[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Als er sich Jesu Worten widersetzte, wurde er zum Vorbild.

Predigt MCC Köln, 28. August 2016
Ines-Paul Baumann

Lukas 17,11-19 Die zehn Aussätzigen“

Für manche Christen sind „falsch“ lebende „Nicht-Christen“ immer noch besser zu ertragen als „falsch“ lebende Christen – also Christen, die z.B. homosexuell sind oder Polyamory leben oder Investment-Banker sind oder die meditieren oder die AfD-Mitglied sind: alles Sachen, die aus Sicht derjenigen, die sich (zurecht) empören, eben „einfach nicht gehen“.

Für manche Schalke-Fans sind BVB-Fans schlimmer als Gar-Nicht-Fans.
Für manch Gläubige sind Leute, die anders glauben als sie selbst, schlimmer als Gar-Nicht-Gläubige.

Ungefähr so geladen können wir uns die Gefühle vorstellen, denen sich Samariter zu Zeiten des Neuen Testaments ausgesetzt sahen. Genau wie das Judentum waren sie aus dem Volke Israels hervorgegangen – aber nun galten sie als die „Abtrünnigen“, die „Falschen“.

Die „Abtrünnigen“ sind genau deswegen so schlimm, weil sie etwas „verraten“, was mir wichtig ist – etwas, was ich als RICHTIG und wohltuend und wertvoll erachte. Und ausgerechnet so ein Abtrünniger steht heute im Mittelpunkt bei Jesus.

Ich kenne diese Geschichte nun seit mehreren Jahrzehnten, aber in meiner Bibel-und-Jesus-Gläubigkeit habe ich etwas immer übersehen. Aber der Reihe nach:

  • Jesus heilt zehn Aussätzige.
    Er fragt nicht, welcher Herkunft und welchen Glaubens sie sind. „Christen“ in dem Sinne gab es damals ja eh noch nicht. Die zehn sind einfach da und wenden sich an ihn. Sie rufen ihn „Meister“ und bitten ihn, sich ihrer zu erbarmen – aber mehr auch nicht. Kein Lebensübergabe-Gebet, kein Glaubensbekenntnis, keine Taufe, keine Nachfolge, nichts. Ganz ohne solche Voraussetzungen heilt Jesus sie einfach alle, wie sich herausstellen wird.

  • Jesus befiehlt allen zehn, zu den Priestern zu gehen.
    Die Priester wachten damals darüber, dass die Gesellschaft „rein“ blieb – nur wer als rein anerkannt war, hatte Zugang zum gesellschaftlichen Leben. Sie waren quasi die Gutachter ihrer Zeit.
    Wenn dein Führerschein weg ist, bekommst du ihn nicht ohne Begutachtung wieder. Ähnlich damals: Wenn du Aussatz hattest, konntest du nicht ohne Begutachtung wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben.
    Als Transgender bekommt du heute ohne Gutachten keinen Zugang zu rechtlichen und operativen Möglichkeiten. Der Gutachten-Zwang ist demütigend, aber das Gutachten kann eben auch Wege öffnen. Das Gutachten schafft Zugang zu Möglichkeiten und zu gesellschaftlicher Normalität. Zu diesem Zweck soll das Gutachten bescheinigen, dass du tatsächlich bist, was du bist, auch wenn du noch nicht so aussiehst. Ähnlich muss es den Aussätzigen bei Jesus gegangen sein: Als Jesus sie losschickt, um sich das Gutachten für ihre Reinheit einzuholen, sehen sie noch gänzlich unrein aus.

