[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Ein Manifest gegen engführende Gottesbilder, Mutterbilder und Vertröstungen. (Zur Jahreslosung 2016.)

Predigt MCC Köln 3. Jan. 2016
Ines-Paul Baumann

Jesaja 66,13: Gott spricht: Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.

Ich fordere,

  • dass vom christlichen Glauben Impulse für die Überwindung von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen ausgehen (wie schon die Bibel bezeugt: nicht alle Mütter trösten, nicht alle Väter trösten NICHT),
  • dass vom christlichen Glauben Impulse für die Befreiung von geschlechtsspezifischen Dualismen bezüglich von Elternrollen und -körpern ausgehen (in Fortsetzung des biblisch bezeugten Gott-“Vaters“ mit Gebärmutter), auch bezüglich unseres Verständnisses von Elternsein insgesamt (Gott und Gotteskinder in der Bibel „haben“ leibliche Kinder, adoptierte Kinder, geistliche Kinder, gar keine Kinder, verstorbene Kinder, nicht geborene Kinder, von anderen für sie ausgetragene Kinder, auferweckte Kinder, …),
  • dass der christliche Glaube Gott [auch] als Mutter offen vertritt und öffentlich bekennt (wie wir es in der Bibel vorfinden, wenn wir offenen Auges hinschauen und wahrnehmen),
  • dass der christliche Glaube sich insgesamt neu zum Gebot des Bilderverbots bekennt und die (sich mal widersprechenden, sich mal ergänzenden) Namen und Bilder Gottes bewusst in ihrer Vielfalt heiligt statt nur „unseren Vater im Himmel“ (und Bilder aus der Vielfalt ihrer Zusammenhänge ent-heiligt, zum Beispiel in einer offenen Anerkennung von Titeln wie „Sohn Gottes“ mit ihren multireligiösen und imperialistisch-machtpolitischen Verwandschaften),
  • dass der christliche Glaube dazu ermutigt, dass diese (auch geschlechtsbezogene) Vielfalt der Gottesbilder sich widerspiegelt in einem mutmachenden und einladenden Miteinander einer ebensolchen (auch geschlechtsbezogenen) Vielfalt in Gottes Ebenbildern, den Menschen (sowohl Einzelne als auch Gemeinschaften können eine Vielzahl unterschiedlicher geschlechtsbezogener Aspekte in sich tragen und in ihrem Handeln zum Tragen bringen),
  • dass christliche Verkündigung dazu ermutigt, Gott nicht nur als übermenschliche Fortsetzung unserer menschlichen Erfahrungen zu verstehen (Gott ist eben nicht immer einfach eine Projektion des Mutterseins, das mir begegnet ist), sondern solidarisch sowohl Leben ermöglichende als auch Leben einschränkende Erfahrungen berücksichtigt und sich orientiert an den hartnäckigen, renitenten, trotzköpfigen Verheißungen heilsamer und heilvoller Gemeinschaften,
  • dass christliche Glaubenspraxis aus Folgen schuldhafter Erfahrungen befreit und Zukunft offen hält: anders als z.B. digitale Speicher bindet mich Trost nicht an das Vergangene (Trost soll mich ja gerade herausholen aus den Folgen sowohl von Verletzungen, die ich selber verschuldet habe, als auch von denen durch andere); und anders als z.B. digitale Algorithmen bindet mich Trost nicht für die Zukunft (nach dem Trost löse ich mich aus der Umarmung und mache mich mit Frieden und Zuversicht NEU auf den Weg),
  • dass christliche Gemeinschaften und christlich Glaubende deswegen mit den Menschen, die sich an sie wenden, (auch tröstende) Aufmerksamkeit, Nähe und Zeit teilen, ohne dafür Voraussetzungen zu setzen (z.B. Glaubensbekenntnisse, Lebensweisen, …) und ohne Verpflichtungen daraus abzuleiten (z.B. moralischer, spiritueller, finanzieller oder gemeindebezogener Art).

