[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Aufrecht bleiben, auch wenn du vor Angst vergehst („Wiederkunft“ Teil 1: Was kommt?)

Predigt MCC Köln 29. Nov. 2015
Manfred Koschnick

Lukas 21,25-36: „Die Wiederkunft des Menschensohnes“

Liebe Gemeinde!

Es lässt sich berechnen, wann die Strahlkraft der Sonne so weit an Kraft verloren hat, dass die Erde unbewohnbar sein wird. In ca. 4 Mrd. Jahren wird unsere Sonne ihren Brennstoff aufgebraucht haben. Dann dehnt sie sich aus und verschluckt die inneren Planeten (auch die Erde). Diesen Zustand nennt man dann „roter Riese“. Noch später fällt die Sonne in sich zusammen und übrig bleibt ein „weißer Zwerg“.

Das ist nicht ungewöhnlich. Millionen anderer Sonnen und ihre Planeten sind schon auf diese Weise verschwunden und da, wo die Masse der jeweiligen Sonne ausreichte, konnte sogar ein schwarzes Loch entstehen.

Jesus aber glaubte vor 2000 Jahren wie viele seiner Zeitgenossen an das sehr baldige Ende der Welt, das sich durch besondere Zeichen ankündigen wird. Darin irrte er wie tausende anderer Propheten durch die Jahrhunderte zu allen Zeiten. Für das Jahr 1000 n.Chr., später dann für das Jahr 2000 n.Chr. rechnete man auch mit dem Ende der Welt, nach dem Mayakalender für 2012. Manche Christen sehen jetzt in einem der Kriege und zeitgleichen Erdbeben die Zeiten gekommen, von denen Jesus sprach.

In einer Betrachtung biblischer Texte fragen wir immer danach, was der Text uns heute für das eigene Leben zu sagen hat. Was also kann dieser Text uns wissenschaftlich aufgeklärten Christen heute noch sagen? Immerhin war es doch Jesus, der vom Weltuntergang spricht.

Der Text hat zwei widersprüchliche Aussagen wie schwarz und weiß oder Ying und Yang. Die eine Botschaft heißt: es wird alles in einer Katastrophe enden. Seht Euch vor! Die andere Botschaft lautet: Freut Euch erhobenen Hauptes, denn das Himmelreich ist nah.

So in diesem letzteren christlichen Sinne gesehen, passt die Predigt gut in den Advent. Was viele Menschen mehr fasziniert als die Ankunft Jesu, ist jedoch der „Horrorkatastrophenfilm“ am Ende der Zeiten. Irgendwie konkurrieren diese unterschiedlichen Genres bzw. Vorstellungen miteinander.

„Ich kann gar nichts mehr glauben“, sagen einige meiner Bekannten. Kennt Ihr das? Sie sagen, die Bibel sei zu widersprüchlich. 2 unterschiedliche Schöpfungsberichte, zahlreiche Evangelien, von denen der römische Kaiser Konstantin aus politischen Gründen lediglich 4 akzeptierte, die dann daraufhin den biblischen Kanon bildeten. Dennoch brachten die 4 kein einheitliches Gottesbild zustande. Einerseits und andererseits – das ist unlogisch. A ist doch nicht B. Griechische Logik. Entweder oder! Das „eine“ Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben, wirkt in sich unlogisch und unglaubwürdig wie eine wirre Kakophonie. Entweder wir sind alle gerettet, oder aber es beginnt beim Endgericht die große Abrechnung mit unsern Fehlern.

Was denn nun? Rettung oder Katastrophe? Ist Gott zornig oder barmherzig? Warum ist dies auch bei Lukas so verwirrend? Es hängt mit der Zeit zusammen, in der das Lukasevangelium entstand. Lukas war Wegbegleiter des Paulus. Man schätzt, dass das Evangelium nicht später als auf das Jahr 90 zu datieren ist. Jerusalem, das geistige Zentrum des Glaubens, war 70 Jahre nach Christi Auferstehung zerstört worden. Eigentlich erwarteten die Juden noch immer den Messias, der Israel befreien und stark machen sollte. Eigentlich war für Christen nach der Auferstehung Jesu (trotz Anfeindungen seitens der Heiden und Juden) bis zur Zerstörung des Tempels im Wesentlichen alles gut und das endgültige Himmelreich sehr nah!

