[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Die Leviten lesen

Predigt MCC Köln, 12. Feb. 2017
Manfred Koschnick

Levitikus 19,16-18: „Von der Heiligung des täglichen Lebens“

Du sollst kein Verleumder sein unter deinem Volk. Du sollst auch nicht stehen wider deines Nächsten Blut; denn ich bin der HERR.
Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, auf dass du nicht seineshalben Schuld tragen müssest.
Du sollst nicht rachgierig sein noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn ich bin der HERR.

Levitikus 19,16-18

Leviticus 19 Vers 16: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Wie macht man das und wer sind eigentlich meine Nächsten? Unsere Nächsten, das sind unsere Eltern. Wir sind sie! Ihre Erbanlagen sind in uns. Wir bestehen aus Vater und Mutter. Und unsere Eltern hatten ebenfalls Eltern. So bestehen wir auch aus unsern Großeltern. Dies ist manchmal nicht einfach. Viele Großeltern waren gleichgültig gegenüber der Ausgrenzung und Verfolgung der Juden im 3. Reich. Mit Zorn blicken einige von uns auf das, was Deutsche ihren Mitbürgern  jüdischen Glaubens angetan haben. Es ist leicht zu sagen, Beethoven war ein Deutscher (aus Bonn). Er war einer von uns.“ Freude schöner Götterfunken…“ Goethe und Martin Luther waren welche von uns. Sie wohnen in der Seele der Deutschen und wirken dort, – sei es mit dem Weihnachtslied“ Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Martin Luther oder in geflügelten Worten Goethes wie z.B. „“Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Luther und Goethe leben in uns. Wir sind nicht nur unsere Eltern, wir sind auch Beethoven, Luther und Goethe. Sind wir auch Albert Einstein? Einstein sagte“ Wenn ich mit meiner Arbeit erfolgreich bin, sagen die Franzosen, ich sei ein Weltbürger und die Deutschen sagen, ich sei ein Deutscher. Wenn ich aber erfolglos bin, sagen die Franzosen, ich sei  ein Deutscher. Die Deutschen sagen dann, ich sei ein Jude. Sind denn auch Juden ein Teil von uns? Manchen wird unwohl bei dem Gedanken. Martin Walser sprach in seiner berüchtigten Rede in der Paulskirche von einer moralischen Keule, bei der Erinnerung an Auschwitz. Tief im Innern oder ganz oberflächlich sträuben sich viele Deutsche dagegen, dass auch die Juden ein Teil von uns sind. Es ist ihnen peinlich( als seien die Juden  am Holocaust Schuld…) Manche möchten sie lieber außer Landes sehen, um sie auch in sich loszuwerden. Wir und die Juden wie Feuer und Wasser, wie Hund und Katz‘, wie Subjekt und Objekt, wie Opfer und Täter, wie Krieg und Frieden. Der Antisemitismus wird erst enden, wenn ich sehe und wertschätze, dass die deutschen Juden ein Teil von mir sind, der mich ganz macht. Juden dürfen in mir genau so eine Stimme haben, wie Martin Luther oder Ludwig van Beethoven. 100.000 Juden sind im 1. Weltkrieg für ihr deutsches Vaterland gestorben/gefallen. Sie sind ein Teil von uns. Sie sind unsere Nächsten! Die Toten von Auschwitz sind unsere Toten! Es kann ein leeres Ritual und eine Instrumentalisierung sein, wenn eine große Familie sich einmal im Jahr trifft und dann jedes Mal als Gemeinschaftsaktion zum Grab der Großeltern geht. Die Enkelkinder spüren sehr klar, ob es dabei um die Großeltern geht oder um etwas ganz anderes. Was passiert, wenn es um die Großeltern geht? Dann werden Geschichten aus ihrem Leben erzählt. So können wir Geschichten von Juden erzählen, die halfen, unser Berlin  in den ersten 30 Jahren des letzten Jahrhundert zum kulturell und technisch innovativsten Zentrum der westlichen Welt zu machen. Von 1900 bis 1933 gingen 32 Nobelpreise an Deutschland. Unsere Juden hatten ihren  Anteil daran. Wir können mit Recht stolz auf sie sein und dankbar. So werden die Toten in der Erinnerung und in unsern Herzen wieder lebendig. Das ist tröstlich, obwohl die Lebensgeschichten in der Nazizeit meist traurig waren. Aber es waren spannende Geschichten, eigentlich Vorlagen für Romane und große Spielfilme. Warum gab es diese nicht?  – z.B. die Flüchtlingsgeschichte  von Joseph Schmidt. Joseph wer? Damals war er ein berühmter, reicher „Popstar“. Sein größter Hit war „Ein Lied geht um die Welt“ oder „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben!“.  Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sang er am 20. Februar 1933 zum letzten Mal im deutschen Rundfunk. Eine Woche darauf wurde ihm der Zugang zum Funkhaus verwehrt. Ihm gelang im Oktober 1942 – nach mehreren missglückten Versuchen, in vielen verschiedenen Ländern Asyl zu bekommen , unter anderem in New York mit einem Auftritt in der Carnegiehall – die Flucht in die Schweiz. Allein und zu Fuß überquerte er die französische Grenze.  Aus französischer  Inhaftierung geflohene Juden wurden in der Schweiz jedoch nicht als politische Flüchtlinge anerkannt. Von den Strapazen ausgehungert und geschwächt, brach Schmidt in Zürich auf offener Straße zusammen, wurde als der berühmte Sänger erkannt und als illegaler Flüchtling –– in ein Internierungslager gebracht. Seinem Hinweis auf starke Schmerzen in der Herzgegend wollte man jedoch nicht nachgehen. Nur zwei Tage später starb der international berühmte Musikstar an Herzversagen. Einen Tag nach seinem Tod lag seine Arbeitserlaubnis vor und er wäre frei gewesen. Es sind unsere Landsleute, die Juden. Es sind unsere Geschichten! Es sind unsere Nächsten, wenn wir ihnen unser Herz öffnen. Damit das geschehen kann,  muß das Jahr 1945 nicht das Jahr unserer Niederlage sein sondern das Jahr unser Befreiung!

