[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

4. Versuch Vater Unser

Predigt MCC Köln, 21. Mai 2017
Manfred Koschnick

Lukas 11,5-13

Guten Morgen und guten Tag!
„Liebe“ Gemeinde…? Ich bin Mitglied dieser Gemeinde, bin manchmal recht lieblos… und manchen von Euch geht es genauso. „Böse Gemeinde“ sagt man aber auch nicht! :) Dass Ihr bzw. dass wir alle jederzeit (beim Hungern und beim Essen) solidarisch von Gott geliebt werden, dass wir also Geliebte sind, das glaube ich – u.U. – manchmal, wenn ich fröhlich bin. Darum also die von mir nun in Zukunft gewählte Anrede:

Geliebte Gemeinde!

Da gingen alle hin zu dem Wunderheiler Jesus, mit seiner magischen Medizin oder zu Johannes, dem Täufer mit seiner radikalen Kritik am dekadenten, korrupten, grausamen König Herodes und wegen des Täufers Johannes radikaler Umkehr in Sachen Lebenswandel wegen des baldigen Weltuntergangs. Jeder wollte etwas für sich selbst: eigene Taufe im Jordan, selbst-Erkenntnis gewinnen, oder sich selbst durch Buße spirituell weiterentwickeln…. Um selbst vor Gott ein Gerechter zu sein.

„Bitte, Jesus, heile mich!“ – „Ich bin taub. Bitte, Jesus, heile mich!“ – „Ich bin blind. Bitte, Jesus, heile mich!“ usw. Jesus tat das. Er war erstens Lehrer, ein Rabbi, und 2. ein spiritueller Meister mit großen magischen Fähigkeiten, der mit Gottes Hilfe heilte, wie man sich erzählte sogar einen Sturm beruhigte und einen Toten auferweckte. Und dann beobachteten sie live, wie dieser Meister sich abwandte und betete und so Kraft tankte. Und nun baten sie: „Gib uns doch auch mal ein Gebet, denn schließlich haben die andern, die Anhänger des Johannes doch auch alle ein Gebet“. Sie wollten auch Kraft habe und diese besondere Beziehung zu Gott. – Aber sie würden vielleicht überrascht von dem sein, um was sie gebeten hatten und mit welchen Gleichnissen Jesus Gottes Bereitschaft, uns zu helfen veranschaulichen würde. Uns ist das Vater-Unser so vertraut, dass wir nicht mehr überrascht sind. Einige aber irritieren angesichts Millionen Hungernder in armen Ländern die Sätze „Unser täglich Brot gib uns heute“ und angesichts der millionen Flüchtlinge „Klopfet an, und Euch wird aufgetan (Lutherdeutsch)“. Ob das Vater-Unser die Irritation irgendwie auflösen kann? Ob es etwas neues in das Denken der Menschen bringt? Das erste Wort des Gebets heißt nicht „ich will“, auch nicht „mein“ oder „wir“ sondern „unser“. Die Formulierung „Unser (aller) Vater im Himmel“ schließt eigene persönliche Feinde mit ein, denn sie gehören zu uns. Das ist schon mal ein Schuss vor den Bug eines egoistisch chauvinistischen Egos. Man will doch schließlich etwas für sich oder die eigene Familie, sein eigenes Volk. Dann folgt ein Wunsch, eine Bitte, aber nicht um das eigene Glück, Geld, die eigene Gesundheit oder eine gute Ernte. Verrückterweise bittet Jesus für seinen Vater im Himmel. Sein Reich komme, nicht mein sondern sein Wille möge geschehen, in seinem Himmel es ihm gelingen, und so auch auf der durch ihn erschaffenen Erde. Gott kommt zuerst, dann erst der Mensch. So ist’s recht, meint Jesus. Es wurde doch angekündigt, dass der Messias kommt! Nun ja, wenn wir für Gottes Erfolg beten, warum sollte Gott dann nicht erfolgreich sein? Aber verwirklicht Gott sein Reich denn nicht selbst (autonom) ganz unabhängig vom Willen der Menschen, weil es von Anfang an sein eigener souveräner Plan war? (Nun folgt ein komplizierter Satz.) Es ereignet sich in Dir und mir, wenn wir das Reich Gottes im Gebet aus dem winzig kleinen aber entscheidenden freien Willensimpuls heraus zulassen (Dein Reich komme!) und erbitten, der Menschen in ihrem von größeren Kräften bestimmten Schicksal bleibt. Darin kommt der Anspruch des Vater-Unsers nicht nur an Gott sondern zugleich an uns zum Ausdruck. Nach den Erklärungen und Beispielen Jesu vom dreisten Freund, dem Suchen und Finden, der geöffneten Tür könnten Menschen sich allmächtig fühlen, weil Gott aus Liebe zum Menschen scheinbar nicht anders kann, als dessen Wünsche zu erfüllen, symbiotisch wie das Stillen des Babys sobald es schreit. Himmel und Erde werden eins. Gott weiß was wir brauchen und will es uns geben. Die Wunscherfüllung geschieht gleich hier und jetzt wie bei einem Baby, dass Milch trinken will und daher alle mit seinem dramatischen Schreien nervt, so dass es gleich angelegt und beruhigt wird. Das könnte so schön sein… Wer suchet, der findet, wer anklopft, dem wird die Pforte aufgetan. Das ist aber noch nicht alles. Die Liebe Gottes will in jedem von uns als Nächstenliebe wirken, sich entfalten und Früchte tragen. Die Verantwortung für andere ist die Erdung des Heiligen Geistes, jener Kraft der Liebe.