Die Urgemeinde hatte hierarchische Strukturen geschaffen, was die Möglichkeit politischer Wirksamkeit realisierte auch im heidnischen Ausland. Und nun geschah der Supergau, die vollständige Zerstörung des Tempels. Haben sich alle Propheten geirrt?

Diesen Zusammenbruch einer Kultur und Religion mussten die Juden und die Christen verarbeiten. Manche Theologen erklären fast alle Theologien des neuen Testaments aus dieser religiösen Zäsur. Die Christen fragten: „Welcher Platz in der Geschichte Gottes mit der Welt könnte diesem Ereignis zukommen? Welche Bedeutung hat Jesu Friedensbotschaft in solch schrecklicher Zeit? Kommt Jesus denn, um die Welt, oder wenigstens das entstehende Christentum (seine Leute), zu retten?“ Vermutlich haben verschiedene Schreiber mit unterschiedlichen Auffassungen das sogenannte Lukasevangelium verfasst. Sie beriefen sich dabei, wie damals üblich, auf eine religiöse Autorität wie z.B. Lukas. So wurden ihre Ansichten Lukas zugeschrieben und dadurch nach heutiger Rechtsauffassung verfälscht – und passend gemacht.

Wir hoffen heute, dass das Evangelium einen Teil des Glaubens der Urgemeinde tatsächlich spiegelt und die Existenz des realen Jesus da hindurch scheint. „Ich kann gar nichts mehr glauben“ sagen einige meiner Bekannten. Immerhin erkennen wir anhand der historisch-kritischen Forschung, dass es für die Urchristen weniger um Zukünftiges als um Vergangenes geht, das einer verständlichen Einordnung in Gottes Plan bedarf. Der Text bezieht sich in Wahrheit also auf das, was schon geschah, die Zerstörung des Tempels, die Lukas selbst vermutlich nicht mehr erlebt hat. Der Autor reflektiert das Geschehene in einer damals häufig vorkommenden apokalyptischen Zukunftsvision. „An den Zeichen werdet ihr erkennen“ heißt eigentlich: „Daran wird Euch klar werden, dass Gott Herr der Geschichte und Zukunft ist“.

So ist schließlich auch für Dein eigenes Leben und Deine Zukunft das bedeutsam, was geschah. Was ist Dir geschehen? Welche Welt brach für Dich zusammen…?

Bei mir war es so: Meine erste große Liebe – ich war 21 Jahre alt – zerbrach, als mein Freund aus unbegründeter und mir ungeahnter Eifersucht, ohne mir etwas zu sagen, von einem auf den anderen Tag an einen mir unbekannten Ort zog. 6 Monate später erfuhr ich von andern, dass er seinen todkranken Vater in der Eifel gepflegt hatte. Erst konnte ich nicht glauben, was geschah, und konnte mir keinen Reim daraus machen. Plötzlich lebte ich wie in einem Vakuum, und die Welt, die mein Leben war, wurde wie eine Daunenfeder im Sturm verweht. Ich war verstört wie ein Emmaus-Jünger. Viel später erst erfuhr ich den Grund, warum er unsere Liebesbeziehung beendet hatte.

Sicher hast auch Du solche persönlichen Weltuntergänge schon erlebt. Sicher wurde z.B. auch deine Kindheit durch die Pubertät zerstört. Der Wiederaufbau Deiner Identität war nicht einfach. Nun ist auch die Jugend vergangen wie zerstört oder gestorben – unwiederbringlich vorbei – so vorbei wie die Zeit, als Gott noch ein Haus (seinen Tempel) bei den Juden hatte.