Was aber ist mit Heinrich Himmler, der SA, der SS? Sind wir nicht nur Goethe und Beethoven sondern auch Heinrich Himmler und Adolf Hitler? Sind auch diese unsere Nächsten? Haben auch sie einen Platz in unserem Herzen? Ja, auch sie gehören zu uns. Hitler und Göbels waren  keine Götter und keine Dämonen. Sie waren Menschen wie wir. Das Böse kann banal daherkommen wie Zugfahrpläne, …mit denen die Transporte in die KZs organisiert wurden. Wir sind geistig auch aus SS-Führer Himmler, dem KZ-Arzt Mengele und dem hasserfüllte Hitler geboren. Auch von ihnen MUSS man erzählen….  Z. B., dass unser Adolf Hitler, der sogenannte Führer, keinen Führerschein hatte…, ein Nichtraucher war, dass er überzeugter Vegetarier war und auf Alkohol verzichtete und dass ihn sein besoffener Vater mit der Nilpferdpeitsche oft fast krankenhausreif geschlagen hatte und dass er anfangs nichts gegen Schwule hatte, bis Röhm ihm machtpolitisch in die Quere kam und er Sündenböcke brauchte. Das ist schwer auszuhalten, aber es sind wirklich unsere Nächsten. Jeder von uns ist schicksalhaft mit ihnen verbunden. Jeder erfährt das, der einmal Israel bereist. In Leviticus 19, Vers 18 steht „An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“ Soll heißen, Gott steht es zu, zu rächen oder zu verzeihen. Die gute Botschaft ist, dass wir Hitler nicht verzeihen müssen und die Juden nicht rächen müssen. Die gute Nachricht ist, dass wir Hitler nichts nachtragen müssen. Nachtragen heißt ja, jemanden hinterherlaufen, um ihm etwas nach-(hinterher)-zu tragen. Wir dürfen Hitler ziehen lassen. Er bleibt so lange wir leben mit seinen Spuren ein Teil von uns. Als solchen Teil müssen wir ihn sehr ernst nehmen. Er wirkt bis heute, nicht nur in der NPD sondern in der Mitte unserer Gesellschafft und in jedem von uns. Wird nicht getrauert, wird Hitler in uns verdrängt, rebellieren zornige junge Männer mit Glatzen u. Springerstiefeln und erinnern mit ihren furchtbaren Taten an ihn. Spürst du, was für einen Unterschied es macht, etwas  von Dir nur wachsam zu beobachten und ernst zu nehmen oder aber aus Rache ihm nachzujagen?! Den inneren Schweinehund zu bekämpfen ist naheliegend. Langfristig besser ist es jedoch, sich mit ihm zu versöhnen, ihn zu verstehen und ihm zu geben, was er in Wahrheit braucht. Hätte Hitler Kunst studieren dürfen, wäre er kein Massenmörder geworden. Kleinen Kindern fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Eltern unabhängig von ihrer Elternrolle noch andere Interessen und eigene Probleme haben. Erst mit dem Erwachsenwerden, können Kinder die Eltern aus der Elternrolle entlassen und ihnen ihre ganzheitliche Würde als Mensch zurückgeben.  Immer noch verhalten sich Menschen Hitler gegenüber wie kleine Kinder. Täter können gerade bei der Tat Opfer nur als Opfer sehen. Opfer können Täter nur als Täter sehen. Das ist nachvollziehbar. Es geht bei der Nächstenliebe jedoch um das Erwachsenwerden vor Gott und mit Gott. Auch den Opfern, den Juden dürfen wir zugestehen, dass sie nicht nur Opfer sind oder waren. Sie waren mehr als das. Auch den Tätern können wir zugestehen, dass sie nicht nur Täter sind oder waren. Sie sind mehr als das! Auch Täter haben eine Würde. Sie zeigt sich im vollständigen Annehmen der Schuld und Akzeptanz der Strafe. Darum dürfen wir Nachgeborenen aus Respekt vor den Tätern nicht ihre „Schuld – Gefühle“ auf uns nehmen! Wenn Menschen ihre Nächsten so als ganzheitliche, gleichberechtigte, selbstständige und selbstverantwortliche Mitmenschen anerkennen, hört die Rache auf, das erniedrigende selbstverliebte Mitleid –  und vielleicht auch die Todesstrafe.  Ich begann meine Predigt mit 2 Fragen: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Wie macht man das und wer sind eigentlich meine Nächsten?“ Die erste Frage muß ich also noch beantworten. Jeder hat seinen eigenen Weg zu gehen. Meiner beginnt damit, dass ich die Augen schließe, ruhig werde und in der Ruhe mir die Nächsten vergegenwärtige. Dann stelle ich mir vor, ihnen werde das gegeben, was sie gebraucht hätten. Dabei entsteht die Liebe ganz von selbst. Dann frage ich als Christ, wem ich denn der Nächste bin . Das macht mich dankbar und demütig. AMEN

