[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Gedanken zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Predigtgedanken MCC Köln
Ines-Paul Baumann


Lk 10,25-37: Der barmherzige Samariter

 

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„Früher habe ich mit den Türken bei uns auch nicht viel anfangen können. Ich hielt sie für aggressiv, bildungsfern, integrationsunwillig und frauenverachtend. Ich verstand nicht, warum so viele von denen in unserem Land leben müssen.“ Die Frau auf dem Podium hätte aus dem Fernsehen sein können: jung, blond, lange Haare, gut aussehend, sicher im Auftreten, dabei trotzdem sympathisch. Sie war tatsächlich im Fernsehen gewesen: „Aber seitdem ich bei dieser Serie mitgemacht habe, sehe ich das anders.“ In der Serie ging es darum, dass sie eine Zeit lang bei Leuten wohnen sollte, die ihr vorher fremd waren. „Wir haben eine Zeit lang zusammen gelebt, und seitdem weiß ich, was sie bewegt und wie ihre Kultur funktioniert. Wir haben uns richtig angefreundet. Seitdem ich diese Menschen näher kennengelernt habe, habe ich kein Problem mehr mit unseren türkischen Mitbürgern. Ich sehe jetzt auch, dass die ja gar nicht alle gleich sind. Wir sollten sie nicht einfach alle in einen Topf werfen.“
Alle nickten ganz andächtig. Eine tolle Frau. Wie sie so ehrlich mit ihren Vorurteilen umging. Wie sie eingestand, dazu gelernt zu haben. Vor so vielen Leuten im Publikummuss man erst mal den Mut haben, sowas zu äußern.
Eine andere Person auf dem Podium hatte noch eine Frage: „Und wenn du dieses Erlebnis nicht gehabt hättest? Würdest du dann immer noch allgemein von ‚den Türken‘ reden, die dich stören und die hier nix zu suchen haben? Was ist mit anderen Menschen, die dir fremd sind? Möchtest du immer erst irgendwo einziehen müssen, bevor du sie als deine Mitmenschen wahrnehmen kannst?“

Jesus, hilf uns,
auch Menschen, die uns fremd sind,
auf ihrem Lebensweg weiterzuhelfen,
auch wenn wir dafür manchmal
von unseren gewohnten Wegen abweichen müssen.

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Das mit dem Holocaust erschlägt mich. Ich kann und mag nicht über den Holocaust nachdenken. Ich bin kein Held. Ich bin ängstlich. Ich habe genug mit mir selbst zu tun. Dieser ständige Anspruch, etwas für andere tun zu müssen, überfordert mich. Früher war das anders. Als ich noch bei der Bank gearbeitet habe, leistungsfähig war. Jeden Tag bin ich gejoggt, war immer in Form. Habe mich fit gemacht, um immer gut funktionieren zu können. Aber der Druck nahm zu. Es ging um immer mehr Gewinn – von unserer Bank, nicht für unsere Kunden. Denen drehten wir unseriöse Geschäfte an. Von den Gewinnen hatten nur wenige etwas (also vor allem wir). Für die Verluste dagegen stehen ja die Steuerzahler ein. Aber die Bösen waren nie wir von der Bank, sondern immer andere: Die Griechen, die Asylanten, die Gewerkschaften, die zu viel fordern. Komisch, was die Leute in unserem Land alles mitmachen. Naja, ich sollte mich nicht wundern, ich habe das ja selber lange mitgemacht. Mein Job war das wichtigste, dafür habe ich alles getan. Was habe ich alles verschwiegen und hingenommen, um den zu behalten. Irgendwann bin ich dann zusammengebrochen.
Heute fühle ich mich schnell überfordert. Ich habe keine Ahnung, was ich damals im Dritten Reich getan hätte. Ich kann mich nicht vergleichen mit einem Bonhoeffer oder den Mitgliedern der Weißen Rose. Viel zu aufregend, viel zu riskant, viel zu unbequem. Neulich in der Bahn stand ein Mann mit zwei Kindern an der Tür, eins davon noch im Kinderwagen. Sie unterhielten sich in einer Sprache, die ich nicht verstand. Dann wollten sie aussteigen. Keiner half ihm, alle waren in ihre Zeitungen vertieft oder schauten aus dem Fenster. Also habe ich kurz mit angepackt. Die anderen waren vertieft in ihre Zeitungen. In den Schlagzeilen ging es darum, dass nicht mehr alle Ausländer zur Asylbehörde müssen. Für gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland wird jetzt eine Willkommensstelle eingerichtet. Wir brauchen diese Fachkräfte für unsere Wirtschaftskraft. Dieser Mann mit den zwei Kindern gehörte wahrscheinlich nicht dazu. Ich habe ihm trotzdem geholfen. Da hatte ich ja auch nichts zu verlieren. Keine Ahnung, wie das damals gewesen wäre, unter dem ganzen Druck der Nazis und der Nachbarn. Warum hätte ich nicht auch der Partei beitreten sollen, das hatte doch nur Vorteile, und so ein Beitritt tut doch niemandem weh. Ich weiß einfach nicht, wie ich reagiert hätte.
Aber sehr zuversichtlich bin ich nicht. Wenn ich mir überlege, was wir alles tun, wo wir nichts zu verlieren haben außer unseren Jobs und unserem Wohlbefinden und unseren Absicherungen und unserem Ansehen im Freundeskreis – warum sollten wir plötzlich mutiger werden, wenn es um Leben und Tod geht?