  • Unterwegs werden die zehn rein. Von den zehn, die auf dem Weg zu den Priestern sind, kehrt nun einer um und geht zurück.
    Hier kommt der Knackpunkt, den ich bisher immer übersehen habe. Von den zehn halten sich jetzt nur noch neun an die Anweisung Jesu. Einer jedoch, als er sieht, dass er gesund ist, geht nun NICHT mehr den Weg zum Priester weiter, sondern geht stattdessen(!) zurück zu Jesus.
    (In manchen Übersetzungen bleibt das etwas undeutlich. Dann wirkt es so, als wäre dieser eine ERST zu den Priestern und DANN zu Jesus zurückgegangen. Die Formulierung ist aber anders: „unterwegs“ werden sie geheilt, und genau als der Samariter das sieht, geht er zurück. – Vielleicht ist er ja auch zu dem Priester gegangen, NACHDEM er zu Jesus zurückgegangen war. Aber so oder so: Zu diesem Zeitpunkt weicht er von dem ab, was Jesus ihm zu tun aufgetragen hat.)
    Anders gesagt: Einer WIDERSETZT sich der Anweisung Jesu. Einer handelt NICHT so, wie Jesus es ihm aufgetragen hat. Einer hält sich NICHT an das, was Jesus ihm geboten hat. Das ist die Stelle, die ich bisher immer außer Acht gelassen habe. Knackpunkt der Geschichte ist ein Mensch, der sich den Anweisungen Jesu widersetzt!
    Jesus Auftrag war so klar, wie er nur sein kann. Wir wissen heute manchmal viel weniger, was Jesus uns wirklich aufgetragen hat und was wir tun sollen und wohin wir gehen sollen. Trotzdem können Gemeinden ganz schön rigoros sein, wenn sich jemand nicht an das hält, was sie als Anweisung Jesu ausgemacht haben.
    Und WENN ich schon solche Klarheit von Jesus bekomme (also dass ich genau weiß, wohin ich gehen soll), dann sind die meisten Christen eher dankbar dafür und würden alles dafür tun, diesen Weg auch zu gehen. Sich einem solch klaren Auftrag Jesu zu widersetzen, käme einer Absage an den eigenen Glauben gleich.

    Dieser Mensch hält sich also nicht an das, was Jesus ihm aufgetragen hat. Er geht NICHT zu den Priestern, um sich ihnen zu zeigen. Er kehrt einfach wieder um.

    Angenommen, jetzt würde er wieder krank werden – wäre das nicht ein Anlass, wo so viel „christliche“ Anmerkungen angesichts von Leid und Krankheit mal offenbar angemessen wären?: „Selber schuld“… „verdiente Strafe“… „Hinweis Gottes zur eigenen Korrektur (Gott meint es ja nur gut)“ …
    Ja, MUSS Jesus ihn nicht zurechtweisen, wo er doch gegen Jesu Anweisung verstoßen hat????
    Das Gegenteil passiert:

  • Der einzige, der sich nicht an Jesu Worte hält, wird von Jesus als der einzige wahre Gläubige dargestellt.
    (Nochmal zum Mitlesen: Der einzige, der sich nicht an Jesu Worte hält, wird von Jesus als der einzige wahre Gläubige dargestellt.)

  • Und jetzt stellt sich auch noch heraus, dass das ein Samariter ist. Einer der „Falschen“, der „Abtrünnigen“.
    Das ist so, als würde Jesus in manch einer christlichen Gemeinde ausgerechnet die heimlich lesbisch lebende Chorleiterin nach vorne holen und sagen: „Seht her, SIE ist eine wahre Gläubige, nehmt sie euch zum Vorbild!“ Und das, nachdem sie als einzige bei der Erneuerung des Taufbekenntnisses auf der letzten Gemeindefreizeit nicht mitgemacht hat. Oder so.

    Vielleicht war es hier sogar von Vorteil, der einzige Samariter in der Gruppe zu sein: Angenommen, die anderen neun waren Juden, dann sind diese neun nach JERUSALEM gegangen, um sich „ihren“ Priestern zu zeigen. Der Samariter wird eher zum Berg Garizim in SAMARIEN gegangen sein, um sich DORT „seinem“ Priester zu zeigen.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass es leichter ist, als Einzelner zu so einer Entscheidung zu kommen, als wenn eine ganze Gruppe mich drängen würde, doch mit ihnen weiterzugehen.