Dann gibt es leider noch den „Fürst dieser Welt“, Satan, der das Gottesreich nicht will, der Menschen früher Angst machte, dessen raffiniertester Trick es heute jedoch ist, uns durch kluge Leute einzureden, es gäbe ihn nicht. Aber bei jedem Blick in die Zeitung sehen wir sein Wirken, die Wirkung des Bösen…. Gott weiß was wir brauchen und will es uns geben. Wie ein Stoßgebet müsste uns nun eigentlich automatisch beim Blick in die Zeitung jedes Mal der Wunsch durchfahren: „Unser Vater im Himmel, geheiligt werde DEIN Name. Dein Reich komme! Dein Wille geschehe. Und dann müsste uns eigentlich ein leidenschaftlicher Transformationsprozess ergreifen, bei dem wir uns mit aller Kraft politisch caritativ und diakonisch dafür einsetzen, dass Gottes Wille geschehe, damit das Reich Gottes unter uns Gestalt annimmt. Bittet, so wird Euch gegeben! Während der Bitte, müsste man doch schon danken können, wenn man Jesu Wort vertraut. Gott weiß was wir brauchen und will es uns geben. Das ist echter Glaube! Das ist christlicher Anspruch und christliche Verheißung. Gott weiß was wir brauchen und will es uns geben. Siehe die Lilien auf dem Felde. Sie säen nicht und ernten nicht und doch ernährt sie der Vater im Himmel. Das ist christlicher Anspruch an Gottes Gnade und grundlegende Verheißung Jesu. Manche können von Wundern in ihrem Leben erzählen – andere nicht!

Gottvertrauen geschieht oft nicht. Und das hat gute Gründe. Wir beten nicht bei jeder Not oder satanischen Verführung, …obwohl wir es könnten. Was ist denn mit uns Christen los? – – – Was mit Dir, mit Euch los ist, weiß ich nicht! Ich kann nun nicht von Dir und über Dich reden, sondern nur von mir und über mich und was es mir schwer macht, Gott zu bitten.