Jesus, hilf uns,
Barmherzigkeit zu üben statt wegzusehen,
und über alle Mächte und Mächtigen, die uns lähmen wollen,
deine Macht der Liebe auszurufen.

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Manchmal muss ich mir auch einfach selbst der Nächste sein. Jesus hat von dem Mann, der schon am Boden lag, nicht verlangt, aufzustehen und Leute zu suchen, denen es noch schlechter geht als ihm. In seiner Not war er war einfach mal sich und anderen der Nächste. Manchmal liege ich am Boden. Bin ich mir darin selbst nahe? Erlaube ich mir das? Wenn meine Not sich äußerlich und körperlich äußert, ist es noch am einfachsten, denn das ist wenigstens „anerkannt“. Manchmal bin ich aber auch innerlichin Not, fühle mich ausgetrocknet oder zerrissen – das ist schon schwieriger: Wir sollen doch immer alle glücklich und selbstsicher sein.
Manchmal fühle ich mich auch in meinem Glauben unsicher. Manchmal stellt sich bei mir kein Gefühl des Friedens und der Gottesnähe ein. Oft brauche ich Rituale und Gesten, die ich kenne, um Halt zu finden. Finde nur in bestimmten Formen von Gottesdienst das Gefühl von Sicherheit. Und habe gerade in Gottesdiensten oft keine Lust auf Leute, die verletzt am Rand sind. Sie scheinen mir dann tatsächlich nicht auf derselben Seite zu stehen wie ich. Sie sollen dasselbe tun wie ich! Ich möchte sie neben mir stehen und singen sehen. Manchmal spüre ich Gott erst dann, wenn ich und andere viele Worte machen. Alles, was anders ist, als ich es kenne und erwarte, scheint mir nicht gut genug zu sein.
Gestehe ich dir, Jesus, zu, dass du mir anders begegnest als ich es kenne und erwarte? Wenn du nicht immer nur stark daherkommst, warum muss ich dann immer stark daherkommen? Gestehe ich mir das ein? Lasse ich das zu, bin ich mir darin nahe?
Menschen, die sich selbst nahe sind, erkennen vielleicht am ehesten auch im Fremden ihre Nächsten – sowohl in den fremden Menschen, denen sie begegnen, als auch in den Anteilen in sich selbst, auf die sie vielleicht erst mal mit Befremdung reagieren.

Jesus, hilf uns,
dass wir uns auch den Anteilen, die uns fremd sind im Leben mit uns selbst und mit dir,
annähern können,
und barmherzig mit uns selbst und unseren Gottesbildern zu sein.

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