  • Jesus setzt aber noch einen drauf. Er spricht den anderen neun geradezu ihren Glauben ab. Nur der eine hier gibt Gott mit seinem Tun die Ehre? Die neun, die sich an das halten, was Jesus ihnen aufgetragen hat, geben damit Gott NICHT die Ehre!??!! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Diejenigen, die sich an das halten, was Jesus ihnen aufgetragen hat, werden von Jesus geradezu dargestellt als Ungläubige? Sie haben doch die „richtige“ Religion! Sie tun doch das, was Jesus ihnen gesagt hat. Und sie sind es, die Gott nicht die Ehre geben?!

Was will uns Jesus damit sagen?

Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung.

Offenbar laufen für Jesus die Dinge manchmal anders als das, was mir als „christlich“ nahegelegt wurde – und was ich selbst auch bestimmt oft als „christlich“ weitergebe. (Entschuldigung für alles, was ich jemals Ungeistliches erzählt habe und in Zukunft Ungeistliches erzählen werde!)

Offenbar kann Jesus in einem Menschen einen wahren Gläubigen erkennen, der sich seinen Worten widersetzt.

Offenbar ist es für Jesus nicht gleichbedeutend damit, dass Gott die Ehre gegeben wird, nur weil Menschen einer anerkannten Religion angehören und sie sich an das halten, was Jesus ihnen aufgetragen hat.

Es ist tatsächlich nicht das einzige Mal, dass Jesus seine Geschichte ausgerechnet mit denen erzählt, die nicht den gängigen Erwartungen an Gläubige entsprechen:

  • die Sexarbeiterin, die Jesus verschwenderisch eine Öl-Massage gibt

  • Nikodemus, der heimlich mitten in der Nacht zu Jesus kommt

  • Männer im inneren Kreis mit ihrem Gerangel um Posten

  • einer aus dem staatlichen Finanzwesen, der zwar mal einen Blick auf Jesus erhaschen will, sich aber selbst schön bedeckt im Hintergrund halten wil

  • Kinder

  • Kranke

  • Behinderte

Wenn DAS genau diejenigen sind, mit denen Jesus DAMALS seine Geschichte erzählt, warum sollte Jesus das heute nicht auch tun? Mit IHNEN war Jesus zusammen, um Gott zu offenbaren, um das Reich Gottes zu zeigen, um zu zeigen, wie Gott ist und was das heißt. Warum sollte Jesus das heute nur mit „vorbildlichen“ Gläubigen tun?

Und was bedeutet das für meine eigenen Bewertungen, z.B. woran wir unsere Gemeindearbeit messen? Wenn wir am Ende eines Jahres zurückblicken, welche Fragen stellen wir dann? „Oh, wir haben 6 neue Mitglieder bekommen, was für ein erfolgreiches Jahr!“ Ist das die richtige Frage?

Müsste ich beim Jahresbericht nicht auch ganz andere Fragen gestellt bekommen – Fragen, die auch das ins Auge nehmen, wo Gemeinde vielleicht NICHT so läuft wie erwartet, aber sich darin Gelegenheiten öffnen für Jesu Wirken?
Zum Beispiel:

  • „Und, wie oft haben sich letztes Jahr Leute heimlich an euch gewandt?“

  • „Na, wie viele Leute haben letztes Jahr über euch versucht, heimlich etwas von Jesus mitzubekommen, ohne sich dafür aus der Deckung zu wagen?““

  • (oder eben, in Anlehnung an den aussätzigen Samariter:) „Wie oft haben sich Leute bei euch von dem Weg abgewandt, auf den Jesus sie geschickt hatte – und sind dabei eigentlich erst bei Jesus angekommen?“

 

 

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