Friedensgruß

(Einleitung: Daniel Großer)

Was ist dieser Friede von Jesus?
Was ist dieser Friede von einem der vorhersah, was durch ihn in diese Welt kommen würde, als er sprach:
“Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden;” (Mt 10,21.22a)
Was ist dieser Friede von Jesus, der so schwach und leicht daher gesagt scheint?
Was ist dieser Friede von Jesus, dem der Unfriede der Welt tagtäglich ins Gesicht schlägt?
Was ist dieser Friede von Jesus?

Es ist der Friede dessen, der die Welt und ihre Wirklichkeit kennt.
Es ist der Friede dessen, der Menschen nicht verklärte, und sie dennoch suchte.
Es ist der Friede dessen, der auch anders könnte.
Es ist der Friede dessen, der weiß, dass Friede nur im Himmel wirklich frei ist.
Es ist der Friede dessen, der sich auf Gelehrte und Verbrecher einließ, auf Frauen und Männer, auf Juden und Heiden, auf Zweiflerinnen und Eiferer.
Es ist der Friede dessen, der jeden und jede bei seinem Namen zu sich ruft.

Jesus Christus, deine Worte des Friedens schweigen nicht, sie stören unseren Unfrieden und alles in uns, was sich damit eingerichtet hat.
Wenn wir einander deinen Frieden zusprechen, so wünschen wir uns, dass Friede werde in uns und durch uns und mit uns, und für alles, was in uns lebt.
Wir wünschen uns, dass Friede werde bei uns und unter uns, mit allen, die um uns und mit uns leben.
Wir wünschen uns, dass Friede werde mit dir und in dir und durch dich, damit du in uns lebst.
Du hast Worte des ewigen Lebens, und sie laden uns heute ein, uns als Nächste zu erkennen.

Wir wollen ein Zeichen des Friedens geben. Das kann jetzt dadurch geschehen, dass wir aufstehen, aufeinander zugehen und uns gegenseitig den Frieden Gottes zusprechen. Es kann aber auch dadurch geschehen, dass wir im Frieden sitzen bleiben und uns nicht in Unfrieden stürzen durch etwas, was wir mitmachen ohne es zu wollen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus! (Phillipper 4, 7)

So gebt einander ein Zeichen des Friedens.

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