 

Puh, das musste mal raus.
Die meisten Predigten und Andachten, die ich zur Jahreslosung gesehen habe, sind nicht wirklich schlecht oder „falsch“ – was auch schwer ist bei so einer tollen Steilvorlage ;)
Viele finden wirklich schöne, tröstende Worte und sind durchaus oft vorsichtig im Umgang mit Geschlechterrollen. Aber ich wundere mich, wie es die meisten schaffen, gerade die Aspekte nicht aufzugreifen, die mich am meisten anspringen.

In all meiner Verwunderung und Verzweiflung merke ich selbst manchmal schon gar nicht mehr, wie sehr ich mich über ein bisschen Trost freuen würde.
Schon dafür, dass ich mich so oft allein fühle mit meinen Wahrnehmungen, Fragen und Wünschen.

Wann habe ich mich das letzte Mal getraut, zu weinen?
Meinen Schmerz mal nicht einzuordnen als ach-so-tollen Impuls, um daraus für meine Selbstoptimierung etwas ganz Wichtiges lernen zu können?
Mich anderen gegenüber leer und bedürftig zu zeigen – ohne „postive Emotionen“, ganz weit weg von „positivem Denken“?
Abgekämpft und genervt, ganz weit weg von jedem „Flow“…
Wahrlich keine „Ich-AG des Trostes“, weit weg von „Just-Do-It“ und „Yes-I-can“ und all den lustigen Slogans auf den T-Shirts im hippen Köln…
Von anderen zu erwarten, dass sie für mich da sind, auch wenn ich selber meine Situation verbockt habe… Wenn ich keine Gegenleistung „verdient habe“…
Wo ich nichts aus mir und meinen Möglichkeiten und meinem Leben und meiner ach-so-grenzenlosen-Freiheit gemacht habe….

Und doch, vielleicht ist meine Suche nach Trost einer der letzten Sieger über diese ständige Selbstoffenbarungs-Mitteilungs-SMS-Twitter-Flut.
Nein, ich poste es nicht an 380 „Freunde“ und „Follower“!
Nein, ich wünsche mir keinen „I-Like“-Trost-Daumen!

Manchmal möchte ich einfach nur meine Ruhe haben.
Meine Fragen wahrnehmen.
Meine Verletzlichkeit schützen.
Traurig sein, ohne den Grund dafür kennen zu müssen.
Solidarisch sein statt zu vergleichen und aufzurechnen.
Freundlichkeit erfahren, ohne dass ein Plan dahintersteckt.

Ein Bier trinken mit Leuten, von denen ich „nichts habe“.
Auf dem Friedhof jemandem zuhören, der mir „nichts bringt“.
Auf einer Ausstellungseröffnung genau mit der Person ins Gespräch kommen, die alleine am Rand sitzt.
Zuhause auf dem Sofa sitzen und mit Karentina in die Glotze starren.
Durch den Buchladen flanieren und zwei Stunden überall reinblättern, wo ich will – ganz ohne zu wissen, ob das andere interessiert hat, die mal dasselbe Buch gekauft haben wie ich. ICH suche herum! ICH entscheide, was ich angucken will! Ganz ohne ZIEL!
Raus aus diesen Zweck-Beziehungen zwischen Menschen.
Raus aus diesen Zweck-Verbindungen zwischen meinen Entscheidungen gestern und denen heute.
Raus aus dem Zweck-Denken, das mein Tun und mein Wollen und meine Gefühle vereinnahmen will.
Raus aus dem ständigen Mehr und Weiter.
Raus aus dem Leisten und Gegenleisten.
Aus dem „Es-ist-nie-genug“ und „Ich-bin-nie-genug“.
Doch, manchmal IST es genug! Genug damit! Stopp! Raus!
Augen schließen und geborgen meine Wunden lecken.