Ich bekenne hier vor der Gemeinde, dass ich nicht glaube, dass die Hungersnot in Somalia oder die Choleraepidemie im Jemen durch mein Gebet verhindert würde. Das lehrt mich meine Erfahrung, dass letztlich eben nur der Aufbau eines starken gerechten Staates in Somalia weitere Hungerkatastrophen durch gutes Krisenmanagement verhindern kann und die Gebete vieler Christen bisher nichts dazu beigetragen haben. „Bittet, so wird Euch gegeben“. Als ob die ausgemergelten Mütter in Somalia nicht betteln, bitten und flehen würden! Bibelverse wie diese können unsäglich verletzend und zerstörerisch sein! Warum eigentlich ertranken englische Kinder nachts bei einem Tsunami nachdem sie vielleicht mit der Mutter ihr Abendgebet (vielleicht das Vater Unser) gebetet hatten? Gott gibt, was wir brauchen. Brauchten sie denn alle zufällig zur gleichen Zeit den Tod durch Ertrinken? Seltsam. Zynisch! Gott weiß was wir brauchen und will es uns geben. (Einige Esoteriker sagen, der To0d im Tsunami war sinnvoll und brauchbar wegen des Karmas aus früheren Leben.) Brauchten die Eltern der Kinder wirklich diesen lebenslangen Schmerz? Manche können danach Gott bzw. seinem Sohn und seinen Theologen nicht mehr glauben, eben weil Jesus zugesagt hat “Bittet, so wird Euch gegeben!“ Hätte er das doch nicht gesagt! Die schmerzliche Enttäuschung über Gott ist so groß, dass es manchmal einfacher ist, erst gar nichts mehr von ihm zu erwarten – noch einfacher- Atheist zu sein. Dann kann man auch nicht enttäuscht werden. Die Trennung von Gott….Kann Gott das wollen? Mag sein – vielleicht im Einzelfall… Gott ist tot sagte Dorothee Sölle in Hinblick auf Auschwitz. Ich weiß es nicht, kann auch das nicht wissen. – und ich habe für Gott auch keine sinnstiftende glaubwürdige Ausrede parat, … Ich weiß nur, dass es im Meer Erdbeben und ständige Verschiebung der Kontinentalplatten auf dem flüssigen Erdmantel unter der Erdkruste geben muss, weil unser Planet nur so funktionieren kann. Ich weiß, dass die Kinder dort nur Urlaub machen wollten, völlig unabhängig von dem Thema der Plattenverschiebungen auf dem flüssigen äußeren Mantel, der wichtig ist, damit ein schützendes Magnetfeld entsteht, das alle Kreatur vor den radioaktiven Sonnenstürmen schützt – und dass Gott, wenn es ihn gibt, eben auch den Zufall erschaffen hat. Ansonsten könnte es keine Entwicklung durch Erbmutation geben z.B. von affenähnlichen Vormenschen hin zu der Entwicklung der heutigen Menschheit. Zufällig waren die Kinder dort wo ein Erdbeben im Meer die tödliche Flutwelle auslöste. Es war eine dieser Zufälle, ohne den die Erde nicht existieren kann. – Dass es Gott vielleicht gar nicht gibt, auch diese Möglichkeit können wir redlich und seriös nicht ignorieren oder ausschließen. Jedenfalls brauchen Menschen ihn nicht wirklich, um logische wissenschaftliche Zusammenhänge zu erklären. Das nehme ich sehr ernst und zerrede es nicht schön. Wenn es Gott aber gibt… Ich staune. Es gäbe dann etwas, das sei real auch ohne wissenschaftlichen Beweis – postfaktisch, wie man heute sagt. Aber es stehen ja nicht 2 naturwissenschaftliche Thesen gegenüber – Kreationismus gegen Evolution. Nein. Martin Luther riet dazu, die Bibel nicht wörtlich zu nehmen sondern den Sinn hinter den Worten zu hören, das, was auch noch ohne wissenschaftliche Logik wirkt, wenn es das überhaupt gibt. Da kann „Wer suchet, der findet“ ethisch berechtigt „unberechtigte“ Hoffnung geben, wo es nichts zu hoffen gibt. Das was gesucht wird, kann sich verändern so lange bis Menschen etwas finden oder was sie finden war nicht was sie suchten, aber es zeigte sich paradoxerweise gerade so: „Wer suchet, der findet.“. Meine Bitte, mein Übergewicht loslassen zu dürfen, dauerte 10 Jahre mit Hoffen und Bangen, Resignation, Trotz und der Überzeugung, dass ich Gottes gnadenreiche Antwort suchen musste obwohl ich nichts fand, das mir half. Dann zeigte Gott mir endlich etwas, das hilft. Ich war anscheinend wie jener unverschämte Nachbar, der einen nachts aus dem Schlaf klingelt, weil er Besuch bekommen hat. Gott wollte 10 Jahre lang nicht recht. Ich verstand das nicht. Schließlich gab er meinen Bitten nach. Als ich 50 kg abgenommen hatte, verfiel ich in eine schwere Depression, so dass ich frühberentet wurde. Ich hatte das Überessen gebraucht, um Gefühle verdrängen zu können. Nun als sie sich zeigten, überforderten sie mich. Vielleicht hat Gott sich deshalb so lange bitten lassen. Er wollte mich womöglich vor dem Abnehmen schützen. Ich weiß es wirklich nicht und leite aus der Erfahrung kein Dogma ab, erst recht nicht für andere! Manche Wünsche und Bitten sind töricht. Und manchmal hilft mir der Atheismus, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen jenseits der ausgelatschten christlichen Trampelpfade meines Geistes. Der Glaube ist für mich wie eine Brille, die ich aufsetzen kann, nicht vorher wissend ob es die richtige Brille zur richtigen Zeit für mich ist, bzw. ob ich mit dem Glauben die Wahrheit besser oder schlechter erkennen kann. Ich muss es immer wieder testen. Ach – da fällt mir spontan noch eine skurrile aus meiner Erfahrung abgeleitete Begründung für die lieblose Untreue Gottes ein. Meine Mutter tröstete mich so: „ Glaub mir! Dein leiblicher Vater liebt Dich wirklich, er kann es nur nicht zeigen“. Ich denke da spontan: „Vielleicht ist das beim himmlischen auch so…? Er liebt mich, aber er kann es nicht zeigen… der Arme!“ Das wäre jedenfalls eine Vaterprojektion hin auf Gott, …die dazu dient, Gottes Unschuld und Integrität zu schützen, d.h. ihn möglichst unangreifbar zu machen. So meinte und wollte das jedenfalls meine Mutter, als sie meinen Vater verteidigte, mir zum Trost. So meinen das alle Theologen, wenn sie erklären, dass dem menschlichen Leid irgendein verborgener Sinn und eine göttliche Gerechtigkeit inne seien. Damit opfern sie die wirkliche Seelsorge, glaubwürdigen Trost, ja gar die verunsicherten Menschen und manchmal sogar deren verbliebenen widersprüchlichen Glauben auf dem Altar ihres theologisch widerspruchsfreien Gottes.

