8, 5-13: Der Hauptmann von Kapernaum

Jesus lebt zu einer Zeit, als Israel von den Römern erobert und besetzt worden war. Da die Israeliten als streitlustig und widerspenstig gelten, stationiert das römische Imperium zahlreiche Truppenverbände im ganzen Land. Die Israeliten sind sehr schlecht auf ihre Besatzungsmacht zu sprechen. Am liebsten wäre man die Römer los! Sollte Gott sie doch genauso tödlich strafen, wie andere Besatzer des Landes zuvor! Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Römer zutiefst gehasst und verachtet werden. Auch wegen ihrer fremden Götter und Gebräuche, die Gott doch ein Greuel sein müssen.
Die römische Administration jedoch ist mit klugen Menschen besetzt, die diese Situation sehr genau einschätzen können! Von einem hohen Mitglied dieser Administration erfahren wir hier. Vielleicht ist es seine Stellung, die ihm den Mut verleiht, Jesus aufzusuchen. Oder es ist die Erfahrung seiner eigenen Machtlosigkeit im Angesicht der Krankheit seines Dieners, den er offenbar mehr als damals üblich liebt. Der Hauptmann von Kapernaum liebt diesen Diener so sehr, dass er für ihn den Kontakt mit den unliebsamen Israeliten sucht und das maulende und lästernde Gerede seiner Männer in Kauf nimmt. Welcher Israelit würde freiwillig zu einem römischen Arzt gehen? Der Hauptmann überwindet diese Scheu von der anderen Seite. Seine Begegnung mit Jesus ist die von zwei Mächtigen, deren Machtbereiche ganz unterschiedlicher Natur sind. Der Hauptmann hat die Rolle des Bittstellers, und er besitzt die Weisheit der Demut. “Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.” Ein herrschender Römer nennt Jesus einen Herren – und erachtet sich selbst als nicht wert, als unwürdig? Wir erfahren nicht, warum der Hauptmann sich als unwert erachtet.
Jesus ist beeindruckt und gewährt dem Hauptmann seine Bitte, der Diener genest.

Wie bei Mose steckt auch in dieser Geschichte eine Berufung. Der Hauptmann war berufen, einen für ihn ungewohnten Weg zu gehen: Er bittet bei einem Israeliten um das Leben eines Untertan. Er, dessen Untertanen Israeliten sind, über deren Leben sonst er verfügt.
Der Hauptmann folgt dieser Berufung und Jesus schenkt seinem Verhalten Früchte: Der Diener wird gesund und wir lesen bis heute davon, wie Gott die Grenzen von Macht, Hass, Kultur und Sitte sprengt.

1. Korinther 15, 3-10: Paulus, der geringste unter den Aposteln

Paulus, das ist der Mann, der bei der Steinigung des Stephanus zugesehen hatte und sich daran erfreut hat. Ein harter Verfolger der ersten Christen, römischer Staatsbürger. Einer von denen, die es mit dem Buchstaben sehr ernst nehmen und keine Abänderung dulden.
Heute erinnern wir uns an Paulus als wichtigsten Lehrer der ersten Christen, der unser Verständnis von Jesu Leben, Wirken und Sterben bis heute tief geprägt hat.
Was ist mit diesem Paulus geschehen, dass er die Wende vom Hassprediger zum Überbringer der guten Nachricht vollzogen hat?
Paulus empfindet sich als den geringsten unter den Aposteln. Wieso? Warum fühlt er sich unwürdig?
Auch diese Geschichte hat mit Berufung zu tun. Gott hat den Paulus auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Inquisitor tagelang erblinden lassen. Aus ihm, der meinte, alles richtig zu sehen, wurde der, der gar nichts sieht. Gott musste Paulus sagen: “Paulus, deine Sicht der Dinge ist falsch und dunkel wie die Nacht!” Und Gott sandte ausgerechnet Hananias, einen der “Verblendeten”, um ihm die Augen zu öffnen. Erst dadurch konnte Paulus seine Berufung erkennen.
Für diese Berufung musste Paulus nichts tun. Paulus musste mit sich geschehen lassen. Wenn Paulus sich als “unwerten Apostel” bezeichnet, dann irrt er: Gott hat das offenbar spektakulär anders gesehen.

“I am not fit…”- ich bin nicht geeignet.

Beim Hauptmann von Kapernaum und bei Paulus treffen wir im Urtext des Begriffs “nicht Wert” auf das griechische Wort ἱκανὸς (ikanos). Während wir im Deutschen bei “Wert” und “Würde” an Selbstwert, Wertempfinden, Hierarchien oder Ehrentitel denken, kommt dem alten Griechen beim Wort ἱκανὸς eher ein “Nicht-Geeignetsein”, eine “Unfähigkeit” oder ein “Nicht-Vermögen” in den Sinn. Unser deutsches Verständnis von “Wert”und “Würde” ist hier wirklich hinderlich! Besser übesetzt zum Beispiel das Englische: “I am not fit…”- ich bin nicht geeignet.

Mose war am Beginn seiner Berufung nicht geeignet zum Volksführer.
Der Hauptmann von Kapernaum war als Gastgeber Jesu nicht geeignet.
Paulus war zu seinem Dienst als Apostel nicht geeignet.
Sie alle waren nicht minderwertig, sondern schlicht ἱκανὸς, also nicht fit!

Wie reagiert Gott auf diese Unfitheit?
Gott gibt Mose Zeichen und Wunder an die Hand und stellt ihm Aaron zur Seite.
Gott verortet die Eignung des Hauptmanns nicht in seiner Stellung, sondern in seiner Geisteshaltung und belohnt ihn dafür.
Gott bricht das Leben des Paulus, damit Paulus lernen kann, was Gnade ist.

Keiner dieser Menschen ist “würdig” im Sinne von “geeignet” für seinen Dienst. Sie alle erleben allerdings ein Handeln Gottes, was sie grundlegend verändert. Gott hilft auf, Gott leitet, Gott befähigt, Gott beschenkt – Gott würdigt. Kein abstrakter Begriff von Würde, sondern Gottes handfeste Hilfe.

Der Predigttext der evangelischen Kirche für den heutigen Tag umfasst Joh. 15, 16:
Jesus spricht: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe.“

Wir haben dazugelernt und ergänzen eine neue Erkenntnis:
Jesus spricht: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt, bestimmt, gewürdigt und befähigt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe.“

AMEN.

Zeit der Stille

Wir haben Zeit zur Stille und Mut zur Lücke.

Hast du erlebt, wie Gott dich für dein Leben ausrüstet?
Hast du erlebt, wie Gott dich bricht, damit etwas neues aufblühen kann?
Fühlst du dich manchmal unwert oder unbereit? Was könnte Gott für dich tun?
Wo wartest du noch auf das Wirken Gottes in deinem Leben?
Bist du enttäuscht, fühlst dich nicht berufen oder hängengelassen?

 

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