Der TROST, den ich mir von Gott wünsche wie von einer Mutter, steht für all das.

Ich darf einfach ankommen. Ich muss nicht begründen, was passiert ist und warum ich jetzt Trost brauche. Ich brauche ihn – das reicht.
Ich darf selber schuld sein.
Ich darf alle Schuld den anderen geben.
Ich muss nicht in Vorleistung treten. Ich muss keine Gegenleistung erbringen.
Ich kann Vertrauen zeigen, all meine Sehnsucht nach Geborgenheit hineinlegen – und ich habe nicht das Recht, damit enttäuscht zu werden.
Ich kann verletzt und verletztlich sein, ohne mich verwundbar zu machen.
Ich darf leiden. Jetzt. Innigst. Mit aller Hingabe und allem Schmerz, der mich überwältigt – ohne blöde Sprüche und nur mit solchen Vertröstungen, die wirklich gut gemeint sind und mich mit meinem Schmerz ernst nehmen.
Ich darf leidend sein. Einfach so! Ohne Sinn und ohne Zweck.
Ich darf bedürftig sein; angewiesen auf Hilfe von außen. Selber nicht mehr weiter wissen.
Ich darf selbst entscheiden, wann ich angerannt komme – und wann ich wieder gehe.
Ich darf mich lösen, einfach so, ohne Versprechungen und ohne Verpflichtungen.
Ich darf mich berührt und getröstet fühlen, ganz ohne neue Einsichten oder Logik oder Erklärungen.
Ich darf im Moment verweilen. Was war und was kommt, ist egal. (Aber danach wird das, was war, anders in mein Leben integriert sein. Und danach wird das, was kommt, eben nicht mehr egal sein.)

Ich liebe diesen Gott, die mich (und andere) so trösten will.
„Dein Wille geschehe“!

 

Du musst nicht „genügend“ leiden oder „genügend“ leisten, um Trost zu bekommen. Zwei schöne sprichwörtliche Symbole für „Trost“ stehen dafür:

  • Trostpflaster:
    bekomme ich auch dann als sichtbare und spürbare Unterstützung, wenn mein Leiden „nach außen doch gar nicht so schlimm“ ist.
    =>

    Ich muss nicht leidender oder verletzter sein als ich bin, um im Trost die Aufmerksamkeit und Nähe und Zugewandtheit zu bekommen, die ich gerade brauche.
    Und wenn meine Situation aussichtslos ist und diese Wunde in diesem Leben nicht mehr heilen wird: Das Trostpflaster zeigt mir, dass du auch diesen Weg mit mir gehst.
  • Trostpreis:
    bekomme ich auch dann als sichtbare und spürbare Anerkennung, wenn ich nur eine_r von vielen bin – ein Preis, den ich nicht „verdient“ habe.
    =>

    Ich muss nicht besser oder stärker sein als ich bin, um im Trost die Aufmerksamkeit und Nähe und Zugewandtheit zu bekommen, die ich gerade brauche.
    Und wenn meine Situation hoffnungslos ist und ich nie erreichen werde, was andere erreichen: Der Trostpreis zeigt mir, dass du mich auch auf diesen Weg siehst und anerkennst.

Nimm eins davon oder beide mit. Lass dich davon erinnern an den Willen Gottes, dich zu trösten. Jederzeit. In jeder Situation. Und nimm dir die biblisch bezeugte Freiheit, deinen Gott dabei mit den Geschlechtsrollen oder anderen Bildern zu verbinden, die für dich mit tröstenden Erfahrungen verbunden sind!


Buchtipps zum „Manifest“:

  • Gott Gewicht geben – Bausteine einer geschlechtergerechten Gotteslehre“ von Magdalene L. Frettlöh, Neukirchener Verlag 2006
  • „Gott heißt nicht nur Vater“ von C. Gerber / B. Joswig / S. Petersen (Hg.), Göttingen 2008

 

 

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