[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Jesus bloggt über Klischees und sein schief gegangenes Outing

Predigtgedanken MCC Köln
Ines-Paul Baumann


Lk 4, 14-30: Jesu Predigt in Nazareth und die Ablehnung Jesu in seiner Heimat

 

Als Jesus endlich ein ruhiges Plätzchen unter einem Feigenbaum gefunden hatte, klappte er das Laptop auf und öffnete sein E-Mail-Postfach. Nachdem er den ganzen Müll an Penisvergrößerungen, Potenzmitteln, PIN-Abfragen, Passwort-Bestätigungen, Online-Casinos und lebensverlängernden Pillen aussortiert hatte, blieben fünf Mails übrig. Jesus überflog die Mail-Anfänge.

„O Christe, Mariens Sohn, Herr aller Heerscharen, Haupt voll Blut und Wunden, erbarme dich meiner. Ich habe alles, was ich brauche – einen gut bezahlten Job, gute Freunde, das neueste Handy. Aber irgendwie stellt mich das alles nicht mehr zufrieden. Ich fühle mich leer. Wofür lebe ich wirklich? Ich weiß nicht mal, mit wem ich darüber reden soll! Meine Familie ist so stolz auf mich. Meine Freunde werden aus allen Wolken fallen. Und wenn die im Job wüssten, was ich wirklich denke, wäre ich da sofort raus. Vielleicht ahnen sie schon was. Ich passe da nicht mehr rein. Aber wo soll ich hin?“

„Lieber Jesus, vor ein paar Tagen habe mich als Lesbe geoutet. Ich habe damit kein Problem und ich weiß, du auch nicht. Aber meine Familie und meine frühere Gemeinde drehen voll am Rad und wollen mich nie wieder sehen. Selbst manche meiner alten Freunde distanzieren sich von mir. In mein altes Leben kann und will ich nicht zurück. Aber wo soll ich jetzt hin?“

„Jesus, unser Freund und Bruder, sei froh, dass du Single bist. Ich habe mit Beziehungen so viele schlechte Erfahrungen gemacht. Wie oft habe ich für Nähe mit Sex bezahlt. Was für komische Vorstellungen haben wir von Beziehungen! Alles ist so eng. Die Rollen sind festgelegter als in jedem Theaterstück. Schon meine Mutter hat für meinen Vater immer das Weibchen spielen müssen. Unsere Ideen von Mannsein und Frausein schränken Menschsein so ein. Gute Rollenvorbilder für ehrliche Beziehungen habe ich nie erlebt. Dummerweise habe ich mich jetzt verliebt. Ich habe aber überhaupt keine Lust, wieder in diese alten Schubladen zurückzufallen. Da passe ich nicht rein. Aber wo soll ich stattdessen hin?“

„Göttliches Wesen, religiöse Menschen haben in meinem Leben viel Schaden angerichtet. Sie haben mir gesagt, dass ‚unsere‘ Kirche die richtige ist und andere Formen von Gottesdienst falsch sind: ‚Wir‘ haben das ‚richtige‘ Abendmahl, wir haben die richtige Form von Gebet, wir legen die Bibel richtig aus… Nun merke ich, wie eng viele dieser Vorstellungen sind. Du, Gott, passt auch nicht in eine bestimmte Form von Christsein. Ich passe da auch nicht mehr rein. Meine alte Heimat ist eine enge Schublade geworden, aber andere kenne ich noch nicht bzw. sie gelten ja als falsch. Wo soll ich jetzt also hin?“

In Jesus tauchten Bilder auf von seinem eigene Outing als Gottes Sohn. Als er zurückgegangen war in seine Heimat, wo alle ihn kannten. Wie immer waren sie in die Synagoge gegangen, und nach der Lesung aus der Schrift offenbarte er ihnen, wer er war. Dass der Geist Gottes auf ihm war, und dass er gesandt war zu verkündigen das Evangelium den Armen; dass er den Gefangenen predigen sollte, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei sein sollen, und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.

Zuerst waren alle ganz angetan von der Ruhe und Kraft, die von ihm ausging. Alle merkten ihm an, dass er sich selbst gefunden hatte, dass er Klarheit hatte, wer er war und was er zu tun habe.

Aber schnell kippte ihr Wohlwollen, als sie merkten, dass er damit nicht mehr ihren Erwartungen gehorchen würde. Er konnte sich gut an das Gefühl erinnern, wie sie anfingen zu tuscheln und auf ihn zeigten und sagten: „Moment mal, das ist doch der Sohn von Maria und Josef!“ Ausgerechnet diejenigen, die ihm am besten zu kennen meinten, konnten nicht zulassen, dass er anders war als von ihnen gedacht.