Ich habe viele Stunden und Tage an dieser Predigt herumgedoktert, sehr viele Texte geschrieben und diese verworfen. Mal suchte ich die Schuld beim Menschen, dessen Kommunikation mit Gott zu störanfällig ist. Oder wie wär’s wenn das „Ich“, dem Gott etwas vorenthält und der Satan manipulieren will, mystisch und konstruktivistisch gesehen als Phänomen gar nicht existiert wie die Gender-Konstruktion von Mann und Frau? Dann gäbe es Hunger und Schmerz, aber kein ICH, das daran leiden müsste. Alle mehr oder weniger klugen Versuche zu erklären, warum Gott uns quasi einen Skorpion gibt, obwohl wir um ein Ei baten, scheiterten, wenn ich diese Versuche mit der realen somalischen Mutter konfrontativ in Beziehung setze, deren Kind tatsächlich verhungert. Die Nächstenliebe selbst zwingt mich Gott moralisch zu verurteilen, falls er das Leid der Mütter zu verantworten hat und falls es ihn gibt. Ich habe im TV gesehen, wie afrikanische Mütter, um wenigstens sich selbst noch ernähren zu können, die Kinder hinter dem nächsten Felsen anbinden und den Hyänen überlassen. Sie eigenhändig töten konnten sie oft nicht. Meine Familie hat auf der Flucht aus Pommern gesehen, wie tote Kinder am Straßenrand lagen, z.T. von im Krieg verwilderten Hunden zerbissen, weil auf der Flucht keine Zeit war, sie zu beerdigen. Auch meine Mutter verlor ein Kind bei der Flucht, meine älteste Schwester. Die frommen Bibel-Sprüche in der Feldpost meines Vaters halfen meiner Mutter überhaupt nicht. Meine Schwester, die ihren Sohn verlor, sagt mir, dass vieles in der Bibel grundsätzlich nicht stimme; es sei ihr früher vor dem Tod ihres Sohnes nur nicht aufgefallen. Sie fragt nun: „Da das Grundsätzliche, die Liebe und Fürsorge Gottes usw. nicht stimmt, stimmt dann überhaupt noch irgendwas im christlichen Glauben?“ Was soll ich ihr antworten? Ich brauche gar nicht erst zu versuchen, bei dieser Predigt klüger oder frömmer zu sein als mein Vater im Krieg. Ich kann mir die tröstende Antwort auf die quälende Frage, warum Gott so oft nicht hilft und so oft keine Wunder geschehen nicht aus dem Gehirn quetschen oder aus den Rippen schneiden. Ich bin weiß Gott nicht der erste, der an dieser Frage scheitert. Vielleicht finde ich in der Bibel einen Trost und Zuspruch? In Vers 13 heißt es „Wie viel mehr wird der Vater im Himmel denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten. « Wenn der Heilige Geist, die Ruach die Trösterin ist, kann sie Menschen darüber trösten, dass Menschen manches manchmal oder immer wieder weder verstehen noch glauben können, weil die furchtbarsten Dinge geschehen. „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich sehe, dass Sie einen brauchen“ schrieb Berthold Brecht. Ja, die Ruach und bei Gläubigen auch dieser Vers 13 kann trösten, …ist aber auch nicht das, worum die Mütter derzeit in Somalia bitten. Könnten die Mütter überhaupt noch Gott um Trost bitten? Sie wollen keinen Trost sondern Reis und Medizin. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Erst muss es möglich sein, den armen Leuten vom großen Brotlaib ihr Teil zu schneiden!“ (B. Brecht) AMEN

 

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