Und auch mit der jetzigen Welt und heutigen Lebensphase mit ihren Gewohnheiten und Sicherheiten wird es einmal vorbei sein. Das Meer des Lebens wird stürmisch sein. Du kennst das vom letzten Mal. Du wirst wieder ratlos sein über das Toben und Donnern im Übergang zu neuem Leben. Die Kräfte des Himmels und der Erde sind erschüttert (heißt es) und Du wirst vor Angst vergehen….

„Dann hebe Dein Haupt!“ sagt Jesus, „denn Deine Erlösung ist nahe“. Der, der das sagt, ist der bereits Auferstandene, der uns vorangeht, der alle unsere Sünden am Kreuz gesühnt hat – so glaubten 70 n. Chr. die damaligen Hörer des Lukasevangeliums die frohe Botschaft.

Jesus Christus ist unser Friede, unser Friedensfürst, selbst dann, wenn die Welt zusammenbricht! Das ist der Zuspruch des Textes. Und Jesus richtet einen Appell an dich – einen Anspruch. Sei wachsam und bete! Als Prediger fallen mir hier die buddhistischen Mönche ein, die in der Meditationspraxis ganz entspannt und gelassen sind. Aber der Meister fordert die Mönche auf, in aller Gelassenheit wachsam und konzentriert zu sein, als wäre ein hungriger Tiger in der Nähe. Wenn die Mönche bei der Meditation einschlafen, weckt sie der Meister bzw. Lehrer durch einen Schlag mit dem Stock. „Wachet und betet!“ – diese Übung ist verdammt schwer, zumal wir Christen keine solche Schulung bekommen. Den Glauben mögen wir, wie Karl Barth meinte, gratis bekommen, aber erkämpfen müssen wir dessen Entwicklung, Pflege und Festigung selbst, ohne Eitelkeit, Ehrgeiz und falschem Stolz.

Ich meine, so hat Jesus das gemeint: trotz aller Katastrophen, die persönlich oder innenpolitisch und außenpolitisch oder als Klimawandel und Naturkatastrophen uns alle irgendwie berühren, ruhig zu sein und aufrecht.

Angesichts der politischen Veränderungen in Deutschland und der Welt dürfen wir als Christen selbstbewusst unsere christliche Flagge zeigen, unser Haupt erheben und im Nahen den Erlöser und das Nahen des Erlösers erwarten. Dafür ist es nötig, weder betrunken noch sonst wie berauscht zu sein. Und was kann uns gerade in der Konsumwelt von heute nicht alles berauschen… Jesus sagt, wie wir damit umgehen sollen: Richte dich auf, richte Deinen Blick auf das in und trotz der Katastrophe hereinbrechende Reich Gottes, und abermals sei „Salz der Erde“, wachsam und gewiß. Bete!!! Freue Dich auf die Ankunft und Nähe Gottes im Gebet und in der Gestalt Jesu Christi, (…gerade jetzt in dieser vorweihnachtlichen Adventszeit)! Dann löst sich auch das anfänglich beschriebene große Dilemma auf, dass die Bibel voller Widersprüche ist.

In westfälischen Altena, meiner Geburts- und Heimatstadt, haben mehrere Nachbarn einer dortigen Flüchtlingsunterkunft diese angezündet. Sie gehörten keiner extremen Partei an, kamen eher aus der Mitte der Gesellschaft. Gerade jetzt, wo Im allgemeinen Rechtsruck der BRD die Anhänger der PEGIDA die Rettung des christlichen Abendlandes fordern, sind wir als Christen gefordert, das Christliche des Abendlandes zu retten.

Wir wissen nicht was am Ende nach dem Leben kommt, aber wir wissen als Christen, wer kommt. Es kommt Christus, dem allein wir verantwortlich sind. Er begegnet uns in allen Flüchtlingen Hungernden und Obdachlosen dieser Welt. Um den Schutz und die Rettung genau dieser Menschen und dieser christlichen Kultur geht es in Dresden, in Leipzig, in Paris …und in dieser Gemeinde.
AMEN.

 

 

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