Am schlimmsten war, dass sie ihn nur für sich behalten wollten. Statt „du gehörst zu uns“ meinten sie: „Du gehörst uns.“ Tue nur uns Gutes. WIR wissen wer du bist, WIR sind die Guten, gib UNS deine Kraft… Wie kannst du es wagen, zu DEN ANDEREN zu gehen, dich den ANDEREN zuzuwenden?

Wie kamen sie darauf, dass er, Jesus, Gottes Offenbarung der Liebe und Gnade Gottes, nur ihnen gehören sollte? Dachten sie etwa, Gott würde nur sie lieben und alle anderen Menschen nicht? Insbesondere diejenigen nicht, die anders dachten und anders lebten und anders glaubten als sie selber?

Jesus wusste noch, wie er noch versucht hatte, es ihnen zu erklären. Mit Worten und Texten, die sie kannten und die sie respektierten. Die Geschichten, wo Gott sich gerade denen zugewandt hatte, die tatsächlich anders waren.

Statt damit auf Verständnis zu stoßen, reagierten sie nun erst recht mit Wut und Abwehr. Dass er nicht so war, wie sie ihn haben wollten, brachte sie an ihre Grenzen. Und dann hatten sie ihn hinausgetrieben und wollten ihn tatsächlich hinabstürzen. Wenn er schon nicht ihnen gehören durfte, dann sollte er niemandem gehören.

Jesus öffnete ein neues Fenster auf seinem Laptop und tippte los: „Ihr Lieben, ich weiß, wie ihr euch fühlt. Manchmal ist es schwer, zu sich zu stehen – insbesondere denen gegenüber, die einen zu kennen meinen. Und die an ihren Schubladen festhalten wollen. Aber wenn ihr wisst, dass ihr da nicht mehr reinpasst, gibt es kein Zurück mehr. Ihr habt ein gutes Gespür für das, wo ihr nicht rein passt. Hört auf euer Gefühl. Steht zu euch. Auch wenn ihr noch nicht wisst, wo eure Reise hingeht, ist es jetzt bereits zu spät, um nur noch am Alten festhalten zu können. Ich will euch nichts vormachen: Euer Weg wird nicht immer einfach sein. Aber es ist EUER Weg. Und einen anderen gibt es nicht…. Steh zu dir und gehe Schritt für Schritt weiter, in eine neue Lebenswirklichkeit, mit neuen Erfahrungen, mit neuen Bezügen zu dir selbst, zu deinen Mitmenschen und zu mir. Du kommst nicht drum herum, zu sein, wer du bist. Sei gewiss: egal, was die anderen sagen und wie sie sich beschweren und wie sie dir Angst einjagen wollen: Ich bin an deiner Seite. Ich gehe jeden Schritt mit dir. Mein Geist gibt dir die Klarheit und Kraft, zur Wahrheit zu stehen. Gemeinsam sind wir dir Trost und Hoffnung. Höre auf mit den Versuchen, am Alten festhalten zu wollen. Es wartet was besseres auf dich. Folge mir nach. Dein -“

Jesus brach ab. Wie sollte er nun unterschreiben? Mit welchem Namen?
„Jesus“ war der Name, den seine Eltern ihm gegeben hatten. Ein ganz normaler Männername. Aber in dieses ganz normale Mannsein passte er nicht rein. Er wollte nicht mit Männerklischees in Verbindung gebracht zu werden. Wenn die Auswahl an Spam-Themen typisch war für Männer, wie sollten dann zum Beispiel Frauen auf ihn reagieren?
„Christus“ war auch komisch: „Herr“ – das klang so herrschaftlich und distanzierend.
„Mariens Sohn“? Das stimmte natürlich, aber was war das für eine Beschreibung?! Was sollte damit ausgesagt sein über ihn selber?
„Gottessohn“, „Menschensohn“, „Bruder“, „Freund“…

Egal welchen Namen oder welche Ergänzung sich Jesus suchte, sie alle waren doch auch wieder verknüpft mit Erwartungen an ihn, die ihn einengen wollten: „Du bist Mariens Sohn und gehörst UNS!“ – „Du bist der Herr aller Heerscharen und gehörst UNS!“ – „Du bist UNSER Bruder, und nicht der Bruder von DENEN!“ Jesus war unglücklich. Warum sind es ausgerechnet diejenigen, die IN SEINEM NAMEN reden und handeln, die sein Reden und Handeln andere nicht gönnen?

Jesus rückte das Laptop zurecht und tippte weiter: „Euer Jesus mit den vielen Namen, bei denen ihr mich nennen dürft.“ Er hoffte, das würde genug Freiraum geben auch für neue Erfahrungen der Menschen mit ihm. Auch für solche Erfahrungen, die nicht in ihre Klischees passen. Die Menschen, an die er sich gerade wandte, befanden sich immerhin gerade selbst im Aufbruch. Das Alte passte nicht mehr. Jesus wusste, wie wichtig solche Aufbrüche waren. Sie sollten sich seiner uneingeschränkten Unterstützung gewiss sein.

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